Metropol Theater Bash von Neil LaBute


 

 

Die Mörder sind unter uns

"Drei Geschichten über den alltäglichen Wahnsinn; drei Geschichten, über das Töten." Mit diesem Satz bewirbt das Metropol Theater in München die aktuelle Produktion "Bash". Der Zuschauer erlebte auf der Bühne des atmosphärischen Lichtspieltheaters im 60er Jahre Interieur die Beichten zweier Einzelpersonen und einem Paar. Im ersten der drei Einakter erfährt der Theatergänger, wie ein Angestellter (Martin Dudeck) Opfer eines Kollegenwitzes und zum Mörder am eigenen Kind wird. Im zweiten Teil erzählt ein junges Paar (Philipp Moschitz und Lea Kohns) von einer Party, veranstaltet von der heimischen Kirche, die gleichsam ihr sechsjähriges Beisammensein zäsiert. Nach der Party tötet der junge Mann gemeinsam mit gleichaltrigen Freunden einen Homosexuellen in einer Toilette im New Yorker Central Park. Die dritte Geschichte handelt von einem Mädchen (Judith Toth), dass 13-jährig von ihrem Lehrer verführt und geschwängert wird und die vierzehn Jahre später den gemeinsamen Sohn in der Badewanne tötet.

Drei Geschichten über den alltäglichen Wahnsinn? Nein, denn wäre es so, hätte sich der Erfolgsautor Neil LaBute kaum die Mühe gemacht, diese Geschichten niederzuschreiben. Neil LaBute erntete viel Lob von Kritikern für seine beunruhigenden Darstellungen menschlicher Beziehungen. "Neil LaBute ist der Gegenwartsdramatiker überhaupt", lobhudelte Detlev Baur in der Deutschen Bühne (3/03). Bei derartigen Superlativen ist Vorsicht geboten. Unbestritten ist allerdings, dass der 1963 in Spokane geborene Autor ein großer Verunsicherungsfaktor in der amerikanischen Kultur ist. Und Amerika, wie auch jedes andere hochzivilisierte Land der westlichen Welt braucht einen solchen Quertreiber. LaBute ist ein handwerklicher Meister, geschult an vielen Film- und Theaterprojekten. Er weiß, wie er einen wirkungsvollen Dialog und auch Monolog gestalten muss. Doch der Meister gibt es viele, hervorgegangen aus den Kreativschmieden des Subkulturbetriebs. Bei LaBute sind es vielmehr die Themen und Inhalte, die ihn als guten Autor qualifizieren. Er hat nie versucht, sich beim Kunstestablishment anzubiedern. Viele seiner Inszenierungen wurden nach kürzester Zeit wieder abgesetzt, - wegen seiner Inhalte.
 
 

 
 

Judith Toth

© Hilda Lobinger

 

 

Der Autor nennt seine Dramen "Stücke der letzten Tage", was impliziert, dass er die Hochzivilisation in einem apokalyptischen Zustand sieht. Seine Beweisführung zu dieser These ist bestechend. Insbesondere im ersten der drei Dramen wird deutlich, dass die "beste aller Welten" einen eklatanten Werteverlust erlittenen hat. Eine Kindstötung hilft (möglicherweise), den Arbeitsplatz und die errungenen Güter zu erhalten. "Ich komme damit schon klar", meint der Kindsmörder und er behält Recht, denn diese Tat bleibt ungesühnt. Martin Dudeck saß während des gesamten Stückes fast reglos auf einem Stuhl und erzählte seine Geschichte, als berichtete er von einem misslungenen Urlaub. Es ist Theater der anderen Art. Es fand kaum körperliche Expression statt. Der Tonfall war der eines Gespräches in einer belebten Bar nach einigen Drinks. Der Redner war mehr oder weniger bemüht, dass niemand außer dem gegenüber, hier das Publikum, daran teilhaben sollte. Er erleichterte sich, doch war es kaum mehr als der Gang auf die Toilette. Am Ende, er ist ein Geschäftsmann auf Reisen, verschwand er wieder in die Anonymität der Massengesellschaft. "Ich komme damit schon klar …" Und warum auch nicht, hat er doch in der Nacht nach der Tat seinen Sohn gezeugt, einen fabelhaften Jungen.

In der zweiten Geschichte gestaltete Philipp Moschitz einen dynamischen und eloquenten jungen Mann mit Collegeabschluss, der seine Freundin, die er zu ehelichen gedachte, auf eine Party nach New York ausführte. Während Sie, sehr schön anzuschauen Lea Kohns, über die Abendkleider und den Taumel des Besonderen resümierte, erzählte Er vom gemeinschaftlichen Mord an einem Schwulen. LaBute entlarvt hier die bigotte Denkungsart moderner Religiosität. Der junge Mann kennt die Schriften der christlichen Religion und weiß daher, dass Homosexualität etwas "Abartiges", besser, Verbotenes ist. Der Plot der Geschichte wird allerdings in den Nebensätzen deutlich: Mord schafft Gemeinschaft. Nach der begangenen Tat wird er vom Freund zum Abschied umarmt. Das hatte der bisher noch nie getan …

Judith Toth brillierte im letzten Akt der Untergangstrilogie als eine verratene und gedemütigte Frau, deren Glaube an Liebe und Versprechung derart erschüttert war, dass Sie den eigenen Sohn tötete. Diese moderne Medeaversion verfehlt ihre Wirkung nicht. Mit höchster Intensität zeigte die Darstellerin eine Entwicklung zur Kindsmörderin auf, der schwer zu widersprechen ist. Judith Toth schuf Gänsehaut, ein Schaudern des Entsetzens vor der Unentrinnbarkeit aus der Biografie dieses betrogenen Mädchens.

Für alle drei Einakter zeichneten drei Regisseure verantwortlich: Mario Andersen, Ulrike Arnold und Thomas Flach. Letzterer gestaltete zudem das Bühnenbild, bestehend aus zwei großen Wänden, die die Spielfläche auf ein Dreieck reduzierten. Dem Zuschauer wurde die Tatsache, dass hier drei Spielleiter agiert hatten, kaum bewusst, denn konzeptionell liefen alle Stücke absolut gleich ab. Ein oder zwei Menschen saßen auf einem bzw. zwei Stühlen und erzählten. Es wurde nicht gespielt, wie man es im herkömmlichen Sinne kennt; es wurde nur gesprochen. Dennoch war es ein überaus spannender Abend, denn hier zeigte sich einmal mehr, was gute Schauspieler, und dieses Lob gebührt allen Beteiligten gleichermaßen, ohne großes körperliches Zutun suggerieren können.

"Drei Geschichten über den alltäglichen Wahnsinn?" Nein. LaBute zeigt mit seinem Text das menschenverachtende Element der bürgerlichen Gesellschaft auf, ein Element, das immanent ist und nicht eine krankhafte Entartung. Die Regisseure und ihre Darsteller liehen dieser entlarvenden Beweisführung ihre eindrucksvollen Stimmen.

 
Wolf Banitzki

 

 


Bash

von Neil LaBute

Martin Dudeck, Philipp Moschitz, Lea Kohns, Judith Toth

Regie: Mario Andersen, Ulrike Arnold, Thomas Flach
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