Teamtheater Tankstelle Die Freizeitgesellschaft von François Archambault


 

 

Von der Armut des Wohlstands

François Archambaults Gesellschaftsdrama „Die Freizeitgesellschaft“ erzählt von der Leere und der Orientierungslosigkeit der Generation 30plus, die wohlbestallt und materiell gut ausgestattet, erkennen muss, dass der Dienst am Wohlstand nichts mehr mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Man hat schlichtweg keine Zeit und vor allem keine Muße mehr, den Wohlstand zu genießen. Obgleich alles auf den Genuss ausgerichtet ist, findet er nicht statt. Auch schleicht sich die Erkenntnis ein, dass man langsam aber sicher seine Seele an den Teufel Alkohol zu verlieren droht. Doch man ist Manns oder auch Frau genug, Entscheidungen zu treffen. Eine ist, nicht mehr zu trinken. Eine andere, sich von Marc-Antoine zu trennen, einem langjährigen Freund, der eigentlich kein Freund, sondern einfach nur in der Nähe war. Das sind die Vorsätze von Marie-Pierre, momentan wieder schwanger und genervt vom Kind, das man schon hat und das ein nerviger Schreihals ist, und Pierre-Marc, der viel an den Sex denkt, den er nicht hat und der sich redlich, aber erfolglos bemüht, konsequent zu sein, um endlich wieder das Leben zu leben, von dem man glaubt, dass es befriedigt.

Als Marc-Antoine, der Mann, von dem sich das Paar trennen möchte, auftaucht, ist er nicht allein. Seine Begleitung, die blonde und sehr anziehende Frau ist um Einiges jünger als ihr Begleiter. Marc-Antoine erklärt, um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen, dass es sich bei Anne-Marie nicht um eine Freundin, sondern um seine derzeitige Sexualpartnerin handelt. Es geht um das Prinzip: Miteinander schlafen, ja, aber bitte nicht intim werden! Das passt in das Weltbild aller Beteiligten und so gerät man auch nicht wirklich in Konflikt, als der Abend zur Trennungsparty erklärt wird. Man ist kultiviert genug, darüber nicht ernsthaft in Harnisch zu geraten und zu hinterfragen oder gar zu konfrontieren. Also macht man Party und der Vorsatz, nicht zu trinken gerät schnell in Vergessenheit. Und wie sich die Dinge so zwanglos entwickeln, bekommt Pierre-Marc die Chance, einen „flotten Dreier“ mit Ehefrau Marie-Pierre und der reizenden Sexualpartnerin des Nicht-Freundes zu veranstalten. Pierre-Marc kneift und der Nicht-Freund Marc-Antoine springt ein. Die drei kommen halbwegs auf ihre Kosten, während Pierre-Marc es vorzieht, einen Spaziergang zu machen…

Die Geschichte hat verheerende Folgen und am Ende steht man vor demselben Scherbenhaufen, den man davor als vermeintlich intaktes Leben begriffen hatte. Claudia Karpfingers Bühnenbild erinnerte an Boulevardkomödie, vier Türen ohne Türen, eine Minibar in Form eines Kamins, ein Flukatirondell mit Massageeinrichtung, Medizinbälle und einen Flügel, den die Besitzer nicht spielen können. Für das Musikinstrument plant man die Adoption eines kleinen Chinesenmädchens, da, wie man in entsprechenden Dokumentationen gesehen hat,  kleine Chinesen offensichtlich gut dressierbar sind. Die Kostüme sind hipp, stylisch mit dezentem Geruch nach teuer. Doch die Inszenierung ist keine Boulevardkomödie, denn es gibt kein Happy End. Vielmehr ist es ein erschreckendes Bild von der, von den Medien und dem gesellschaftlichen Bewusstsein forcierten Lebensart der „Leistungsträger“, Menschen, die hedonistisch die Götzen des Konsums anbeten und dabei ihr eigenes Unglück stilvoll verwalten, indem sie ihren Selbstbetrug hingebungsvoll pflegen.

  Freizeitgesellschaft  
 

Christoph von Friedl, Cecile Bagieu, Arno Friedrich, Genevieve Boehmer

© Marie Navarre

 

Die Inszenierung war nicht didaktisch, sondern versuchte, wie Regisseur Marcus Morlinghaus vorab betonte, authentisch widerzuspiegeln. Das ist natürlich ein probates Mittel, zu bewegen, wenn die seelischen Zustände so verwahrlost sind, wie sie es augenscheinlich sind. Es war, wie man schnell spürte, eine sehr ambitionierte Arbeit. Die Darsteller agierten von der ersten Sekunde an hochkonzentriert und druckvoll. Arno Friedrichs Pierre-Marc war im Grunde ein sehr lächerlicher Mensch, von Ängsten getrieben. Es gelang es ihm immer wieder, die Fassade aufrecht zu erhalten. Aber auch darin wurde seine Lächerlichkeit augenscheinlich.

Cecile Bagieu, die seine Ehefrau Marie-Pierre gab, machte es ihm nicht leicht, denn sie war unerschütterlich in ihrer Eigenwilligkeit und in ihrem Anspruch. Christoph von Friedls Marc-Antoine verkörperte, laut polternd und unentwegt „gut drauf“, die plakative Oberflächlichkeit, deren grelle Farben, bestehend aus Selbstbehauptungen und coolen Sprüchen, schnell brüchig oder fadenscheinig wurden, wenn Opportunismus gefragt und gefordert war.  Genevieve Boehmers Anne-Marie, am Anfang und über weite Strecken seltsam zurückhaltend, zeigte am Ende eine brachiale Überlegenheit, den anderen Figuren gegenüber, denn sie stand zu dem, was sie propagierte und auch praktizierte. Diese seelische Härte und Konsequenz war vermutlich der Jugend der Figur geschuldet, die noch an den (von der Gesellschaft propagierten und suggerierten) Selbstbetrug glaubte. Oder aber, sie war sich im Zustand ihrer jugendlichen Schönheit einfach sicher, dass sie noch immer alles haben konnte, was sie begehrte.

Dieses Kammerspiel über „die Armut des Wohlstands“ und zum Thema Egoismus, der heutigen Religion des Erfolgs, war befremdlich, verstörend und unterhaltsam gleichermaßen. Die Inszenierung verschwieg nicht die Ernsthaftigkeit des Problems, ohne dabei belehrend sein zu wollen. Regisseur Marcus Morlinghaus, selbst auch Schauspieler, inszenierte vornehmlich seine Darsteller, was dazu führte, dass deren vorteilhafte Qualitäten deutlich sichtbar wurden. Allerdings führte der leicht vernachlässigte Fokus auf den Fluss der Geschichte dazu, dass die Inszenierung nicht geschmeidig genug war und ein wenig spröde anmutete. Das war schade, denn es war genau das kleine Quäntchen Verführung, das fehlte, um den Abend und die Geschichte vollkommen zu machen. Doch ungeachtet dessen war es ein Augenweide, die vier spielfreudigen und potenten Akteure zu erleben.

 

Wolf Banitzki

 


Die Freizeitgesellschaft

von François Archambault
Deutsch von Gerda Poschmann-Reichenau

Cecile Bagieu, Arno Friedrich, Genevieve Boehmer, Christoph von Friedl

Regie: Marcus Morlinghaus