Marstall Madame Bovary von Albert Ostermaier


 

 

Aufwendig und wirkungslos

Emma Bovary stammt aus einfachsten Verhältnissen. Da erscheint die Heirat mit dem  Landarzt Charles Bovary durchaus verheißungsvoll. Doch Charles ist ein einfach gestrickter Mann, der Emmas Ansprüche nach einem erfüllten Leben in geistiger, wie auch in sinnlicher Hinsicht nicht erfüllen kann. Emma wird depressiv, flüchtet sich in die Welt der Literatur und der Musik. Charles glaubt, den physischen und psychischen Zustand seiner Frau durch einen Ortswechsel verbessern zu können. In Yonville, dem neuen Wohnort, freunden sich die Bovarys mit der Familie des Apotheker Homais an. In  dessen Haus lebt der Kanzlist Léon Dupuis. Emma entdeckt in ihm, der gleichsam an Musik und Literatur interessiert ist, einen Seelenverwandten. Dann bringt sie ihre Tochter Berthe zur Welt. Doch das Kind vermag das sinnentleerte Leben Emmas nicht zu bereichern und als Léon nach Paris zieht, stürzt sie noch tiefer in die Krise. Sie beginnt ihre Sinnleere mit Konsum zu kompensieren und verschuldet sich bei dem Händler Lheureux. Dann lernt Emma den Grundbesitzer Rodolphe kennen und stürzt sich in eine Affäre mit ihm. Für Rodolphe ist sie nicht mehr als eine willige Gespielin. Als Emma Fluchtpläne schmiedet, verlässt sie der Liebhaber. Daraufhin erkrankt sie schwer. Nach der Genesung trifft sie im Theater von Rouen Léon wieder. Sie beginnt mit ihm eine Affäre. Inzwischen hat der Händler Lheureux Dank der vielen von Emma gezeichneten Wechsel die Frau vollständig in seiner Gewalt. Rodolphe, den sie um Hilfe angeht, verweigert ihr diese. Schließlich stielt sie aus dem Giftraum des Apothekers Homais Arsen und nimmt sich das Leben. Sie erleidet einen grausamen Tod. Charles, der durch aufgefundene Briefe von den Affären mit Léon und Rodolphe Kenntnis bekommen hat, ist ein gebrochener Mann und stirbt bald. Tochter Berthe kommt erst zur Großmutter, später zu einer verarmten Tante, wo sie in ärmlichsten Verhältnissen leben und ihren Unterhalt als Baumwollspinnerin verdienen muss.

Soweit die Geschichte, wie sie Gustav Flaubert in seinem Roman erzählt hat. Albert Ostermeier, der seine dramatische Fassung im Auftrag des Münchner Residenztheaters schuf, hielt sich weitestgehend daran. Sein Drama beginnt mit dem Einzug in Yonville und endet mit dem Tod Emmas. Flauberts Roman kann getrost als epochal bezeichnet werden, denn er erschütterte seinerzeit die Gesellschaft. Der Schriftsteller musste sein Werk immerhin vor Gericht verteidigen, wobei ihm der oberste Zensor vorwarf, einen Roman geschaffen zu haben, der ungehörig realistisch und zudem so sprachgewaltig geraten ist, dass es eine echte Gefahr für den weiblichen Teil der Gesellschaft darstelle. Es war eine der wenigen Momente in der Geschichte, in dem ein Kunstwerk den Ritterschlag durch einen Verhinderer erfuhr. Dass die Problematik der Sinnlehre in der bürgerlichen Versorgungseinrichtung Ehe heute noch immer ein Thema ist, darf wohl als unbestritten genommen werden.

  Madam-Bovary  
 

Ensemble

© Thomas Dashuber

 

Für die Umsetzung von Ostermaiers dramatischen Entwurf wurde die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik (geb. 1962) an das Haus berufen. Henrik Ahrs Bühne, ein weißes, drehbares Bühnenoberdeck auf einem weißen Gebäuderumpf, stellte die Hauptfigur Emma Bovary als eine über der restlichen Gesellschaft schwebende aus. Die sich im Strudel der Ereignisse und der Gefühle drehende Bühne musste von allen anderen Mitspielern immer wieder aufs Neue erklommen werden. Emma erreichten sie allerdings im emotionalen Sinn, von ihrem Liebhaber Léon vielleicht abgesehen, nie. Sämtliche andere Figuren stiegen zumeist aus den nicht sichtbaren Gründen der (spieß-) bürgerlichen Gesellschaft auf. Es war ein kluges Konzept, das hochangereichert war mit metaphorischen Bedeutungen.

Sophie von Kessel spielte die sehnsuchtsvolle, von Depressionen und auch Atemnot geplagte, unverstandene Emma Bovary mit so gewaltigem Einsatz, dass man als Zuschauer mehr als einmal an die Grenzen des Ertragens geriet. In der Eingangsszene drohte Emma Bovary, so naturalistisch gespielt, dass man ihr zur Hilfe eilen wollte, zu ersticken; in der Schlussszene erbrach sie überreichlich ihre, vermutlich vom Arsen aufgelösten Innereien und stürzte sterbend in die Lache. Ihre Pein wurde mehrfach peinlich und selten anrührend. Es schien, als versuchte Frau von Kessel sämtliche Gefühle, im Roman, je nach Ausgabe auf drei- bis vierhundert Seiten niedergelegt, in neunzig Minuten zu zitieren, nein, vorzuspielen. Da blieb nicht mehr viel Raum für so wunderbar entlarvende und komische Rollen, wie die des Apothekers Monsieur Homais, sehr maßvoll und überzeugend von Thomas Gräßle gespielt.

Auch war schwer auszumachen, ob René Dumont die Sprach- und Handlungsunfähigkeit aus der geistigen und emotionalen Schlichtheit der Figur das Charles Bovary zog, oder ob ihm die Gefühlswucht seiner Angetrauten einfach den Mut und den Atem nahm. Selten sah man so fade Liebhaber wie Thomas Lettow als Léon und Bijan Zamani als Rodolphe. Immerhin wurde hinlänglich deutlich, warum die beiden „Genießer“ letztlich das Weite suchten. Alfred Kleinheinz hatte dabei noch Glück mit seinem jenseitigen L'Abbé Bournisien. Als Pfaffe palaverte er stets und konsequent an den Realitäten und den Befindlichkeiten vorbei. Das hatte durchaus Witz. Wolfram Rupperti spielte seinen Kaufmann Monsieur Lheureux pragmatisch und, er musste ja schließlich an sein Geschäft denken, lautstark und nachdrücklich in seiner Erbarmungslosigkeit.

Die Geschichte wurde in der ästhetisch sehr ambitionierten Inszenierung durchaus im Sinn Flauberts erzählt, allein, sinnlich erfahrbar wurde sie nicht. Davor war das aufwendige und zugleich wirkungslos bleibende Spiel von Sophie von Kessel als Titel- und Hauptfigur. Das Kreisen um ihr Kreißen, das nurmehr Mäuse gebar, verhinderte eine tragende Atmosphäre und damit einen tieferen Zugang zu den einzelnen Rollen und der Gesellschaft, in der diese verankert waren. Die Fühllosigkeit, die Flaubert seiner Gesellschaft vorwarf, machte sich, zumindest in der (3.) Vorstellung am 23. November, auch im Publikum breit. Gutes Schauspiel ist nicht die realitätsnahe Wiedergabe von Gefühlen, sondern das Provozieren dieser Emotionen im „Auge“ des Betrachters. Es ist schwer auszumachen, ob es sich hier um ein Versagen der Regie handelte oder ob Frau von Kessel ihre Spielleidenschaft nicht mehr kontrollieren konnte. Das entsprach keinesfalls ihrem Vermögen. Der Vorgang erinnerte an einen Kommentar Marlene Dietrichs zum grotesk überzogenen Spiel Emil Jannings in „Der blaue Engel“: „Der hat gespielt wie ein Brunnenvergifter.“

Zumindest für die dritte Vorstellung kann gesagt werden, dass das Publikum nicht wirklich erreicht wurde. Es gab einige vereinzelte Bravos für Frau von Kessel, die vermutlich ihrem physischen Aufwand geschuldet waren, denn sie hat sich, wie man so schön sagt, wirklich wund gespielt. Ansonsten lockte der Applaus das Ensemble nur zwei Mal zur Verbeugung. Dieser Klassiker, eines der großartigsten Bücher, die im 19. Jahrhundert geschrieben wurden, blieb im Marstall von bestürzender Wirkungslosigkeit.

 

Wolf Banitzki

 


Madame Bovary

von Albert Ostermaier
nach dem Roman von Gustave Flaubert in der Übersetzung von Elisabeth Edl

Sophie von Kessel, René Dumont, Gabriele Dossi, Thomas Gräßle, Thomas Lettow, Bijan Zamani, Wolfram Rupperti, Alfred Kleinheinz

Regie: Mateja Koležnik