Neues Haus Peter Pan von Schorsch Kamerun nach den Geschichten von James M. Barrie


 

 

No Futura im Nimmerland

Peter Pan ist der Aussteiger schlechthin. Als ihm das Erwachsensein drohte, stahl er sich davon nach Nimmerland. Hier lebte er mit anderen elternlosen Kindern, Elfen, Indianern und wilden Tieren. Und dann waren da auch noch die Piraten mit ihrem berüchtigten Anführer Hook. Es war eine abenteuerliche Welt, die sich eigentlich bei näherer Betrachtung nicht so recht von der eigentlichen Welt unterschied. Das fand zumindest Schorsch Kamerun heraus, der den Protagonisten zum Beweis reale Gesichter verlieh. In Anlehnung an einen Artikel der "Village Voice" aus den 60er Jahren, in dem es sinngemäß hieß: Andy Warhol sei der dreisteste unten den "respektlosen Kunstvandalen", der Peter Pan der Pop-Art, verwies Kamerun auf diesen doch recht fragwürdigen Rebellen. Der Gegenspieler von Peter trug im wahrsten Sinne des Wortes das Antlitz einer anderen, einer wahrhaft dekadenten Ikone der Neuzeit, das von Karl Lagerfeld. Wer bei dem Attribut "dekadent" zusammenzuckt, der kann sich im Programmheft vom Wahrheitsgehalt dieser Aussage überzeugen.

Die Peter-Pan-Geschichte im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele begann mit der Entführung des Mädchens Wendy Darling ins Nimmerland. Peter überzeugte sie mit seiner Fantasie und der Aussicht, fliegen zu können. Dort erlebten sie viele, die kindlichen Vorstellungen anstachelnde Abenteuer. Auch die erwachsenen Kinder kamen dank großartiger Komödiantik auf ihre Kosten. Am Ende waren es die Kinder, stellvertretend für sie alle sprach Wendy Darling, allerdings leid, denn ihnen war dieses Leben keine Erfüllung. Einzig Peter verharrte in der zur Pose verkommenen Haltung des ewigen Rebellen. Er blieb im Nimmerland. Dabei störte es ihn auch nicht, dass er jetzt Bernd hieß!
 
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Walter Hess, Bernd Moss, Wiebke Puls

© Andrea Huber

 

 

Schorsch Kameruns Hiebe auf den Zeitgeist waren derb, aber keineswegs über die Maßen gewagt. Vielmehr findet sich in dieser Geschichte ein künstlerischer Realismus, den frühere Arbeiten von ihm wegen ihrer anarchischen Ansätze vermissen ließen. Dreh- und Angelpunkt und dramaturgisch auf exzellente Weise tragfähig war das Thema Eitelkeit. Dabei kann Eitelkeit durchaus als ökonomische Triebkraft verstanden werden. Der ärgste Feind aller Eitelkeit, im heutigen Verständnis eine notwendige Eigenschaft in der Persönlichkeitsentfaltung und keine Sünde mehr, ist die Zeit. René Dumont als dieselbe, in fulminant erstarrtem Kostüm, drängte sich denn auch in jedem unwillkommenen Augenblick ins Bewusstsein der Akteure. Insbesondere Hook trafen diese Auftritte hart. Walter Hess begegnete der Zeit mit dröhnendem Aufbegehren, denn die seine war längst abgelaufen. Er hatte zwar noch eine Vorstellung von sich selbst, fühlte sich aber schon längst nicht mehr. Oder, wie Karl Lagerfeld von sich sagt: "Ich leide an einer Überdosis meiner selbst. An einem bestimmten Punkt fragt man sich, bin ich eine Puppe oder nicht?" Wiebke Puls driftete als Wendy Darling zwischen den Polen der Eitelkeiten hin und her. Sie begegnete vielen Vorgängen mit Unverständnis und ihre brillant eingestreuten Hinterfragungen bewiesen die Absurdität einer Welt, die sich rebellisch und andersartig dünkt, die aber bereits in einem ungeheuerlichen Spießertum untergegangen ist. Einen weiteren Pol des Spannungsfeldes bildete Tinker Bell, eine Fee, die nicht zuletzt wegen ihrer faden Theatralik ein Auslaufmodell war. Erst Peters Beschwörung des Publikums, an diese Fee zu glauben, erhielt sie am Leben. Tabea Bettin, die die Rolle auch schon mal als Trinker Bell verfremdete, schien in ihrer immateriellen Entrückung tatsächlich nur noch eine gedankliche Folie aus vergangenen Märchenzeiten zu sein. Und last but not least Bernd Moss als Peter Pan. Er wirkte in der Tat sehr quirlig und jungenhaft und war somit idealbesetzt.

Constanze Kümmel schuf für den relativ kleinen Raum des Neuen Hauses ein geradezu opulentes und scheinbar der kindlichen Fantasie entsprungenes Bühnenbild. Die Brücke von Hooks Schiff (Name: No Futura), quasi eine gesellschaftlich höhere Bühne, war ebenso effizient wie das Labyrinthische, an Underground erinnernde des Nimmerlands. Die hinreißenden Kostüme von Maren Geers vervollkommneten den ästhetisch gelungenen Entwurf. So liebevoll und beflügelnd wie das Bühnenbild und die Kostüme waren, so lustvoll und komödiantisch war auch das Spiel der Akteure. Kameruns Texte fanden im überwiegend komischen Spiel ihren sinnvollen Ausdruck. Und schließlich bekam alles dank der Choreografien von Volker Michel noch die Leichtigkeit eines Musicals.

Dieser neue Peter Pan ist eine gelungene, wenngleich sehr kritische Adaption des alten. Schorsch Kamerun empfiehlt seine Inszenierung für Menschen ab 9 Jahren. Dem kann man nicht widersprechen.


Wolf Banitzki

 

 

 


Peter Pan

von Schorsch Kamerun nach den Geschichten von James M. Barrie

Tabea Bettin, Wiebke Puls, René Dumont, Walter Hess, Bernd Moss, Carlo Fashion, Salewski, Helene Brøndsted, Simone Deting, Stephanie Felber, Josefine Häggblad, Denise Schatz

Regie: Schorsch Kamerun
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