Teamtheater Tankstelle Artisten von Petra Maria Grühn


 

 

Es lebe der Zirkus!

Dreißig Jahre Teamtheater Tankstelle. Ein guter Grund zum Feiern. Nicht nur für die Intendantin Petra Maria Grühn und ihre Mitstreiter, sondern für die Stadt München, denn schließlich ist das Teamtheater in der Stadt eine feste und verlässliche Größe. Es schenkte dem Publikum etliche deutschsprachige Erstaufführungen, Uraufführungen und großartiges Theater aus Frankreich und Kanada in französischer und deutscher Sprache. Für das Jubiläum, und ein solches ist in der freien Theaterszene, in der das Theatersterben nicht selten vorprogrammiert ist, schon eine reife Leistung, trat Frau Grühn höchstselbst ans Dichterpult und verfasste ihr Jubiläumsdrama. Heraus kam „Artisten“, ein Stück, das ein gerüttelt Maß Selbstreflexion und Erfahrungen als Künstlerin beinhaltet. Zugleich bedeutet es aber auch ein Plädoyer für kollektive darstellende Künste, egal ob Zirkus oder Theater, denn die haben es wahrlich nicht leicht in der freien Wildbahn des Marktes.

Petra Maria Grühn erzählt die Geschichte einer Zirkustruppe, die am Tiefpunkt ihrer Existenz angelangt ist. Dabei ergehen sich die Protagonisten nicht in Larmoyanz, sondern gestehen sich ihre eigenen Fehler und Schwächen durchaus ein. Zum Zusammenbruch der Gemeinschaft trugen vornehmlich zwei Männer bei, die allerdings bereits das Zeitliche gesegnet haben. Es waren La Mammas Vater und ihr Ehemann, beide echte Womenizer und Lebemänner. La Mamma wäre gern Mama gewesen, doch diesen Vorzug ließ ihr Ehemann der Kollegin Ambrosia angedeihen. Leider kam die gemeinsame Tochter Désirée blind zur Welt. Dem Kind bleiben als Lebensinhalt nur die Mutter, die nach einem Unfall am Trapez im Rollstuhl sitzt und ihr Akkordeon, das sie beseelt zu spielen weiß. Dennoch ist La Mamma eine echte Mama, wie der Clown Shiva feststellt. Er hatte nie eine Mama, wurde als Kind geraubt und verstümmelt. Sein ewiges Lächel verdankte er seinen aufgeschnittenen Mundwinkeln. Er erklärte La Mamma zur Mutter der Truppe, - sicher ein Klischee, doch immerhin ein anrührendes. Shiva liegt denn auch im Streit mit Opal, der auf altbewährte Nummern setzt, wenn es um den Neubau eines zugkräftigen Programms geht. Und während die Truppe streitet, fantasiert und träumt, verkriecht sich Kongo, der Tänzer, verbittert und unnahbar in sein Schneckenhaus.

La Mamma hat Kontakt zu einem Agenten geknüpft, darauf hoffend, dass der das kleine Ensemble wieder in die Manege und ins Gespräch bringen würde. Inzwischen wird in der Truppe intrigiert, denn bei aller Zuversicht ist klar, dass eine Auslese stattfinden wird. Künstler sind halt auch nur Menschen und von denselben Ängste und Hoffnungen getrieben wie Otto-Normal. Der Agent kommt und erklärt, dass „Menschen, Tiere, Sensationen“ längst perdu sind. Doch die Truppe akzeptiert nicht und spielt mit einer (vielleicht letzten?) enthusiastischen Vorstellung gegen das Orakel an.

Die Bühne von Aylin Kaip bestand aus einem Spielsteg, einem Vorzelt zu dem Quartier der Artisten und einem Wohnwagen, in dem Kongo wohnte. Im Hintergrund befand sich eine Projektionsfläche für Himmel. Das gesamte Bild war sehr auf Atmosphäre angelegt und ein romantisches Refugium für (Zirkus-)Kunst und Leben. Der Realitätsbezug kam mit Ludo Vici, der im Anzug und mit Handy den Agenten gab. Er rappte seinen Einspruch gegen das „antiquierte Unternehmen“ und entlarvte gleichsam einen Charakterzug des heutigen „Kunstbusiness“: Der Agent kennt sich aus und der Agent befindet darüber, was Kunst ist und was nicht, wobei der Agent natürlich meint, was sich verkaufen lässt und was nicht. Auch wenn die Agenten, Produzenten, Marketingspezialisten und Veranstalter noch so sehr mit den Flügeln schlagen, sie können Kunst weder machen noch vermarkten. Das können sie nur mit „Produkten“. Wahrhafte Kunst ist nicht verhandelbar.

Und so kämpfte die kleine Truppe mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln um ihr Existenzrecht. Die blinde Désirée, anmutig gestaltet von Valérie Marsac, lieferte die Musik, nach der Kongo tanzte. Peter McCoy hatte seinen Tanz selbst choreografiert. Ursula Deukers Opal sang ausdrucksvoll in französischer Sprache. Auch wenn man nichts oder kaum etwas verstand, in dieser Konstellation und Situation war es ganz sicher die schönere Sprache. Ravi Reges Clown Shiva war das energetische Kraftfeld der Inszenierung, das nicht zuließ, dass die Schwerkraft überhandnahm. Ein wenig seltsam mutete an, dass das intrigante Handeln der an den Rollstuhl gefesselten Ambrosia, Léonie Thelen spielte sie bissig und verbittert, letztlich die Truppe nicht sprengen konnte. Das konnte unmöglich nur der kittenden Wirkung La Mammas geschuldet sein. Veronika Faber bemühte sich redlich, am Erfolg ihrer Unternehmungen keinen Zweifel zu lassen. Allein, ihre La Mamma war nicht übermenschlich; sie sprach trostsuchend der Flasche zu.

Oliver Zimmers Schauspielregie, Petra Maria Grühn zeichnete für die konzeptionelle Umsetzung verantwortlich, konnte leider nicht unsichtbar machen, dass dem Text bisweilen der substanzielle Fluss fehlte. Bis zu einem gewissen Grad kann diese Tatsache auch einem inszenatorischen Unfall zugeschrieben werden, denn unmittelbar vor der Premiere musste Veronika Faber für die Rolle der La Mamma einspringen. Das Bemühen aller Beteiligten, mit dieser Geburtstagsinszenierung eine Lanze für die freien, nicht von der Ökonomie bevormundeten Künste und für die Künstler zu brechen, war sehr löblich, doch leider nicht von dem erhofften Erfolg gekrönt. Es bleibt zu hoffen, dass die Inszenierung im Laufe der nächsten Vorstellungen die Geschmeidigkeit gewinnt, die sie benötigt, um nicht nur die physische, sondern auch die psychische Schwerkraft zu überwinden. Am Erfolg des Teamtheaters und seiner wunderbaren Geschichte ändert das gar nichts.

 

Wolf Banitzki

 


Artisten

von Petra Maria Grühn

Mit Veronika Faber, Léonie Thelen, Ravi Rege, Ursula Deuker, Valérie Marsac, Peter McCoy, Ludo Vici

Regie und konzeptionelle Umsetzung: Petra Maria Grühn
Regie Schauspiel: Oliver Zimmer