i-camp Bruder Sense und Frau U von Pelikan Önobu


 

 

Japanischer Frühling

Das Kirschblütenfest ist für die Japaner das bedeutendste Fest des Jahres. Der warme Wind treibt den Duft der rosa Kirschblüten über das Land und damit verschwinden für einige Tag alle anderen Gerüche. Einem traditionellen Ritual folgend vernichten die Menschen ihre, nur für diesen Anlass vorgesehenen Essensbehälter. Behälter mit radioaktivem Inhalt hingegen widersetzen sich dem schnellen Zerfall.
    
Pelikan Önobu – der Autor und Theaterleiter, schrieb nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 das dokumentarisch-fiktive Stück „Kiruannya to Uko-san“, welches im Juni des Jahres uraufgeführt wurde. Zahlreiche weitere Inszenierungen u.a. in Tokio folgten. Otone Sato, Regisseurin des deutsch-japanischen Theaterkollektivs EnGawa, übersetzte das Werk weitgehend originalgetreu ins Deutsche. In „Bruder Sense und Frau U“ begeben sich drei Frauen auf die Suche nach Frau U. In dieser Stadt betreibt Bruder Sense einen Zeitungsladen, in dem er Zeitungen in kleine Schnipsel schneidet und anschließend auf den Straßen verteilt. Die Frauen lesen die Überschriften der Zeitungsartikel, suchen jede für sich andere Merkmale in Frau U. Ein Mann berichtet in einer Videobotschaft: Die zur Weltausstellung in Osaka 1970 vergrabenen Zeitkapseln enthalten einen Brief an die zukünftigen Generationen in 6000 Jahren. Es sind Berichte von der Gesellschaft vor 40 Jahren, diese enthalten noch den Ritus des gemeinsamen Familienessens als zentralen Lebenspunkt. Heute müsste wohl von einer Welt der Individualisten berichtet werden, der das Du abhanden gekommen scheint, oder das vielmehr in ein globales strombetriebenes Netz diffundierte.

Bruder Sense und Frau U – das Stück wirft einen Blick auf die moderne Gesellschaft in der nationale und regionale Grenzen aufgehoben und damit auch universelle Gegebenheiten sichtbar gemacht werden. Drei gleiche helle Schränke standen auf der Bühne. Drei, in gleiche helle Overalls gekleidete junge Frauen mit gleichen Frisuren stiegen aus den Schränken. Masako Ogura, Irmela Jane Purvis und Birgit Werner verkörperten die Suchenden. Auf dem, den Mittelpunkt bildenden Tisch bauten sie eine Spielzeugstadt mit Plüschtier, Eisenbahn und Häusern. Dazwischen lasen sie eifrig Sätze aus den Zeitungschnipseln oder Geschichten vom Smartphone  und – dabei immer auf der Suche nach Frau U (You). Sie konnten durchaus auch für virtuelle Figuren des weltweiten Netzes stehen, wie die gleichbleibende Emotionslage - abgesehen von einer Ausnahme - in den Gesichtern der Geschäftigen ausdrückte. Oder war dieser Aspekt der japanischen Konvention geschuldet? Unterbrochen war diese Betriebsamkeit durch Videoprojektionen, die die Verteilung der Nachrichten vor Augen führten und die Botschaft in den Zeitkapseln wiedergaben - ein ebenso emotionsloser Vortag von Christoph Dähne. Die Gestaltung der Lichteffekte und die Videoprojektion erfolgten auf hohem technischen und handwerklichen Niveau – Joachim Hofer. So brachte die Performance - präzise unterhaltsam unmissverständlich - das Gesellschaftsbild eines scheinbaren Individualismus auf die Spielfläche.

 

BruderSense

 


Masako Ogura

© Dean Causewic


EnGawa - der Name der Theatergruppe steht im Japanischen für die Bezeichnung der Veranda in traditionellen japanischen Häusern, ist somit die Verbindung zwischen Innen- und Außenraum. Er steht aber auch in der Jugendsprache als Wortspiel für „Theater, niedlich/süß“. Und damit „... verdeutlicht es die Wertvorstellung der gegenwärtigen Jugendkultur im Niedlichkeitswahn und ichbezogenem Sprachgebrauch.“  (Siehe Programmblatt)

Ohne Weltanschauung, ohne Persönlichkeit formt sich kein eigenständiger künstlerischer Ausdruck.
Was bleibt vom Menschen, wenn Tradition und Kultur verloren gehen? Ein Körperwesen auf der Suche nach sich selbst. Antworten zu finden zu wollen in den von Zeitungen dokumentierten Ereignissen, ist wie das Speichern von allgemeinen Daten in dem persönlichen Allegorithmus. Das Individuum auf der Ebene einer Rechnerfunktion. Es läuft hin und her zwischen leerem Körper und zerstörender Tätigkeit, die als wichtig hervorgestellt und also sinnvolle Arbeit genannt wird. Wieviel davon wirklich Sinn im Sinne von „Leben“ und Lebensraum erhaltendem Tun ist, und wieviel davon blinder Aktionismus in tierischem Fortpflanzungs- und Fressverhalten, muss der Einzelne sich selbst beantworten. Den notwendigen Schritt zum Menschsein zu vollziehen, schlägt die Uhr. Dass man mit den angestoßenen Geschehnissen nicht wirklich umgehen kann, zeigt die Machtlosigkeit im Umgang mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Technik Version 10.0 und doch nur Handlungsweise 0.10 – ein Abgrund  in den Natur und Mensch stürzen. Auf die Herausforderungen mit Naivität zu reagieren, veranschaulicht eine von Religion geprägte Haltung. Von Aufbegehren oder gar der Suche nach Antworten findet sich nur eine sehr feine Spur.

Genügt es wirklich das Plastikspielzeug vom Tisch zu nehmen, die letzten Zeitungsausschnitte in Luft aufzulösen, die Farbe Rosa dem Spektrum der Hoffnung zuzuordnen?

 

C.M.Meier

 

DEA Bruder Sense und Frau U

von Pelikan Önobu
Deutsch von Otone Sato

Christoph Dähne, Masako Ogura, Irmela Jane Purvis, Birgit Werner

Regie: Otone Sato