TamS Brandstifterei frei nach „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch


 

 

Weltanschauungsgroteske als Slapstick

„Biedermann und die Brandstifter“ ist ein Lehrstück ohne Lehre. Es ist die Subordination bester deutscher Befindlichkeit. Frisch beschreibt die Vorgänge in seiner „Weltanschauungsgroteske“ sinngemäß wie folgt: ‚Selbst die Hölle versuchen wir uns in unserer dummen Bewusstseinsbelügung auszutapezieren. Wir machen weiß aus schwarz. Und wir wissen, dass wir es tun.‘  Das Stück zielt nicht nur auf den Nerv der Zeit, es zielt auf den Nerv der (deutschen) Geschichte, der mit viel Aufwand bedeckt gehalten wird, damit ihn ja niemand anbohrt. Frisch hat es gnadenlos getan. Autsch! Obgleich er Schweizer war, traf er mithin auch das deutsche Wesen punktgenau auf den Kopf. Das kommt nicht von ungefähr, denn Schweizer sind in ihrem Herzen, wie die Deutschen, auch nur Deutsche. Manchmal sogar die besseren, siehe Ackermann. Der kleine Unterschied kann vernachlässigt werden und den beschrieb Georg Kaiser in seinem zweizeiligen Gedicht „Schweiz“ wie folgt: „Und ist der Käse noch so Loch – ein bisschen Käse ist er doch.“

Zum Inhalt: Ein Chor aus Feuerwehrmännern, einem antiken Chor der griechischen Tragödie nicht unähnlich, kommentiert parodistisch-pathetisch (und ulkig, weil ironisch verzerrt) die Vorgänge. Herr und Frau Biedermann sind wahre Helden, gestrickt aus Gemütlichkeit, falschem Biedersinn und Herzensfeigheit, doch ungeachtet dessen ausgemachte Gutmenschen, denn wo sie sind, da muss der Himmel sein. Gottlieb Biedermann hat ein Geschäft, in dem auch Haarwasser vertrieben wird. Er hat seinen Angestellten Knechtling um ein Patent betrogen. Der nimmt sich das Leben. Plagt Herrn Biedermann das Gewissen? Es ist so eine Sache mit dem Gewissen. Wenn einer eins hat, dann ist es meistens ein schlechtes. Das meint Schmitz, Josef Schmitz, arbeitsloser Ringer, der plötzlich vor Biedermanns Tür steht und um Obdach bittet. Schmitz ist einer, der echte Tugenden noch zu schätzen weiß. Und er erkennt in Biedermann einen Tugendmenschen, einen, der noch ein „regelrechtes Gewissen“ hat, und „das spürt die ganze Wirtschaft“. Auch Zivilcourage hat der Biedermann, insbesondere, wenn es um die Brandstifter geht, die beinahe täglich Teile der Stadt in Schutt und Asche legen. „Aufhängen sollte man sie. Alle. Je rascher, um so besser. Aufhängen.“ Ja, Biedermann „ist vom alten Schrot und Korn, hat noch eine positive Einstellung.“

Ehe er sich’s versieht, sind sie auf seinem Dachboden eingezogen, die Brandstifter Schmitz und sein Kumpan Eisenring, ein arbeitsloser Kellner. Arbeitslos sind die Herren auch, weil die jeweiligen Etablissements, in denen sie gearbeitet haben, abgebrannt sind. Jeder weiß, dass sie die Brandstifter sind, doch jeder meint, man könne sie zu Freunden machen und dann wird es so schlimm schon nicht werden. Selbst als fässerweise Benzin unterm Dach gehortet und die Zündschnüre verlegt werden, glaubt man noch an ein gutes Ende. Die Parallelen zur Geschichte sind unübersehbar. Max Frischs Stück ist eine Parabel auf den feigen Vogel-Strauß-Menschen, der sehenden Auges und getrübten Geistes in jede nur denkbare Katastrophe schlittert. Der Dramatiker zielte seinerzeit auf das gerade überwundene 3. Reich und seine Brandstifter, aber auch schon auf die zündelnden Gesellen, die an Atom- und Wasserstoffbombe bastelten. Niemand hat es aufgeregt. Klar, so schlimm wird’s schon nicht kommen. Doch es kommt immer wieder so schlimm, darauf kann man sich angesichts der Geschichte verlassen.

Für die Inszenierung der leicht abgewandelten Fassung der Frischschen Vorlage schuf Claudia Karpfinger  eine Bühne, die an eine Hopseburg aus weißen Polstern erinnerte, in der Verletzungsmöglichkeiten so gut wie ausgeschlossen waren. Das war auch notwendig, denn die Inszenierung von Lorenz Seib hatte durchaus zirzensischen Charakter.  Mittig befand sich ein Kamin, über dem vier Monitore eingelassen waren. Links war in weichen Formen eine Sitzecke integriert und rechts stieg der gepolsterte Fussboden bis auf Augenhöhe an. Rechts neben dem Kamin waren von der Decke bis zum Fußboden vier goldenen Stangen angebracht, deren Sinn bald entschlüsselt wurde. Sie wurden wie die Rutschstange in einer Feuerwache genutzt, wenn die Feuerwehrleute schnell ins Untergeschoss zum Auto müssen. Man hatte keinen Aufwand gescheut, um der Enge der kleinen Bühne zu entrinnen. Der Raum über der Bühne war der Boden, auf dem die Pyromanen lebten und ihr infernalisches Werk vorbereiteten. Eine Kamera übertrug das Geschehen auf einen der Monitore. Eine andere Kamera übertrug die Vorgänge vor der Eingangstür ins Theater, eine dritte zeigte die Gasse neben der Bühne, die gleichsam Flur, aber auch Schlafzimmer der Biedermanns war. Der vierte Monitor zeigte die Treppe auf den Dachboden (variabel). So waren die gesamten Räumlichkeiten des TamS einbezogen, was eine ungeahnte Opulenz und unbedingt ein gelungenes Konzept darstellte. Das war neu und es bewährte sich visuell auf Anhieb.

Ungewöhnlich war auch die Ästhetik der szenischen Umsetzung der großen Lehrparabel. Lorenz Seib inszenierte eine schrille, völlig überdrehte Slapstickkomödie. Der Chor der Feuerwehrmänner, in dem sämtliche Darsteller auftraten, trug riesige wackelnde Schnauzbärte, wie sie die Feuerwehrleute oder Polizisten in den Chaplin-Filmen trugen. Ihre Auftritte ähnelten denn auch sehr den der Feuerwehrleute in Chaplins Film „The Fireman“ von 1916. Es war choreografierter Wahnwitz, der auch auf die meisten anderen Rollen übertragen wurde.

So sprang, hopste, kugelte, kroch, hing, rutschte und schwitzte Axel Röhrle als Biedermann durch die Szenen. Sein Stimmaufwand war gewaltig und dabei eher selten differenziert. Physisch ebenso anspruchsvoll und aufwendig war die Rolle des Dienstmädchens Anna, in der Ines Honsel mehr als einmal aus der Fassung geriet. Während Röhrle jedoch von seiner eigenen inneren Zerrissenheit und unhaltbaren Charakterlosigkeit umgetrieben wurde, war Honsels Anna Opfer ihrer Rolle als Dienstmagd, des Archetypus des Butlers mit der Torte im Gesicht. Helmut Dauner (Schmitz) und Burchard Dabinnus (Eisenring) waren im Gegensatz zu den anderen Figuren so etwas wie das Auge im Taifun. Sie strahlten in ihrer heimtückischen Frechheit eine innere, geradezu stoische Ruhe aus. Der Grund dafür war, dass, was immer sie auch sagten, selbst wenn es die reine Wahrheit war, man ihnen gar nicht glaubte. Man verschloss die Augen, weil nicht sein durfte, was nicht sein konnte. Wozu also sich aufregen, es lief doch bestens. Sophie Wendt gab Biedermanns bessere Hälfte Babette. Sie glaubte den Beschwörungen ihres Mannes, dass die beiden keine Brandstifter seien, denn er hatte sie ja schließlich gefragt. So genoss sie mit zärtlich enthemmter Dämlichkeit die Anwesenheit der beiden verruchten Ex-Knackis und machte ihnen erotische Avancen. Judith Riehl hingegen strickte ihren eigenen Pullover. Als Witwe Knechtling driftete sie wie eine Somnambule durch die Szenen und trieb stumm und stumpf ihren Anteil am Besitz der Biedermanns als Wiedergutmachung für den Freitod ihres Mannes ein.

Lorenz Seib, der sich als Polizist in seiner Anbetung für das weibliche Geschlecht schon mal hoffnungslos in den Rutschstangen verfing, vervollkommnete zudem den Chor der Feuerwehrleute. Sein Regiekonzept war letztlich inhaltlich nicht von Erfolg gekrönt. Die Slapstick-Eskapden gerieten bisweilen peinlich, weil hemmungslos überzogen, und sie überdeckten dabei noch den grandiosen szenischen Witz, der sich im sprachlichen Doppelsinn verbarg. Bei den zirzensischen Aufwendungen blieb die Komik nicht selten auf der Strecke und für den Sinnwitz waren die Bilder häufig zu aufdringlich. Das war überaus bedauernswert, da das Stück von Frisch brandaktuell ist und eine Katharsis bei den Zuschauern umso wünschenswerter wäre. Leider konnte sich das unterhaltsame, irrsinnig komische Lehrstück nicht wirklich entfalten, da die Botschaft im Getöse des aufwendigen inszenatorischen Getriebes unterging.

Man sollte meinen, dass ein Lehrstück gar nicht komisch sein kann. Frisch überzeugte mit „Biedermann und die Brandstifter“ vom Gegenteil. Das TamS hat mit dieser ambitionierten Produktion visuell und konzeptionell erst einmal überrascht. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass, was die Botschaft des Stückes anbelangt, zu viel auf dem Altar der Unterhaltung geopfert wurde. Weniger wäre hier unbedingt mehr gewesen. Slapstick mag durchaus Philosophie beinhalten. Chaplin hat es bewiesen. Doch um Philosophie zu artikulieren und zu transportieren, ist Slapstick ganz sicher nicht die erste Option.

 

Wolf Banitzki

 


Brandstifterei

frei nach „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch

Burchard Dabinnus, Helmut Dauner, Ines Honsel, Judith Riehl, Axel Röhrle, Lorenz Seib, Sophie Wendt

Regie: Lorenz Seib