Theater im Marstall Heimarbeit von Franz-Xaver Kroetz


 

 

Was sich gehört …

Nach fast dreißig Jahren erlebte das erste Erfolgsstück von Franz Xaver Kroetz wieder eine Aufführung im für Kroetz "heimatlichen" Marstall. "'Heimarbeit' ist ein Zeitstück, das seine Zeit überdauert hat." So titelt Georg Holzer seine dramaturgischen Anmerkungen im Programmblatt, eine These vorerst, die die Inszenierung beweisen musste. Uraufgeführt wurde das Drama über eine kleine Familie aus dem Volk 1971 in den Münchner Kammerspielen. In dieser politisch wie auch ethisch-weltanschaulich brisanten Zeit hat das Stück seine Wirkung nicht verfehlt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Da fragt es sich, ob diese Geschichte noch dieselbe Betroffenheit auslöst wie anno dazumal?

Martha und Willy sind ein exemplarisches Ehepaar. Sie leben in der Eigenheimidylle einhellig nebeneinander her, bis die Abläufe gestört werden. Willy verliert nach einer Saufeskapade und einem Mopedunfall seinen Arbeitsplatz. Fortan tütet er daheim Blumensamen ein. Während seines Krankenhausaufenthaltes nach dem Unfall lässt sich Ehefrau Martha von einem "Unbekannten" schwängern. Willy geht das "nix" an, "ist ja nicht sein Kind". Immerhin erinnert er sich, dass seine Mutter mittels einer Stricknadel mehrere Kinder abtrieb. Dies war nur ein Ratschlag, entschuldigt er sich später. Die Abtreibung misslingt und das Kind kommt geschädigt zur Welt. Als Martha Willy verlässt, weil der sie permanent demütigt, geschieht, was der Zuschauer leicht errät. Willy tötet das Kind. Die Tat bleibt folgenlos und Martha, denn das, "was sich nicht gehört", ist aus dem Haus, kehrt heim und nimmt ihre Putzarbeit wieder auf. Der Rest ist grüner Rasen und Sonnenschein.
 
   
 

Peter Albers, Beatrix Doderer, Grit Paulussen

© Thomas Dashuber

 
 
Ann Poppel schuf ein Bühnenbild aus einem biederen, vom rechten Winkel dominierten Garten und einen Stahlprofilkubus, gut einsehbar, der das Hausinnere absteckte. Überflüssiger Weise findet sich auch noch ein Gartenzwerg, mit dem die Ausstatterin ihren eigenen metaphorischen Entwurf leider etwas entwertet. Zentrum dieser Wohnstatt war die Badewanne, Ort des Kindsmordes und Synonym für die penible äußerliche Reinlichkeit. Im Hintergrund der Arbeitsplatz des Heimarbeiters Willy. Eigentlich "gehört es sich", dass der Mann zur Arbeit das Haus verlässt. An diesem vermeintlichen Missstand macht die Dramaturgie des Stückes fest. Es ist nicht, wie es sein sollte, "was sich gehört"…

Peter Albers Willy strotzte vor Stupidität. Scheinbar gefühllos nahm er die Abläufe hin, immer wieder unterbrochen von der Rückkehr zu seiner "Heimarbeit". Das Abfüllen der Tüten glich dem Ticken einer unaufhaltsamen Uhr. Es war der Rhythmus der Unentrinnbarkeit. Nebenher das ebenso monotone, von unendlichen Widerholungen geprägte Treiben Marthas. Das restliche Leben war zwischen Abwaschen und Essen angesiedelt. Beatrix Doderer verlieh der Figur einen tiefen Fatalismus, gelegentlich aufgebrochen von schlaglichthaftem Lächeln, das verriet, dass sie irgendwann mal mehr vom Leben erwartet hatte. Beide Akteure agierten mit höchster Sensibilität und Konzentration. Den Raum dafür schuf die Regie Veit Güssows, der langsam spielen ließ, quälend langsam. So war die scheinbar unerschütterliche Mimik beider immer wieder durchsetzt von Regungen, die die Unmenschlichkeit, die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit der Situation zu Tage treten ließen. Abgerundet wurde das Ensemblespiel durch Grit Paulussen, die die Rolle der Tochter Monika überzeugend mädchenhaft naiv spielte. Ihr Ausdruck spiegelte ein Kind, das ganz das Produkt dieser Ödnis war.

Dramaturgisches Anliegen der Inszenierung war es, durch die Kargheit der Sprache, durch das Nichtaussprechen der Gefühle, Vorgänge, die geschehen waren, ungeschehen zu machen. Worüber man nicht redet, das ist auch nicht geschehen. Die Zeitlosigkeit, auf die Dramaturg Holzer verwies, bestand im Gegenentwurf zur heutigen Mediengesellschaft, die derartige Vorgänge medial-analytisch tot quatscht, ohne sich dem Kern der Sache zu nähern. Kindermord als mediales Ereignis ist spartentauglich geworden, weil alltäglich. Der Schauer des Unbegreiflichen ist zum Tagesgeschäft geworden. (Laut Statistik werden ca. 300 Kinder jährlich in Deutschland getötet. Angaben ohne Dunkelziffer.)

Es macht per se Kroetz nicht tugendhafter, wenn Holzer ihn in die Nähe von Brecht zu rücken versucht, in dem er sinngemäß formuliert, auch Kroetz weiß es nicht besser und so erzählt er die Geschichte nur, wie sie geschehen ist. Der Zuschauer möge für sich entscheiden, ob es einen Ausweg daraus gibt. Fragt sich, wie der Zuschauer das können soll? Nicht einmal ansatzweise kann das gelingen, denn, und hier unterscheiden sich Kroetz, Dramaturg Holzer und Regisseur Veit Güssow deutlich von Brecht, dessen Stücke vorsätzlich gesellschaftskritisch sind. Diese Dimension erlangt die Inszenierung im Marstall nicht.

Der Kick, den ein Kindsmord in den Medien heutzutage auslöst, dieses erschütterte Innehalten: Wie kann das nur sein!, muss angesichts des Abstumpfungsgrades ausbleiben. Unser Voyerismus und der der Medien jongliert längst mit schwerer Kost. Also bleibt er aus, was auch gut ist. So bleibt der Zuschauer wenigstens bei Bewusstsein. Allerdings hat er sich mit einigen Längen herumzuplagen, die aus der "Slow-Motion" des Fortgangs der Geschichte resultieren. Die Zeiten haben sich geändert und die Sehgewohnheiten auch. Veit Güssow inszenierte das Stück, wie bereits angedeutet, wie einen Ragtime. E.L. Doctorow begann seinen gleichnamigen Roman mit dem Satz: "Einen Ragtime musst du langsam spielen, ganz langsam spielen." Dem Regisseur gebührt Dank dafür. Vielleicht trat er damit ja für einen neuen alten Trend ein und entdeckte die Langsamkeit für das Theater wieder, eine Langsamkeit, die uns unsere Sensibilität wieder gibt und die nur allzu menschlich ist.
 
 
Wolf Banitzki

 

 


Heimarbeit

von Franz-Xaver Kroetz

Beatrix Doderer, Peter Albers und Grit Paulussen


Regie: Veit Güssow
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