Metropol Theater Der Sommer von Romain Weingarten


 
 
Von Menschen und Katern

"Nichts schrecklicher kann den Menschen geschehn, als das Absurde verkörpert zu sehn.", schrieb Altmeister Goethe. Wie sich die Zeiten ändern. Schönheit ist eines der wichtigsten Merkmale des Stückes "Sommer" von Romain Weingarten, das Gerd Lohmeyer für das Metropol Theater wieder entdeckt hat. Dafür gebührt ihm Lob. Aber auch für die Inszenierung muss ihm gedankt werden, die den Besucher für eineinhalb Stunden in eine Welt entführt, die, wenn überhaupt noch, nur in der fernen Erinnerung existiert.

Weingarten, 1926 in Paris geboren und ein Vorreiter des Theaters des Absurden, ist mit diesem Stück ein bemerkenswerter Wurf gelungen. Die "dramatische Erzählung", wie er sie nennt, berichtet von einer banalen, im Alltag sich ständig wiederholenden Geschichte. Ein Paar macht sechs Tage als Pensionsgäste Urlaub auf dem Land. Am Ende hat sich die Frau klammheimlich davongestohlen und einen zerstörten Mann zurückgelassen. Der Zuschauer bekommt dieses Paar nie zu Gesicht und dennoch kann er teilhaben an den Vorgängen der verborgenen Geschichte. Er erlebt sie als Spiegelungen in den Augen und Gemütern zweier Kinder und zweier Kater. Diese besondere Perspektive macht den ganzen Reiz des Stückes aus. Die Kinder reagieren heftig, aufrichtig, versonnen und klischeehaft, wobei letzteres als Tugend zu verstehen ist, denn die kindliche Logik ist eine einfache. Die Kater, sie stehen hybrid über den Dingen, kommentieren auf sehr eigene und sehr philosophische Weise. Am Ende verabschieden sie sich mit der Begründung aus dem Spiel, dass es ihnen zu spießerhaft sei.

Das Ganze spielt in einem puppenhausartigen märchenhaften Bild mit Ligusterhecke und Gartenmauer. Bühnenbildner Bernhard Gross schuf einfühlsam die Kulisse, in der Gerd Lohmeyer seine Inszenierung und sein Spiel entfalten konnte. Dem Regisseur gelang es, Absurdes nachvollziehbar zu machen. Er als Kater Kirschtupfer und Johannes Herrschmann als Kater Seine Knoblaucht kontrapunktieren menschliche Verhaltensweisen mit tierischen, oder besser katerhaften, wodurch zutiefst komische und unverwechselbare Charaktere entstehen. Die kindliche Aufregung des Mädchens Lorette, die mit der Ankunft der Feriengäste einsetzt, und die für sie eine Entdeckungsreise zu den Ufern der Liebe einläutet, hält das ganze Stück über an. Ulrike Arnold gelingt eine Darstellung, die durchgängig und glaubhaft Kindlichkeit erzeugt und nie ins Kindische kippt. Felix Kuhn als "leicht beschränkter" Bruder spielt seinen, häufig schweigsamen Part mit großer Intensität, so dass der Zuschauer letztlich nicht mehr an seine Beschränktheit glauben kann. Die Introvertiertheit lässt doppelte Böden vermuten, die hier und da auch sichtbar werden.

Über allem liegt ein Hauch Poesie, die starke Unterstützung durch die geschickte Lichtgestaltung von Björn Gerum erfährt. Die Szenenwechsel werden musikalisch von Ester Schöpf (alternierend Martha Cohen) gestaltet, wobei die Betonung auf Gestaltung liegt, denn das Violinenspiel unter Verwendung von Motiven César Francks, Maurice Ravels und Moritz Moszkowskis ist weit mehr als nur ein Lückenfüller.

Diese Inszenierung ist von beinahe beunruhigender Geschlossenheit und Harmonie, liegt doch bei diesen Prädikaten der Schluss nicht fern, hier sein Kitsch im Schwange. Mitnichten! An dieser Inszenierung kann nur der Zuschauer scheitern, der das Kind in sich verloren hat. Wer es noch in sich hat, der wird es fühlen. Es wird ihm verstehen helfen, was wir als Erwachsene nicht mehr verstehen können. Rationale Einsichten werden sich dabei nicht einstellen. Wie auch, es ist Theater des Absurden. Herr Goethe ist, zumindest den Eingangssatz betreffend, mit dieser Inszenierung widerlegt.

 
Wolf Banitzki

 

 


Der Sommer

von Romain Weingarten

Dramatische Erzählung in sechs Tagen und sechs Nächten

Ulrike Arnold, Felix Kuhn, Gerd Lohmeyer, Johannes Herrschmann

Regie: Gerd Lohmeier
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