Theater im Marstall Genua 01 von Fausto Paravidino


 

 
Eine unmissverständliche politische Stellungnahme

"Das war die realistische Situation damals: eine totale Unzugehörigkeit." Nein, dieser Satz stammt so nicht aus der "modernen Tragödie" von Fausto Paravidino, sondern aus dem Tagebuch (1965) von Peter Weiss, aus der Zeit unmittelbar vor Beginn der Arbeit des Dichters an "Viet Nam Diskurs". Sinngemäß ist der Gedanke aber in "Genua 01" enthalten, wenn es im Prolog heißt, dass die Vertreter der G8, die selbsternannten Führer dieser Welt, globale Weichen stellen, um der Demokratie weltweit zum Durchbruch zu verhelfen. Man möge es bitte nicht falsch verstehen und Demokratie als idealisierten Zustand eines umfassenden Humanismus begreifen, den es anzustreben gilt. Demokratie meint heute lediglich das freie und ungebremste Walten der Ökonomie, an der bedauerlicher Weise nur ein eher geringer Teil der Menschheit partizipiert. Es bedarf schon einiger Fantasie, den Humanismusgedanken (wohlgemerkt ein älteres Menschheitsideal) aus den Reden der Mächtigen herauszuhören. Und so stellt Paravidino auch unumwunden die These auf, die Globalisierungsgegner sind die Stimme derer, die in der Globalisierung "total unzugehörig" sind.

Es verblüfft, wie sich die Zeiten gleichen. Wieder einmal führt Amerika einen schmutzigen Krieg im Namen der Demokratie und meint doch im Interesse des Kapitals. Wieder einmal entsteht spontaner Widerstand und wieder gehen die Staatsmächte, die sich den Ideen des Kapitalismus verpflichtet fühlen, repressiv gegen die eigenen Bevölkerungen vor. Terrorismusbekämpfung nimmt schließlich den Charakter von Hexenverfolgung an. Doch der Konflikt ist tiefer und wenn Paravidino meint: "Die Tendenz im Moment scheint zu sein, die Klassenschranken in der Welt wieder aufzurichten", dann kommt er der Sache näher. Der Klassenkampf war durch den Niedergang des Ostblocks nur ausgesetzt. Die Probleme, die den Klassenkampf auf den Plan riefen, waren es nicht, auch wenn die Apologeten des Kapitals sie wegzubeten nicht müde wurden. Es ist das System des Kapitalismus, das diese Probleme gebiert und nicht die Ideologen oder Vorreiter des Klassenkampfes. Um das zu begreifen reicht kausales Denken aus. Dazu bedarf es nicht einmal dialektischen Denkens, obgleich uns das weiter bringen könnte.
 
   
 

Peter Nitzsche

© Thomas Dashuber

 

 

Was hat das nun alles mit Theater zu tun, fragt man sich? Nun, die Geschichte des Todes Carlo Giulianis während der Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua wurde in szenischer Aufbereitung in einem Theater gespielt. Zudem ist der Text dergestalt, dass wir es nicht mit handelnden Personen im üblichen Rollenverständnis zu tun haben. Es werden weder Charaktere entwickelt, noch unterscheiden sich die handelnden Personen durch Sozial- oder wie auch immer definierten Sprachduktus. Der Zuschauer erlebte eine reportagehafte Erhellung der tatsächlichen (rekapitulierten) Vorgänge, die Hintergründe beleuchten sollten und die tiefe Einsichten in die fortschreitende "Erosion der Demokratie", wie Dramaturg Georg Holzer es nennt, lieferten. Das gelang unbestritten und hatte eine Wirkung, die der des Theaters entspricht. Es war weder neues Theater, noch haben Paravidino und sein Regisseur Alexander Jung eine neue Ästhetik erfunden. Vielmehr bedient man sich hier der Mittel eines Theaters, welches auf das Agitproptheater der 20er Jahre des 20. Jahrhundert zurückgeht und im Ostblock bis zu dessen Niedergang praktiziert wurde. An dieser Stelle relativiert sich auch die Kritik westlicher Theatermacher, die aus dem Elfenbeintürmchen heraus den osteuropäischen Kollegen vorwarfen, dass ihr Theater das leiste, was die Medien leisten sollten und nicht taten. So schnell kann es gehen, dass sich Theatermacher in dem Zwang sehen, die Aufgaben der Medien zu übernehmen, weil diese, aus welchen Gründen auch immer, ihre Arbeit zum Erhalt von Freiheit (Und frei können nur wissende Menschen sein!) nicht mehr machen.

Die Entscheidung, diese Inszenierung mit jungen Schauspielern der Bayerischen Theaterakademie zu realisieren, war nicht nur lobenswert, sondern auch sinnfällig, denn dieses Theater war episches Theater und die Schauspieler traten hinter ihre Texte zurück. So blieben dem Zuschauer allerlei Rückerinnerungen an andere Inszenierungen erspart, die die Gesichter der Stars des Residenztheaters zwangsläufig evozieren. Der artifizielle Ansatz der Inszenierung lag folglich auch nicht unbedingt im Spiel der Akteure, sondern in der sprachlichen und gestischen Nuancierung, um gesicherte Wahrheiten von Vermutungen zu trennen und dadurch vordergründige Ideologie zu vermeiden. Hinzu kam ein gelungenes Bühnenbild von Mark Späth, bestehend aus einer medialen Mauer, die von unterschiedlichsten Kräften durchlöchert und schließlich abgetragen wurde. Die Symbolik entsprach dem Vorgang und hatte ihren Schauwert. Das Ganze dauerte eine Stunde und die verging wie im Flug. Es war eine aufrüttelnde Inszenierung, an der sich die Geister scheiden werden, wie sich die Gesellschaft an der teilweisen "Unzugehörigkeit ihrer Individuen" spaltet. Hier hatte immerhin ein Autor den Mut zu einer unmissverständlichen politischen Stellungnahme und ein Theater unterstützte ihn dabei.
 
 
Wolf Banitzki

 

 


Genua 01

von Fausto Paravidino

Esther Kuhn, Birthe Wolter, Benjamin Mergarten, Peter Nitzsche, Anas Ouriaghli, Norman Sonnleitner

Regie: Alexander May
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