Pasinger Fabrik Ludwig/2 von Gustavo Bicalho


 

 

Der Schritt weiter

„Der Schatten eines Mannes der ins Wasser steigt“ war Anfangs- und Endpunkt für Ludwig/2, der, als säße er erzählend auf dem Gipfel eines Berges, den Mythos vor die Augen der Zuschauer rief - den Starnberger See, und heute damit verbunden das Kreuz in Ufernähe, den Wald und die Votivkapelle. Wie aufsteigende Nebel begannen sich zahllose Bilder aus der Historie von Ludwig II zu ranken, kreierten eine Legende.

Es war dunkel auf der Bühne, leichte weiße Nebel stiegen aus der Tiefe. Auf dem Tisch lag reglos eine dunkle Gestalt. Als diese sich erhob, brachte sie, unterstützt von einem weiblichen und einem männlichen Wesen Schöpfungsgeschichte hervor, gemeinsam hoben sie „die Gemütlichkeit der Dunkelheit“ auf. Ludwig/2 in schwarzem Ledermantel, mit wildem Haar war sichtlich ein Wesen aus einer Parallelwelt im Heute. Die Vergangenheit des Königs erstand aus ihm in der Gegenwart, martialisch und doch feinen Gefühls trat er in den Briefwechsel mit seiner Cousine Sophie. Manoel Madeira verkörperte Ludwig/2 als einen leidenschaftlichen Träumer, der aufging in der Musik Wagners, nach dem Ideal der Liebe neugierig emphatisch suchte. Ihm gegenüber stand Dai Fiorati als Sophie, ebenso begeistert wie sensibel in ihren Reaktionen auf Verlobung und Hochzeitstermin, wie auf die Musik Wagners in ihrem Inneren. Doch die Liebe geht stets ihre eigenen Wege, und so traf Ludwig/2 auf Richard, zeitgemäß in einer Disco. Es klang höllisch laut im Bühnenuniversum, als Zeichen für (seinerzeit) wohl verpönte Begegnung. Andreas Mayer stellte einen respektvoll sinnlichen Liebhaber Richard dar, der sich letztlich doch der Konvention und der Laune des Königs beugte. In den Erfahrungen und Enttäuschungen zum Visionär gereift, gab Ludwig/2 sich der Fantasie und darin der Planung seiner Schlösser hin. Zurückgezogen und schließlich misshandelt im Kerker einer Gesellschaft, zuckend dem Lichte der Öffentlichkeit präsentiert, entschloss er sich zum letzten Bade.

Gustavo Bicalho gelang mit dem Werk ein außergewöhnliches Stück Theater, einen Mythos in der Gegenwart zu schaffen und die zeitlosen Beweggründe im menschlichen Wesen herauszustellen. In Konzept und Dramaturgie ist ein Künstler erkennbar, der dem Wesen Ludwigs wohl verwandt, sein umfassendes Wissen und seine Fantasie in Realität überführt. Als Regisseur führte er gemeinsam mit Daniel Belquer, der auch für Musik und die sinnfälligen Videoaufzeichnungen wie –projektionen verantwortlich zeichnete, die Darsteller in eindrückliche Szenen. Die Grenzen zwischen anerkannter Gesundheit und Krankheit lösten sich sichtbar als menschliche Welt in Gesamtheit auf. Woran ist ein Anfang, ein Ende zu erkennen, wenn diese doch stets in einem Punkt verschmelzen?

  Ludwig2  
 

Dai Fiorati, Manoel Madeira

© Artesanal

 

„Es war der Mensch, der Gott erfunden hat“ um ihm zu huldigen und wohl um sich frei zu sprechen von der Verantwortung. Fast könnte man meinen es hat funktioniert bislang, wären da nicht die Kriege um die einzig wahren Gottesbilder, die vielen vielen folgenschweren Irrtümer und das Schweigen Gottes dazu. Aufklärung, der Wert der Ideale und die Natur bildeten eine zweite Ebene im Werk. Denn vielmehr ist es ein „Traum vom Bewusstsein der Welt“ welcher in unzähligen Formen Gestalt annimmt, von Wesen mit scheinbar unterschiedlichen Anliegen in Bewegung gehalten wird. Die Liebe bildete und bildet den Mittelpunkt der menschlichen Welt. Um sie und um alle mit ihr verbundenen Vorstellungen kreist diese. Mit ihr der Mensch, der Mensch Ludwig, der König. Jenseits der grob materiellen Form sind alle Wesen die sich gegenüberstehen gleich, gleichermaßen „dürsten sie nach Freiheit“, gleichermaßen suchen sie „Einsamkeit und Finsternis zu entkommen“.  – Das Wesen im Mittelpunkt der Darstellung.

Der Versuch einer menschlichen Annäherung und das Bild Ludwig II. im Jenseits, der in Bayern staatlich legitimierten Geschichte, wurden in dem Stück gestaltet. Intelligent und intensiv, das sind die beiden Worte, die den Kern der ungewöhnlichen Inszenierung ausmachten. Dem Ensemble gelang vieldimensionale Bereicherung auf der Bühne ... vale a pena ver

 

C.M.Meier

 

 


Ludwig/2

von Gustavo Bicalho

Ein fremder Blick auf den Mythos
Inszenierung von der Artesanal Cia. de Teatro aus Rio de Janeiro

Manoel Madeira, Dai Fiorati, Andreas Mayer

Regie: Gustavo Bicalho, Daniel Belquer