Theater im Marstall Philotas von Gotthold Ephraim Lessing


 

 

Philotas - Fleischwerdung eines fragwürdigen Symbols

1756 vollführte Friedrich II von Preußen einen Präventivschlag gegen Sachsen und eröffnete den bis 1763 andauernden Siebenjährigen Krieg. Der König hatte Preußen in einen Militärstaat verwandelt, wie man ihn seit Sparta nicht mehr gesehen hatte. Er, einer der menschenverachtendsten Könige in der deutschen Geschichte, trieb seine Truppen mit dem Ausruf "Hunde, wollt ihr denn ewig leben?" massenhaft in den Tod. Zur selben Zeit schrieb Gotthold Ephraim Lessing sein Trauerspiel "Philotas". Es ist ein Antikriegsstück. Als Preuße erschien es ihm allerdings nicht ratsam, einen direkten Bezug zum Krieg seiner Zeit herzustellen, und so griff er ein antikes Sujet auf.

Lessing beschreibt in "Philotas" die Geschichte des gleichnamigen Prinzen, der durch Übereifer in Gefangenschaft geraten war. Als Faustpfand in den Händen des Feindes war sein Vater erpressbar geworden. Es stand zu befürchten, dass der Vater, gezwungen durch die Liebe zu seinem Sohn, in diesem Streit unterliegen würde. Philotas sieht sich als Verräter und Vernichter seines Volkes. Als er erfährt, dass auch der feindliche Prinz, der Sohn König Aridäus, von seiner Truppe gefangen gesetzt wurde, scheint seine Schuld gemildert. Ein Patt verheißt angesichts der tödlichen Bedrohung eine friedliche Lösung des Konflikts. Ein "Vernünfteln" scheint möglich. Doch Philotas ist besessen von der Idee, seinen Beitrag zu einem Sieg mit Waffen zu leisten und wählt den Freitod, um seinen Vater in eine bessere Ausgangslage zu bringen. Im Heldenwahn, sein glorioses Bild in der Geschichte vor Augen, löscht sich der Nochknabe aus. Die Geschichte beflügelt das Nach-Denken, denn ein Viertel Jahrtausend später gehen noch immer täglich religiös und politisch verblendete Männer und Frauen den sinnlosesten aller Wege. Welches Stück könnte angesichts dieser existenziellen Botschaft aktueller sein?

Bühnenbildnerin Gisela Goerttler verwandelte den Marstall in einen schwarzen Raum, der keinerlei Bezug zu einem konkreten Topos mehr zuließ. Auf einem schwarzen Podest inszenierte Alexander Nerlich ohne Eingriffe in Lessings dramatischen Entwurf und ohne vordergründige Aktualisierung ein zeitgemäßes Thema. Einziges Requisit war ein Schwert und mehr bedurfte es auch nicht, um die Tötungsmaschinerien dieser Welt zu beschwören. Felix Klare ließ das Publikum schnell vergessen, dass es sich um ein Drama der Archaik handelte. Der Zuschauer konnte der Fleischwerdung eines fragwürdigen Symbols beiwohnen. Mit jeder Bewegung, jeder Miene, jedem Wort schuf der Darsteller einen temperamentvollen und intelligenten Mann, der die ihn zum "Manne machende Toga" erst wenige Tage trug. Kindlicher Zorn wechselte mit staatsmännischer Pose und beides zusammen schuf eine selbstmörderische Kreatur, deren Bild von Heros und Tod, hier untrennbar verquickt, keinen Ausweg mehr offen ließ.
 
 

 
 

Fred Stillkrauth, Gerd Anthoff, Felix Klare

© Thomas Dashuber

 

 

Lessing war, als er dieses Drama schuf, noch nicht angekommen in seinem Humanismus, der ihn zum Morgenstern der deutschen Aufklärung machte. Dennoch ging er schon weit über den Geist seiner (und wie es scheint auch unserer) Zeit hinaus, die der Vernunft den Vortritt noch versagte. Aber gerade diese deutete sich in der Figur des Königs Aridäus an, den Gert Anthoff souverän, - geradezu königlich gestaltete: "Ja, Prinz; was ist ein König, wenn er kein Vater ist! Was ist ein Held ohne Menschenliebe."
Eines der augenscheinlichsten Indizien für Lessings In-der-Zeit-verhaftet-sein ist die Rolle des Strato, mann- und glaubhaft von Fred Stillkrauth dargestellt. Seine Feldherrenpose sollte eine Ethik des Krieges suggerieren. Leider, und hier hätten einige entlarvende Zungenschläge gut getan, führen heutige Politiker und Terroristen diese immer noch im Munde. Sie erfinden eifrig immer neue moralische Rechtfertigungen für das Töten. Dabei steht doch längst fest, dass es keine Ethik und keine Moral im Krieg gibt. Aridäus: "Glaubt ihr Menschen, dass man es nicht satt wird?" Es ist die Ultima Ratio, die bar aller menschlichen Vernunft, wie sie Lessing verstand, ist.

Der Abend im Marstall war ein bewegender. Er war es umso mehr, da nicht zuletzt durch Lessings epigrammatisch dichte Sprache deutlich wurde, wie alt und neu dieses Stück doch ist. Es gibt kaum etwas vergleichbares in der modernen Dramatik, das soviel Aufklärung zum Thema Krieg und Wahn leisten könnte. Alexander Nerlich gebührt das Verdienst, keine Silbe dieses Textes verschenkt zu haben. Seine geschlossene Inszenierung, getragen von einem engagierten Felix Klare, demonstrierte die Vielschichtigkeit menschlichen Denkens, Handelns und Irrens. Wer dennoch mit mehr Fragen als Antworten aus dieser Inszenierung geht, dem seien Georg Holzers essayistische Anmerkungen zum Thema im Programmheft empfohlen.



Wolf Banitzki



 

 


Philotas

von Gotthold Ephraim Lessing

Gerd Anthoff, Christian Friedel, Felix Klare, Fred Stillkrauth

Regie: Alexander Nerlich
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