Marstall Die Jagd nach Liebe nach Heinrich Mann


 

 

Der Schöne Schein

Der Schöne Schein ist es, der das Feine Bürgertum auszeichnet, ihm zu blendendem Auftritt verhilft. Die Feinheit findet immer wieder den Weg durch die Banalität und erhebt diese zu Generosität. Die Generosität wiederum bewegt sich in einer Welt der Selbstbespiegelung, dreht sich um sich selbst, bis sie durch den Schwindel auffliegt.

Heinrich Mann, Vertreter des Bismarck‘schen Bürgertums und sein Roman „Die Jagd nach Liebe“ werden in der Ankündigung der Inszenierung, im Programmheft und in zahlreichen literarischen Arbeiten beschrieben, analysiert und erklärt. Seine Beziehung zu seiner Schwester Clara, der Briefwechsel und die überlieferte Realität finden ebenso ausführlich Aufmerksamkeit, wie die Erzählung selbst. Dieser Spiegel einer Zeit und der ihr innewohnenden Umstände wurde von Barbara Weber und Veronika Maurer mit aktuellen Attributen verknüpft und zu einer Bühnenerzählung umgestaltet. Erklärende Passagen wechselten mit Dialogen, die Vergangenheit spiegelte sich in der Gegenwart, das Chaos löste die bürgerliche Ordnung auf, das Tierische obsiegte.

„Wenn es nur gut geht!“  Lukas Turtur, im schillernd bunten Anzug (Kostüme: Pascale Martin), spielte den, einzig seiner Jugendliebe Ute anhängenden, reichen Erben Claude Marehn. Die Suche nach dem Unerreichbaren, der Liebe, trieb ihn an. Sex und Männerspielzeug vermochte nur kurz sein Interesse zu fesseln. Andrea Wenzl, Ute mit üppigster roter Haarpracht (dem Sinnbild von Leidenschaft) ausgestattet, stöckelte eher desinteressiert über die Bühne. Desinteressiert nicht nur an Claude, wohl am Leben per se, driftete sie scheinbar emanzipiert, gleich einem naiven Star, durch die Szenen. Tom Radisch und Simon Werdelis gaben die verschiedenen Freunde Claudes, variierten moderne Figuren aus der sogenannten Männerszene. Während Götz Argus, als Karl Panier, einfach nur den erfolgreichen Jäger im Prinzip einer vorangegangenen Generation vor Augen führte. Sein Metier nicht nur die Jagd nach Frauen, sondern auch die nach Geld und Geltung.

Der Spielgestus der Hysterie, der Übersteigerung der Gefühle, trug die Aufführung. Alle Darsteller boten die beachtliche schauspielerische Leistung, diesen von Beginn bis zum Ende durchzuhalten. Keine Pause, keine Schwäche in der Haltung. Sogar die kurz aufflammende Verzweiflung fand darin ihren starken Ausdruck. Die Übersteigerung des Übersteigerten sich selbst die Tore ins Jenseits öffnet. Am Ende wurde der Mann Claude gescheitert als Jäger in der Liebe, in dem bürgerlichen Symbol des umgestülpten roten Samtsofas (Bühne: Sara Giancane) aufgebahrt. Der Tod hatte seine Hand im Spiel und selbst im letzten Augenblick versagte Ute ihm die, so scheint es, erlösenden drei Worte, den Sieg über sie als Beute.

Barbara Weber inszenierte einen bunten Reigen, eine Wiedergabe von Realität, ein Panoptikum von Oberflächlichkeit, wie er nur in Zeiten der überall flimmernden Bilder entstehen kann. Ganz wie Ute verkörperte, die vorgab die Leidenschaft auf der Bühne zu erspielen und im Bühnenleben bildschirmcool rüberkam. Dennoch blitzten überzogene Momente auf. Der Roman bildete einen Hintergrund, ein Versuch durch Nacherzählung die Welt zu erklären, der in partieller Reflexion hängen blieb.

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Tom Radisch, Lukas Turtur, Simon Werdelis

© Matthias Horn

 

Doch was, wenn die ganze Analyse, Selbsterkenntnis die Menschen und die Welt auch noch nicht weiter gebracht haben? Umsonst der Schöne Schein von Kunst und Wissenschaft der Psychologie betrieben würde? Diese wiederum nur Generosität vermittelten.

Denn was, wenn die Liebe zu einem Menschen genauso die persönliche Unzulänglichkeit wiedergibt, absolut unerfüllt bleiben muss, wie die Liebe zu einer Ausdrucksform der Selbstverwirklichung, beispielsweise der Kunst oder der Wissenschaft? Denn was, wenn ein Personenwechsel genausowenig wie ein Schauplatzwechsel zu Erfüllung führt, eben nur Bestätigung wiedergibt? Denn was, wenn nur das Unerreichbare, die Illusion von Erfüllung nährt und weiter trägt?

Es ist ein Zirkus um drei Worte. „Ich liebe dich“  ist in der deutschen Sprache dem „Ich liebe mich“ wohl näher als in allen anderen Sprachen auf der Erde. Ein Buchstabe entscheidet. Daraus könnte man unbedingte Nähe zu den Worten der Bibel „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ableiten. Dabei offenbart sich damit letztlich nur ein naturgegebenes psychisches Desaster, welches seit Jahrtausenden seinen Ausdruck findet und wohl weiterhin Mensch zwischen Wesen und Unwesen vorantreiben wird. „Dazu ist all sein Streben nur ein Selbstbetrug.“ B. Brecht

Es gelang mit der Inszenierung ein Brückenschlag über die letzten hundert Jahre – von der Veröffentlichung des Romans im Jahre 1903 bis 2014. Die verbindenden Elemente waren keinesfalls zu übersehen, überhören - saturiertes Bürgertum, Hysterie, Dekadenz und der daraus folgende Zerfall in eine andere Gesellschaftsform, der ein allzu ähnliches Schicksal beschieden sein wird. Es sind lediglich die Akteure, die Vorzeichen die sich ändern. Das Heute: Eine Zeit in der Frauen - die in den ausgetretenen Fußspuren der Männer stehen (also wiederum kaum zu einem eigenen Abdruck fähig sind) - die aktive Einmischung in Kriege propagieren und die Waffen locker sitzen. In der Handel mit Kriegsgerät gepriesen wird eine herrschende Ordnung zu legitimieren, um eine andere auszumerzen. Die Unterdrückung durch die eine Systemform und deren ideologischer Haltung in gläubigem Wahn Übermaße annimmt und pervertiert. Eskaliert. Nichts Neues. Nein. Lediglich das Verdrängte hochgekocht bis es schäumt und Blasen wirft.

Muss man Theater besuchen um diese Realität deutlicher wahrzunehmen, sie zu erkennen? Doch was, wenn nun alles Unterhaltungswert darstellt, nicht mehr und nicht weniger als Zeitvertreib? Und Karikaturen beherrschten die Tage, wohl auf allen Ebenen, Bühnen. Abzusehen ist die Langeweile die bei alledem aufkommt und sich schleichend breit zu machen beginnt, Raum schafft für den einenden Tod.
Wenn denn in der Kunst keine möglichen Antworten mehr geboten werden, was bleibt dann?

 


C.M.Meier

 

 

"... Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein." R.M. Rilke

 

 


Die Jagd nach Liebe

nach Heinrich Mann

In einer Fassung von Barbara Weber und Veronika Maurer

Lukas Turtur, Andrea Wenzl, Valerie Pachner, Tom Radisch, Simon Werdelis, Götz Argus

Regie: Barbara Weber