Volkstheater Das Handbuch für den Neustart der Welt nach einem postapokalyptischen Ratgeber von Lewis Dartnell


 

 

Raus aus der Realität – Rein in die postapokalyptische Zeit

Demnächst Klimagipfel. Es werden noch Wetten angenommen, ob diese Veranstaltung das Klima seiner Rettung auch nur eine Jota näher bringen wird! Wetten, dass niemand wettet! Warum? Weil sich seit Beginn der Klimarettung „der Untergang der Welt“ nicht linear, sondern exponentiell beschleunigt hat. Klimarettung, was für ein Blödsinn, denn Klima braucht gar nicht gerettet werden. Klima interessiert sich nicht dafür, was es bewirkt. Es findet einfach nur statt und das seit mehr als 3,5 Milliarden Jahren, seit die Atmosphäre in ihren Hauptbestandteilen existiert. Es ist der gewaltiger Irrtum des menschlichen Denkens, zu glauben, wir seien die Welt. Wir müssen nämlich gar nicht das Klima retten, sondern um unseretwillen uns selbst.

Nehmen wir einmal an, es hat uns trotz aller optimistischer Versprechungen der Industrie, der Wirtschaft und der Politik trotzdem erwischt und nur eine Handvoll Menschen haben überlebt, also etwa 10.000 von beinahe 7 Milliarden. Weil wir es uns aber trotz der jetzt schon dramatischen Folgen des Klimawandels nicht vorstellen können, durch eine Klimakatastrophe vom Planet gefegt zu werden wie seinerzeit die Saurier durch einen Meteoriteneinschlag, präferieren wir mal eine Pandemie. Es ist passiert und wieder vorbei. Was nun? Nun ist niemand mehr da, der uns (glaubhaft) sagen könnte, wie es weitergeht. Keine Panik, denn der Astrobiologe Lewis Dartnell hat sich unsere Köpfe zerbrochen und ein Kompendium geschrieben, das uns das Überleben garantieren könnte: „Das Handbuch für den Neustart der Welt“. Das Buch ist ein Ratgeber. Bis jetzt war es ein mäßiger Witz am Theater, wenn es hieß, der Regisseur ist so gut, der könnte auch das Telefonbuch oder eine Ikea-Montageanleitung inszenieren. Also, der Witz ist perdu.

Nicht, dass man sich der Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens nicht bewusst gewesen wäre. In einer Regiesitzung hieß es: „Aus einem Sachbuch ein Theaterstück zu machen ist keine Selbstverständlichkeit und immer ein Experiment. Der Autor ist kein Dramatiker, sein Text keine Tragödie. Das Drama muss zwischen den Zeilen hervorgeholt werden.“ (Programmheft zur Inszenierung, S.14) Noch einmal: „Das Drama muss zwischen den Zeilen hervorgeholt werden.“ Setzt voraus, es ist ein Drama drin. In einer Stunde und dreiundvierzig Minuten spulen sechs Schauspieler fundamentales Wissen über Mechanik, Biologie, Chemie, Physik ab, über das zu ca. 80 % jeder Abiturient verfügen könnte, wenn er in der Schule denn aufgepasst und dieses Wissen verinnerlicht hätte. (Der Kritiker hat sein Abitur 1975 gemacht.)  Dartnell meinte, es könne nicht schaden, das Buch gelesen zu haben, auch wenn es nicht zur Apokalypse kommt. Wenn es aber doch dazu kommt, dann ist der wissende Leser ganz weit vorn. Glaubt das tatsächlich jemand?

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Mehmet Sözer und Mara Widmann

© Arno Declair

 

„Jessica Glause inszeniert den Sachbuch-Bestseller als theatrale Schnellanleitung für Sie: die Überlebenden.“  So der Werbetext des Volkstheaters. Also doch kein Drama im Sachbuch? Bei genauer Betrachtung war der eine oder andere Kommentar der Regie wahrnehmbar. Zum Beispiel zeigten die wunderbar fantasievollen Kostümen von Bettina Werner, dass der Mensch auch nach der Apokalypse eine Eigenschaft nicht verloren hat, nämlich seine Eitelkeit. Schrill aber Öko, denn woher nehmen, wenn nicht aus der Natur? Schön anzusehen und gelegentlich auch witzig waren die aus Schrott oder Ersatzteilen „gebastelten“ Maschinen wie ein Wasserrad zur Energiegewinnung oder ein Fahrrad-Ambos-Hammer zum Schmieden oder Nüsseknacken. Faszinierend bunt und ebenfalls schön anzuschauen war das Gewächshaus mit nie gesehenen, neuen Pflanzenarten. (Bühne Mai Gogishvili)

Nein, von Drama zwischen den Zeilen kann nicht die Rede sein. Es mag ein witziges und lesenswertes Buch sein, das uns den Basics unserer Existenz wieder näher bringt, doch es hat einen Haken, es ist ein Handbuch zum Köhlern, Trinkwasserreinigen, Winkelmessen etc. und kein Buch, das wichtige und notwendig Fragen zugunsten von Heimwerkerwissen und Pfadsfinderratschlägen ausspart. Im Vorwort wird immerhin auch die Möglichkeit erwogen, dass wir Opfer eines Atomkrieges werden könnten. Egal, ob wir durch eine Klimakatastrophe, einen Atomschlag oder eine Pandemie in die Katastrophe schlittern, in jedem Fall ist die Katastrophe, ist unser Untergang entweder handgemacht oder wir haben zumindest einen großen Anteil daran. Es ist nicht witzig, von beinahe 7 Milliarden toten Menschen zu reden und gleichsam die postapokalyptische Zeit lustig und inspirierend zu finden, weil der Bastler oder Pfadfinder in uns erwacht. Schon gar nicht ist es witzig, diese unvollkommene, eigentlich nicht lebensfähige Spezies einfach aufzufordern, denselben technikgläubigen Weg zu beschreiten wie zuvor. Wo soll da ein Sinn sein? Müsste sich der Mensch nicht erst einmal neu definieren und damit sein Verhältnis zur Natur? Müsste er nicht erst einmal so grundlegende Fragen klären, ob er sich die Natur auf genau dieselbe Art Untertan macht und sie bis zur totalen Verstümmelung ausbeutet und Pandemien und Wetterkatastrophen provoziert? Diese Fragestellungen sind dramatisch, nicht, wie wir ein Lot bauen und mit einer Viertelkreispappe Winkel messen können.

Wenn diese Inszenierung uns zu erklären vermag, was es in Zeitgenossen auslöst, wenn YouTube, Twitter, Skye etc. wegen Strommangel verlöschen und mit ihnen auch Wikipedia, nämlich Heulen und Zähneklappern, verliert sie immerhin etwas ganz wichtiges völlig aus den Augen. Bücher werden bei Pandemien nicht in Mitleidenschaft gezogen und weltweit stehen ganze Bibliotheken zur Verfügung. Bevor man sie zum Heizen benutzt, könnten sie gelesen werden.  

Zurück zum Ausgangspunkt: Das Gedankenexperiment. Zu welchem Ergebnis sollte es eigentlich führen? Am Anfang eines Experiments steht immer eine Frage. Hier steht eine Prämisse am Anfang: Die Apokalypse hat stattgefunden. Darauf kann man keine Antwort geben. Diese Prämisse ist die Antwort, nämlich auf Vorgänge im Universum oder auf von Menschen verursachte Katastrophen. Dieses Gedankenexperiment ist ein theatrales Spiel, abseits von tradierten Formen. Ein Experiment war es schon gar nicht, denn es zeitigte keine Ergebnisse. Es war vielmehr Ausdruck von Erosion des Theaters. In Ermangelung guter dramatische Entwürfe, gleichsam Ausdruck der gesellschaftlichen Sinnkrise, tritt anstelle des genialischen Kunstwerks (schlüssig in Inhalt und Form) das Spiel mit den Formen, resp. die Auflösung tradierter Formen. Heraus kamen zwei Stunden Bedienungsanleitungen mit Musik und physischen Aktionismus. Einige Moment zum Schmunzel gab es auch. Doch das verkürzte den Abend nicht wirklich.

Und sein wir doch mal ehrlich, verdient es eine Spezies, die sich so aufführt, überhaupt, dass sie überlebt? Der Gedanke ist dramatischer als der an eine Klärgrube und Löschkalk.

Wolf Banitzki

 


Das Handbuch für den Neustart der Welt

nach einem postapokalyptischen Ratgeber von Lewis Dartnell

Luise Kinner, Jonathan Müller, Leon Pfannenmüller, Lenja Schultze, Mehmet Sözer

Regie: Jessica Glause