Marstall  Philipp Lahm Uraufführung von Michel Decar


Was soll man sagen? Philipp Lahm …

Ort der Handlung: Philipp Lahm. Zeit der Handlung: Philipp Lahm. Person der Handlung ist Philipp Lahm, ist Philipp Lahm, ist Philipp Lahm … Philipp Lahm wird gespielt von, nein, nicht von Philipp Lahm, sondern von Gunther Eckes, und das durchaus sehenswert. Das, was Autor Michel Decar da zusammengeschraubt hat als durchnummerierte Szenenfolge ist sprunghaft, absurd, tiefschürfend, blödsinnig, genial, unverständlich, platt … ist Philipp Lahm. Alles ist Philipp Lahm und doch nicht, denn niemand kann sagen, wer der Mann ist und was sich hinter dem Mann versteckt, der sich Philipp Lahm nennt. Es gibt von jeder x-beliebigen Laborratte mehr Material für ein psychologisches Porträt als von Philipp Lahm, der immerhin mehr als ein Jahrzehnt Repräsentationsfigur im deutschen Fußball war. Und darin besteht das Absurde, denn seine Vorzeigbarkeit resultiert scheinbar aus seiner erschütternden Eigenschaftslosigkeit.

Und so unterstellt Michel Decar der Figur einige Aussagen, aus denen wir uns einen Philipp Lahm erschaffen können. Das Ganze ist ein Was-wäre-wenn-Experiment. Was wäre, wenn wir Einblick bekämen in das Wohnzimmer von Philipp Lahm? Wir würden erfahren, dass Philipp Lahm die Beatles mag, dass das Album „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ allerdings erst auf Platz vier in Philipp Lahms Ranking rangiert. Wir würden erfahren, dass Philipp Lahm vier Tafeln weiße Nussschokolade auf einmal essen kann. Wir würden erfahren, dass Philipp Lahm ohne zusätzliche kostenpflichtige Virensoftware im Netz unterwegs ist, weil Philipp Lahm weiß, dass man Anhänge unbekannter Mails nicht öffnen sollte und Philipp Lahm niemals auf schlüpfrigen oder zwielichtigen Webseiten unterwegs ist. Wir würden erfahren, dass Philipp Lahm regelmäßig seine Passwörter ändert, beispielsweise in „Lahm83“.

Philipp Lahm ist ein nahezu Unsichtbarer, selbst wenn er anwesend ist. Bei der Premiere war er nicht anwesend. Passt, möchte man meinen, auch nach dem Theaterabend. Decars Philipp Lahm ist gänzlich ohne Widersprüche und auch ohne Widersprüchlichkeiten und damit ein Idealtyp. Erfolgreich ohne Kollateralschäden. Er schaut Dokumentationen auf arte und 3Sat und kommentiert sie mit „toll, „Spitze“, „einfach richtig gut“. Er verliert sich in Schwärmereien über Heldentum, das gänzlich unspektakulär ist. Es ist ja auch gut so, wie es ist und es wäre noch besser, wenn sich nichts ändern würde. Darum wählt Philipp Lahm auch immer oder wirbt für das Wählen oder zwinkert aus Spots heraus, die für das Wählen werben. Was wird er wohl wählen? Was schon, das was ist.

 

 
  Philipp Lahm  
 

Gunther Eckes (Philipp Lahm)

© Julian Baumann

 

Wenn Philipp Lahm sagt, sein Lieblingsbuch ist „Die unendliche Geschichte“ und sein Lieblingsfilm, ist die Verfilmung des Buches „Die unendliche Geschichte“. Man glaubt ihm das ganz selbstverständlich im Kanon der Szenen. Doch dann gesteht er plötzlich, dass „L’avventura“ von Michelangelo Antonioni sein Lieblingsfilm sei. „Stimmt echt.“ Und der Autor heißt die Zuschauer wieder willkommen in einem Theaterstück auf der Bühne des Marstalls. Prompt bekommt das Bild irgendwie Risse. Ein anderer Philipp Lahm wird dahinter nicht sichtbar, aber der Wunsch nach einem anderen Philipp Lahm, denn der, den wir kennen, ist so langweilig, dass es schmerzt. Fatal nur, dass er ein echter Held unserer Zeit ist und wir müssen uns fragen, in was für einer Zeit und Gesellschaft wir leben, in der Philipp Lahm ein echter Held sein kann.

Robert Gerloffs Regie brachte eine Inszenierung hervor, die mit vielen Bildern auch im Videoformat jonglierte. Das war auch nötig, denn eine und eine halbe Stunde weitestgehend sinnfreie Texte in Szene zu setzen, und so Subtexte zu generieren, ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Die Bühne von Maximilian Lindner wurde trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer erschreckenden Spießigkeit allen Anforderungen gerecht. So konnte Philipp Lahm im Muscle Suit (Kostüme Johanna Hlawica) glaubhaft als Trophäe an der Wand hängen oder, wie bereits erwähnt, vor den Augen des Publikums vier Tafeln Schokolade essen.

Das Stück ist fraglos eine Provokation und die Szenenfolge lässt ein breites Spektrum an Interpretationen und Deutungen zu. In der Inszenierung steckte durchaus auch die Gefahr einer Diskriminierung des Helden, denn das Auge des Betrachters ist ein eigenwilliges Ding. Dass Sportler und insbesondere Fußballer, wenn sie vor eine Kamera oder ein Mikrophon treten, ganz oft sehr schnell peinlich werden, ist hinlänglich bekannt. Auch bei Gunther Eckes Philipp Lahm gibt es diese Momente. Es wäre wirklich gut gewesen zu erfahren, wie Philipp Lahm diese Figur gesehen hätte … oder vielleicht auch nicht. Ein gelungenes Experiment war es allemal, wenngleich nicht für jeden Zuschauer gleichsam unterhaltsam. Aber das liegt in der Natur der Sache: An Experimenten, besonders an künstlerischen, scheiden sich häufig die Geister.

Wolf Banitzki

 


Philipp Lahm

Uraufführung von Michel Decar

Mit Gunther Eckes

Regie: Robert Gerloff