TWM-Studiobühne Untertagblues von Peter Handke


 

 
Je lauter desto Recht oder Der Spaß ist kein Spaß

Peter Handke schrieb in den wilden Sechzigern das Stück „Publikumsbeschimpfung“ und erntete seinerzeit damit Ver- und Beachtung. Sein letztes Stück „Untertagblues“ stammt aus dem Jahre 2004. Wieder wirft er einen Blick auf die Menschen in der Gesellschaft und auch diesmal ist es wieder ein ironisch sarkastisch melancholischer, der in einer reichen vielfältigen Sprache seinen Ausdruck findet. Das Weltbild eines Schubladen-Denkers findet sich darin und es gilt dieses auf der Bühne auszubreiten.

„Schon wieder muss ich mit euch zusammen sein. ...“ , begann der Wilde Mann seine Ausführungen über seine Haltung gegenüber den Mitmenschen. In einem Abteil einer U-Bahn saß er am Fenster und starrte auf sein unsichtbares Gegenüber. Die Gruppierung der Stühle, sowie die Haltestange zeigten unmissverständlich den Ort des Geschehens. Nach und nach begannen sie aus ihm hervorzubrechen, die Worte, die Benennungen, Beurteilungen von menschlicher Schwäche, Dummheit und Fehlbarkeit. „Erlöst mich von eurem Anblick.“, sprach’s und wechselte den Sitzplatz, ging im Waggon auf und ab. Ansagen über Stationen untermalten akustisch den Hintergrund. Dann wandte sich der Wilde Mann, Jurij Diez, an das Publikum und zog es in seine Betrachtungen hinein. Zwischen Enthusiasmus und Aggression schwankend, verteilte er die Wortbilder der Unzulänglichkeiten. Doch Witz und Ironie, die erlösenden Momente wollten sich nicht so recht einstellen. Und das Lachen aus den Reihen im Publikum wirkte kaum befreiend, wohl ebensowenig wie das Ablegen der Kleidung. Erst als in der U-Bahn die Frau im Abendkleid, Jaime Villalaba-Sanchez als eine Fantasy-Fee der Egalität, erschien und ihm seine Worte voller Inbrunst wiedergab, fühlte er sich ertappt.

„Fernsichtverhinderer – Zwischenraumersticker – Zielversklavt – Klickmausgestalten“, wirft Peter Handke dazu in den Raum. Der Regisseurin Katrin Kazubko gelang eine höchst interessante Inszenierung, die zu Auseinandersetzung anregen könnte. Bleibt Theater nur Spiegel der Gesellschaft oder erlangt es auch wieder weiterführenden Bildungs-, Gestaltungs- und Ideencharakter?

  Untertagblues  
 

Jurij Diez

©

 
 Die weitgehende Entblößung des Protagonisten wirkte entbehrlich, da der Vorgang sehr offensichtlich durch den Text geschieht und damit das, was im Zuschauer stattfinden sollte, außen vorweg genommen wurde. Der Überschwang des Wilden Mannes, der mit Enthusiasmus einen Miesepeter spielte, verfälschte bisweilen die Stimmung und verschob den Inhalt von erhellendem Amüsement zu Spasss. Mit dem Lachen wird zwar ein psychischer Befreiungseffekt erreicht, dem heute vieles untergeordnet wird, doch bleibt das dann auch alles. Und dann? Die Sprache, welche ein Handke Stück trägt, blieb scheinbar unbeachtet. Die Betonung und die Pausen erfolgten teilweise willkürlich oder dem Atem des Augenblicks folgend, was den Sinn zerstückelte und damit entkräftete. Zerfall übernommener Aussagen, Gepflogenheiten und deren Klischees durch jugendliches Ungestüm ist so alt wie, ja, wie die Kultur selbst und diente bislang Erneuerung und Entwicklung. Doch gibt es Grenzen, und wenn ja, wo sind die Grenzen?  Die Aufhebung von klassischen Regeln, zum Beispiel denen des Theaters, bringt noch lange keine neuen Regeln, sondern meist Beliebigkeit hervor. Es sind die Zeichen der Zeit, der Habitus in der Gesellschaft, dass die Zuschauer direkt einbezogen und bewegt werden, dass Entblößung des Körpers zum Tagesgeschehen gehört, dass mit umfassendem Pathos Erklärung verbreitet wird, als käme diese direkt aus der himmlischen Bürokratie.

Der jungen Schauspieler  schwankte zwischen dem Enthusiasmus in einer Weltsicht und der blanken Aggression gegen die Mitmenschen, sei es in persona im Zuschauer, sei es fiktiv. Vorurteile sind Haltegriffe des Geistes zur Erkennung und Definition von Welt. Als dem Wilden Mann seine Äußerungen als ihm immanent erklärt wurden, flüchtete er, flüchtete und turnte er auf der Haltestange. Zurückgeworfen auf seine Natur schwieg er.

 

C.M.Meier


 


Untertagblues

von Peter Handke

Jurij Diez, Jaime Villalba-Sanchez

Regie: Katrin Kazubko