Cuvilliés Theater Affäre Rue de Lourcine von Eugène Labiche


 

 
Der Mörder in uns

Unlängst stieß ich bei der Lektüre von Fritz Kortners Autobiografie auf den Begriff „Theaterbetrieb“. Es ist ein gängiger Begriff, an dem heute niemand mehr Anstoß nimmt, bezeichnet er doch auf komplexe Weise den organischen Ablauf von Theaterarbeit. Bei Kortner hatte dieser Begriff allerdings einen zutiefst negativen Anstrich. Er verstand darunter die organisatorische Hoheit eines (auf Gewinn orientierten) Produktionsbetriebes, bei dem das „künstlerische“ Ergebnis in den Hintergrund tritt. Es zählt, so Kortner, nur die Kontinuität des Ausstoßes an Produktionen und nicht mehr der genialische, (Theater-)Geschichte schreibende Augenblick höchster künstlerischer Meisterschaft, die auf Inhalt und Form gleichermaßen zielt.

Eingeführt wurde dieses wirtschaftliche Denken in der Kunst im 19. Jahrhundert. Einer der Autoren, der diesen Wandel weg vom idealistischen hin zum pragmatischen Kunstschaffen mit einläutete, war Eugène Labiche. Er zeichnet für ca. 175 dramatische Texte (mit-)verantwortlich. Sein berühmter Literaturkollege Alexandre Dumas hatte es vorgemacht. Der beschäftigte seinerzeit schon etwa 30 Autoren in seinem Literaturbetrieb. Ausbeute: ca. 600 Bände Abenteuerliteratur. Was in der Prosa möglich war, musste doch auch in der Dramatik praktizierbar sein, dachte sich Labiche. Der kommerzielle Erfolg gab ihm Recht, denn immerhin konnte er sich ein Schloss in Souvigny-en-Sologne leisten. Dank dieses Erfolges, der gleichsam als ein künstlerischer gewertet wurde, ernannte man ihn 1880 zum  Mitglied der Académie française. Bis heute gehören seine Bühnenwerke zum Standardrepertoire der Comédie française.

Es mag wohl sein, dass die Texte Labiches zu Lebzeiten des Autors großen Aufruhr verursachten, heute ist dies allerdings schwer vorstellbar. Labiche war politisch ein wahrhafter Reaktionär. Die sozialen Auseinandersetzungen (in seine Zeit fiel die Pariser Kommune) interessierten ihn nicht, und als Verehrer Napoléons III. waren ihm jegliche liberalen und demokratischen Strömungen zuwider. Er war als Unternehmersohn ganz und gar Kind seiner Zeit, der Belle Époque. Bei näherer Betrachtung handelt es sich bei den Protagonisten in Labiches Texten zumeist um etablierte, in den Strukturen der „besseren Gesellschaft“ verankerte Menschen. Häufigster Kritikpunkt Labiches an diesen Figuren ist ihre moralische Indifferenz. Es sind Menschen mit kleinbürgerlichem Naturell, denen die eigene Triebhaftigkeit immer wieder ein Bein stellt, und die sich somit als „moralische Zwerge“ entlarven.

So auch in der „Affäre Rue de Lourcine“. Rentier Lenglumé ist den sinnlichen Freuden nicht abhold, schleicht sich unter Vorspiegelung einer Migräne aus dem Haus und landet bei dem Jahrgangstreffen seines Gymnasiums. Am nächsten Morgen kann er, rückschauend auf die letzte Nacht, nur noch in schwarzes Loch entdecken. Ebenso ergeht es Mistingue, ebenfalls Absolvent dieses Gymnasiums. Zur großen Verwunderung beider wachen sie gemeinsam im Bett Lenglumés auf. Bei einem opulenten Frühstück erfahren sie aus der Zeitung, dass in der Rue de Lourcine eine Kohlenträgerin ermordet worden ist. Alles, die Indizien sind so kurios wie unglaubhaft, deutet darauf hin, dass die beiden Saufbrüder die Täter waren. Zum Spiel der Vertuschung, Reue würde die Kohlenträgerin ohnehin nicht wieder lebendig machen, gehören zwei weitere vermeintliche Morde. Der Schein muss um jeden Preis gewahrt bleiben, auch wenn sich dahinter ein Mörder verbirgt. Und da das Ganze eine Komödie ist, sei vorweggenommen, dass es so blutrünstig nicht endet.
 
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Rainer Bock, Stefan Wilkening, Anna Riedl, Peter Albers

© Thomas Dashuber

 
 
Es ist ein konstruiertes, ganz der Produktionsweise in einem Literaturbetrieb verhaftetes Werk, das in kaum einem Punkt glaubhaft und überzeugend ist. Für das Stück spricht allerdings die handwerkliche Perfektion der Dialoge und die halbwegs stimmige Dramaturgie. Regisseur Hans-Ulrich Becker musste also einen guten Grund gehabt haben, dieses Stück im Cuvilliés Theater auf die Bühne zu bringen. Dass er es nicht darauf abgesehen hatte, eine furiosen Komödienabend in Szene zu setzen, der den Zuschauern die Tränen des Lachens über die Wangen treibt, wurde bald deutlich.

Hans-Ulrich Becker konzentrierte sich in seiner Inszenierung darauf, den Moment des Erkennens beider Protagonisten, dass ihr Leben von nun ab einer Katastrophe gleicht, kulminieren zu lassen. Die Schockstarre, in die beide Männer geraten, hält bis zum Ende des Stückes an. Die aufkommende Panik, der Alkohol machte sie wieder handlungsfähig, führte zur Demontage aller menschlicher Werte. Becker suchte den moralisch-philosophischen und damit den didaktischen Ansatz in den Vordergrund zu rücken.

Weit hergeholt, möchte der Kenner des Textes meinen, doch die konsequente Umsetzung gab dem Regisseur Recht. In seiner Erzählweise war die Aktualität des Themas unbestritten. Dass dieser Ansatz sichtbar wurde und zugleich auch eine gewisse Wirkung entfaltete, verdankte die Inszenierung hauptsächlich dem beeindruckenden Bühnenbild von Alexander Müller-Elmau. Der große Guckkasten war mit Motiven der Art déco ausgemalt, düster und in der Formgebung auch mystisch anmutend. Das Besondere am Bühnenbild war jedoch dessen Beweglichkeit. In Momenten, in denen die Inhalte der Handlung aus dem Lot gerieten, begannen die Wände zu schwanken. Der Boden neigte sich ebenso wie die Wände. Die Protagonisten fanden kaum Halt und klammerten und stützten sich verzweifelt. Als die Katastrophe schließlich den Höhepunkt erreichte, begannen die Wandmotive zu schmelzen und zu zerfließen (Video:  Meike Ebert und Jana Schatz). Der visuelle Effekt war beeindruckend plausibel.

Rainer Bock (Lenglumé) und Stefan Wilkening (Mistingue), letzterer mit Cyrano-Nase, spielten verhalten komödiantisch, stets mit einem martialischen Kater im Nacken. Den sich anbietenden Witz der Dialoge absolvierten sie unaufdringlich, dem Grad ihrer vermeintlichen Erschöpfung angemessen. Dadurch wurde die Katastrophe, in der sie sich wähnten, überdimensional. Wolfgang Menardi verlieh seiner Rolle als Diener Justin eine Gespreiztheit, die das landläufige Verständnis von dieser Domestiken-Rolle überstieg. Sehr selbstbewusst und stets darauf aus, seinen Schnitt zu machen, kontrastierte er das scheinbar behütete Dasein der Herrschaft. Anna Riedl fungierte in der Rolle der Norine (Lenglumés Ehefrau) mehr als Stichwortgeberin, denn als Protagonistin. Ihr oblag es, allein durch ihre Anwesenheit, die Spirale der Handlung und des damit einhergehenden Moralverfalls anzutreiben.

Die Inszenierung des Amüsierklassikers erfuhr durch Hans-Ulrich Becker eine originelle Deutung. Der Besucher sollte sich allerdings nicht darauf einstellen, lediglich einen amüsanten Abend mit viel Gelächter zu erleben. Die Inszenierung atmete bisweilen Schwere, hatte auch hier und da ansatzweise Längen, was jedoch nicht zu Lasten der Regie geht, sondern der intellektuellen Mäßigkeit der Vorlage geschuldet ist. Amüsant kann dieses Stück nur sein, wenn man auf Vordergründigkeit setzt, den Witz ohne Rücksicht auf guten Geschmack inszeniert und das Publikum wie eine Herde Lemminge rasant durch die Handlung treibt. Gibt man dem Zuschauer die Möglichkeit zum Atem holen, wird dem die Fadheit und Unlogik des Textes bewusst. Regisseur Becker war mutig genug, dieses Stück gegen den Strich zu bürsten. Dieser Mut sollte mit Anschauen belohnt werden.

 
Wolf Banitzki

 

 


Affäre Rue de Lourcine

von Eugène Labiche

Anna Riedl, Peter Albers, Rainer Bock, Wolfgang Menardi, Stefan Wilkening

Regie: Hans-Ulrich Becker
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