Kammerspiele Werkraum  The Re'Search von  Ryan Trecartin


 

Die vierte Welt

Neben den, durch sozial-ökonomische Kriterien definierten „drei Welten“ - natürlich ist das eine Metapher, denn alle diese Welten sind auf ein und demselben Planeten angesiedelt -, existiert inzwischen eine „vierte Welt“, eine virtuelle. Nein, diese „vierte Welt“ ist nicht das Internet. Das Internet ist nur die Infrastruktur dieser Welt, die langsam und unaufhaltsam Besitz von den Hirnen weltweit ergreift. Die „vierte Welt“ existiert in genau diesen Hirnen und das Internet hat sie erst möglich gemacht. Genau genommen ist die „vierte Welt“ nur die fünfte Dimension der realen Welt, in der die drei Dimensionen, Raum und Zeit nach Gutdünken gegeneinander verschoben, verzerrt und ausgespielt werden können. Die Verhaltensweisen der Bewohner, die gelegentlich extraterrestrisch erscheinen mögen, haben ihre Ursprünge durchaus in der banalen Realität, die, vielleicht sollte das für manchen Erdenbewohner noch einmal erwähnt werden, immer noch da ist. Die Frage, warum diese „vierte Welt“ explosionsartig expandiert und an den Urknall erinnert, liegt einerseits an dem ungebrochenen Drang des Menschen, zu neuen Ufern aufzubrechen, andererseits, und das ist vermutlich die stärkere Triebkraft, an der Tatsache, dass inzwischen dort das richtig große Geld verdient werden kann.

Darum verwundert es auch nicht, dass das theatrale Unternehmen den Namen „The Re'Search“ trägt und eine Marktforschungsanalyse ist. Allerdings nimmt diese keine von außen herbeizitierte Marketingagentur vor, sondern das Individuum, der Bewohner dieser Welt selbst. Er steht unter dem enormen Druck, sich selbst ständig zu optimieren, um wahrgenommen zu werden. Und wahrgenommen werden ist alles in einer Welt in der „I Participate“ oberstes Gesetz ist. Der immense Druck, stets upgedatet sein zu müssen, um den Statusanforderungen zu genügen, verändert die vitalen Funktion. Die Beschleunigung verzerrt die Stimmen, zerstört die Syntax und formiert sie nach neuen Gesetzen, dynamisiert die Gestik und die Mimik. Die Farben, Formen und die Bewegungen werden signalträchtiger. Was einst als psychotisch wahrgenommen wurde, ist in dieser Welt natürliche Realität. Die Technik macht es möglich. Ganz (ursprünglich) weltlich bleiben indes die Ziele: Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, Sicherheit etc. Allein, die Mittel sind drastisch: Selbstmorddrohungen, Selbstzerstörung, sexuelle Grenzüberschreitung, ja, sogar das Vorspielen völliger Verblödung (JayJay Jackpot – eine sehr effiziente Marketingidee).

  The Research  
 

Julia Riedler, Brigitte Hobmeier, Thomas Hauser

© Julian Baumann

 

Ryan Trecartin, 1981 in Texas geboren, gehört inzwischen zu den einflussreichsten Künstlern seiner Generation. Sein Rohmaterial baut er in den Chatrooms der „vierten Welt“ ab und erschafft daraus Samplings, die die Wesenhaftigkeit dieser Welt bloßlegen und sie offenbaren. Dabei denunziert er nicht, sondern verdeutlicht. Verständlich wird dieser Gedanke, wenn sich der Besucher der Theatervorstellung zuvor in das dritte Untergeschoss des Neuen Hauses der Münchner Kammerspiele begibt, wo eine Multimedia-Installation des Künstlers aufgebaut ist. In zwei Räumen flimmern Videos über große Screens, eingebettet in Versatzstücken der Post-Internet-Welt. Die Videos sind wegen der Schrillheit, der harten Schnitte und des Tempos schwer auszuhalten, vermitteln aber einen nachhaltigen Eindruck davon, wie hart das Leben derer ist, die in dieser virtuellen Welt leben (wollen oder müssen).

Ryan Trecartin schuf mit „The Re’Search“ ein lyrisch anmutendes Werk, das in seiner Form so neu gar nicht ist. Schon Ernst Jandl zelebrierte mit seinen onomatopoetischen Gedichten eine nicht immer vordergründig sichtbare Welt, nämlich die des Unterbewusstseins. Felix Rothenhäusler inszenierte den auch in grafischer Hinsicht hochinteressanten Text mit Brigitte Hobmeier, Julia Riedler und Thomas Hauser. Die Theatervorstellung begann allerdings bereits eine Stunde vor dem Auftritt der Darsteller mit einer Lichtinstallation von Matthias Singer. Was man Anfangs, bei dem verzweifelten Versuch, das Programmheft zu lesen, für eine technische Störung halten konnte, erwies sich als wohldurchdachtes Konzept. Die Lichtbänder an der Decke suggerierten Datenströme und erinnerten in ihrem Rhythmus an die LED Lichter eines Routers. Die Bühne von Jonas von Ostrowski bestand aus einer leeren Spielfläche mit einer Spiegelrückwand. Da das Licht während der Vorstellung nicht heruntergefahren wurde, hatte der Zuschauer auch sich selbst ständig im Blick.

Sechzig Minuten lang brannten die drei Schauspieler ein sprachliches, mimisches und körperliches Feuerwerk ab. Allein die Detailvielfalt der gestischen Varianten war schwer fassbar. Noch schwieriger war indes der Text, denn es gab kaum eine nennenswerte Geschichte, noch einen sprachlichen common sense. Das Sprachmaterial wurde unentwegt in seine Einzelteile zerlegt, woraus sich verblüffende Ausdrucks- und erstaunliche Inhaltsvarianten ergaben. Zudem hatte  Felix Rothenhäusler seiner Inszenierung eine posenhafte Infantilität unterlegt, die an Mangafiguren erinnerte. Dennoch waren die Texte mit hochkarätigen Begriffen gespickt, die nicht Bestandteil der normalen Alltagsprache sind. Das ist insofern kein Widerspruch, weil unsere Sprache tagtäglich Zuwachs bekommt aus der Computersprache. Die Darsteller waren dank der Spiegel rundum sichtbar. Ihre Körperlichkeit spielte als Ausdrucksmittel eine sehr große Rolle und alle drei Darsteller brillierten gleichermaßen. Es war eine echte Augenweide!

Sechzig Minuten lang konnte der Zuschauer in fantastischem Schauspiel schwelgen, wie man es seit der letzten Spielzeit an den Kammerspielen nur noch selten zu sehen bekommt. Es hat sich sicherlich schon herumgesprochen, dass Brigitte Hobmeier genau wegen dieses Mangels an darstellerischen Herausforderungen die Kammerspiele verlassen wird. Erlebt man sie in dieser Inszenierung, wird schmerzhaft deutlich, welchen Verlust das Haus und die Zuschauer erleiden werden.

Diese Inszenierung ist eine künstlerische Punktlandung, in der einfach alles stimmte. Sie ist durchaus auch geeignet für Zuschauer, die in ihrem Smartphone noch ein Telefon sehen, auf dem man auch Kurznachrichten verschicken kann. Der ästhetische Genuss wird sie nicht nur versöhnen mit dem Thema, er wird sie unterhaltsam und nachdrücklich auf eine Zukunft vorbereiten, die sich momentan noch der Vorstellungskraft der meisten Mitbürger entzieht. Und genau das sollte Theater leisten.


Wolf Banitzki


The Re'Search   

von  Ryan Trecartin

Brigitte Hobmeier, Julia Riedler, Thomas Hauser

Inszenierung: Felix Rothenhäusler