Marstall Opening Night - Alles über Laura Ein Projekt von Bernhard Mikeska, Lothar Kittstein und Alexandra Althoff
nach "Opening Night" von John Cassavetes


 

Die Parallelwelten des Bernhard Mikeska

John Cassavetes (1929 - 1989) erzählte in seinem 1977 erschienen Film „Opening Night“ die Geschichte der alternden Diva Myrtle Gordon. Die ihr angebotene Rolle handelt von einer Frau, deren Alterungsprozess sie in eine tiefe Lebens- und Beziehungskrise stürzt. Die Handlung spielt über weite Teile in einer „Out-of-Town-Try-Outs“ – Produktionsphase. Im anglikanischen Theater war es häufig so, dass die Inszenierungen in der Provinz erarbeitet, vorgestellt und optimiert wurden, ehe sie in New York oder London zur Premiere gelangten. Das war eine sinnvolle Methode, Wirkungen zu testen. Nach einer der Vorstellungen begegnet Myrtle Gordon einem 17-jährigen theaterbegeisterten Mädchen namens Nancy, die ihr gesteht, dass sie sie liebt. Wenige Sekunden später stirbt Nancy vor dem Theater. Sie wird in ihrer Verblendung für den Star von einem Auto überfahren. Dieses Mädchen, Sinnbild auch der eigenen Jugend, bleibt im Gedächtnis der Schauspielerin unauslöschlich haften und verstärkt den Konflikt durch ihre fiktive, aber auch reale Präsenz, denn die Darstellerin Paula lebt. Die Produktion scheint zu scheitern. Am Premierenabend erscheint Myrtle sturzbetrunken. Man stellt sie dennoch auf die Bühne, denn Myrtle ist ein Profi und weiß sich zu verkaufen. Sie spielt sich nüchtern und mehr noch, sie und ihr Gegenspieler Maurice steigen aus dem Stück gänzlich aus und machen aus dem psychologischen Drama eine Farce. Das Publikum feiert sie.

Wie sehr Cassavetes das Thema am Herzen lag, beweist die Tatsache, dass er selbst den Maurice und Gena Rowlands, seine Ehefrau, die Myrtle Gordon spielten. Gena Rowlands entsprach dieser Rolle perfekt, obgleich sie für Cassavetes erst die dritte Wahl war. Es ist die Geschichte einer egomanischen Schauspielerin in einer Zeit, in der Alkoholismus noch integraler Bestandteil der Unterhaltungsindustrie war. (Cassavetes starb 59jährig an Leberzirrhose.)  Es war, schon durch die Wahl des Sujets ein Affront gegen das Bild von den glücklichen, weil erfolgreichen Stars. Heute feiert man den Star gerade wegen seiner menschlichen Schwächen, zumindest ziehen diese die Aufmerksamkeit des Publikums mit Eskapaden auf sich. Cassavetes sah sich selbst jedoch nicht als Protagonist der Unterhaltung: „Ich mache gern schwierige Filme, bei denen die Leute schreiend rauslaufen. Ich bin schließlich nicht in der Unterhaltungsbranche.“ Immerhin ging es Cassavetes um verallgemeinerungswürdige Einzelschicksale.

Ganz anders näherte sich der 1971 in München geborene Bernhard Mikeska dem Thema. Der promovierte Physiker experimentierte seit seinem Wechsel zum Theater mit der Logik eines schlüssigen Raum-Zeit-Kontinuums und der daraus resultierenden Wahrnehmung als innere Welt. Was damit gemeint sein könnte, erklärt am besten das Projekt „Rashomon - Truth Lies Next Door“. Diese theatrale Adaption eines Films des japanischen Großmeisters Akira Kurosawa erzählt an einem Rashōmon (Gerichtstag) aus unterschiedlichsten Perspektiven ein und dasselbe Verbrechen, die Vergewaltigung einer Frau und die Ermordung ihres Mannes. Vier Mal werden von drei Verbrechensbeteiligten und einem Zeugen, einem Holzfäller, unterschiedliche Versionen des Vorgangs erzählt. Inhaltlich beschreiben die Versionen den Hergang vollkommen identisch und dennoch unterscheiden sie sich gravierend voneinander. Jede Version ist dabei in sich logisch und schlüssig.

  Opening Night Marstall  
 

Valerie Pachner (Hannah)

© Konrad Fersterer

 

In „Opening Night - Alles über Laura“ setzte Bernhard Mikeska der filmischen Geschichte von Cassavetes eine eigene entgegen. 30 Jahre später soll es ein Remake des Films geben, in dem Laura Johnson, die Darstellerin der 17-jährigen Nancy Stein im ersten Film, die Rolle der alternden Myrtle Gordon spielen soll. Unabhängig von der zeitlichen Verschiebung läuft die Geschichte in ihrer inneren Logik genau so wieder ab. Allerdings denkt Bernhard Mikeska die Geschichte konsequent zu Ende, bringt beide Darstellerinnen der Myrtle Gordon in einem letzten Bild zusammen und treibt es mit einer Auslöschung auf die Spitze. In beiden Parallelwelten spielte sich das gleiche ab: Die Darstellerinnen der Myrtle Gordon hatten sich in Nancy/Hannah (Assistentin von Laura) verliebt und damit in ihre eigene, schwindende Jugend. Es war zugleich eine metaphorische Darstellung des  unablässigen Kampfes um die Bühnenhoheit, in dem der auf der Strecke bleibt, der nicht ablassen kann. („Ich stehe morgens auf und war immer achtzehn.“ John Cassavetes im Programmheft)

Bernhard Mikeska ließ beide Parallelwelten, zwischen denen 30 Jahre lagen, zeitgleich ablaufen. Dafür schuf ihm Ralph Zeger zwei Räume, die Theaterbühne der Proben bis zur Premiere und ein Hotelzimmer, in dem Laura auf ein Treffen mit dem Regisseur des (Remake-) Films (Es ist derselbe, der auch die Erstfassung schuf, sie aber zu Uraufführung nicht freigab.) wartete, den Text repetierte und mit eigenen Überlegungen kommentierte. Die Übergänge zwischen Filmtext und Realität waren dabei stets fließend. Die Zuschauer waren in Block A und Block B eingeteilt und schauten sich unabhängig voneinander zwei Vorstellungen an. In der Pause nach dem einstündigen Spiel wurden  die Räume gewechselt. Am Ende hob sich die Rückwand des Hotelzimmerraums und Darsteller und Publikum waren wieder miteinander vereint.

Es war ein ausgefeiltes und überraschendes Konzept, dass vom Regisseur auch schlüssig umgesetzt wurde. Dennoch hielt sich die Begeisterung (zweite Vorstellung) in Grenzen, denn über die Physik des Konzepts hinaus, das nicht unbedingt leicht verständlich war, hielten sich die darstellerischen Leistungen in Grenzen. Zu sehr war der Focus auf konzeptionelle Effekte gerichtet, um ein echtes Zusammenspiel zu erzeugen. Dem Vergleich mit den Darstellungen im Film hielt die Münchner Inszenierung jedenfalls nicht stand. Hier hilft auch der Einwand nicht, dass sich Film und Theater schlecht vergleichen lassen, denn zum einen ging es im Film um Theater und zum anderen war Cassavetes Anhänger der Stanislawskischen Methode, die er auch im Film praktizierte. Hanna Scheibe (Myrtle) und Michaela Steiger (Laura) erreichten die jeweilige innere Zerrissenheit weniger durch das gesprochene Wort als vielmehr durch körperliche Posen des Zusammenbruchs, die sie immer wieder in die Waagerechte nötigten. Am ungünstigsten schnitt im Vergleich zum Film Arthur Klemt als Maurice ab. John Cassavetes spielte seinen  Maurice als einen hochpotenten, aber in sich verunsicherten Darsteller, der über seine Rolle beim Publikum unbeliebt war und bleiben würde. Klemt indes wirkte über weite Strecken nur verunsichert, als könne er den Vorgängen nicht folgen. Das war einfach zu zweidimensional. Valerie Pachner (Nancy / Hannah) profitierte von der dramaturgischen Erweiterung der Geschichte. Sie konnte die sehnsuchtsvolle Abhängigkeit der alternden Stars zu ihren Gunsten steuern und Macht ausüben. Barbara Melzl in der Rolle der Autorin Sarah und Michele Cuciuffo als Regisseur Manny bildeten sowohl dramaturgisch als auch darstellerisch so etwas wie Grundfesten des Vorgangs. Ohne sie wäre vermutlich vieles in Larmoyanz und süßlicher Selbstverliebtheit ertrunken.

Unterm Strich war die Inszenierung ein sehenswertes, zugleich kompliziertes Experiment, das das Nachdenken über die von Exhibitionismus und Hedonismus zumindest teilweise gesteuerte Psyche von Schauspielern weg und hin zum universalen Charakter der Probleme lenkte. Damit bekam das Thema eine große historische Dimension, die zumindest einen Anstoß für den gab, der eine Botschaft mitnehmen möchte aus einem Theaterabend: Augen auf bei der Berufswahl! Ist es müßig, auf dem Theater zu hinterfragen, wie es den Protagonisten des Theaters geht, angesichts der großen Katastrophen in der Welt? Antwort: Nein, es ist nicht müßig, denn die Katastrophen werden überwunden, Schauspieler wachsen ständig nach und es gibt sie seit Anbeginn. Also, warum nicht?!

Wolf Banitzki

 


Opening Night - Alles über Laura    

Ein Projekt von Bernhard Mikeska, Lothar Kittstein und Alexandra Althoff
nach "Opening Night" von John Cassavetes

Hanna Scheibe, Michele Cuciuffo, Arthur Klemt, Barbara Melzl, Paul Wolff-Plottegg, Valerie Pachner, Michaela Steiger

Regie: Bernhard Mikeska