Metropol Theater Das Opfer nach einem Film von Andrej Tarkowskij


 

 

Als wäre es nur ein schlechter Traum

Der russische Filmemacher Andrej Tarkowskij vermochte, so deutlich wie kaum ein anderer, herauszustellen wie weitgehend der Mensch Schöpfer seiner eigenen Welt ist. Im Angesicht seines bevorstehenden Todes, er litt an Krebs, setzte er sich in seinem letzten Film mit dem Motiv "dem Leben entsagen", dem Tod auseinander. Dazu schuf er, in der Tradition der russischen Literaten, einen von der Außenwelt weitgehend isolierten Familienkosmos

Der Schauspieler Alexander feiert seinen 60. Geburtstag. Die Familie und Gäste sind gekommen, um zu gratulieren, miteinander zu feiern. Er resümiert über das Leben, und doch spricht er eigentlich nur für sich selbst. Die anderen gehen, kommen zurück, je nach eigenen Intentionen. Julia, die Tochter, das Kindermädchen, Adelaide, seine im Spiel ihrer Psyche verfangene Frau, und Viktor, der junge Arzt, der sein Glück in Geld und Macht sucht und die Leitung einer Klinik in Australien übernehmen wird. Nur Otto, der Postbeamte und Überbringer eines Glückwunschtelegramms bleibt und hört zu. Otto hat sich, wie Alexander, aus der Gesellschaft zurückgezogen und sammelt nun Geschichten, weitgreifende Geschichten, die auch Zeit und Raum überwinden. Im Angesicht einer atomaren Katastrophe bietet Alexander Gott an, alles zu opfern was ihm bislang lieb war. Gott nimmt das Ritual an. Am Ende sonnte man sich auf der Terrasse, bis auf Alexander, der entsagt hatte.
 
   
 

Dascha Poisel, Wolfgang Rommerskirchen, Wolfgang M. Jörg, Ina Mehling, Felix Kuhn, Katharina Haindl, Lilly Forgách

© Hilda Lobinger

 

 

Tarkowskijs Geschichte und vor allem seine Darstellung lassen eine solche Vielzahl von Interpretationen zu, dass noch Generationen von Philosophen und Psychologen sich daran versuchen werden. Die Inszenierung stützt sich auf die Ausführungen von Marius Schmatlock in "Andrej Tarkowskijs Filme in philosophischer Betrachtung", in der die Wirklichkeit eine selbstgenerierte illusionären Traumwelt und folglich die menschliche Existenz einem beunruhigenden Traum gleichgesetzt wird. Regisseurin Lea-Marie Hauptvogel befördert diese Aussage durch eine schemenhafte Inszenierung, die nicht Position bezog, sondern fiktive Realität und Traum gleichermaßen bediente und dies am Ende klar auf die Leinwand projizierte. Als letzter Eindruck blieb der Blick auf ein bis auf wenige Pixel vergrößertes Bild der Natur - ein Detail. Die in ihren Ritualen verhafteten Figuren traten deutlich dahinter zurück.

Im Ritual jedoch, dem schematisierten feierlichen Vorgehen, fanden sich die Figuren, entwickelten sie ihre gleichbleibenden Berührungspunkte - Alexander, im Vortrag und der Reflexion, Maria im Falten der Wäsche, Viktor beim Ansetzen der Injektion. Otto knüpft Verbindungsfäden und so "erlöst" eine Handlung Alexander aus seinem bisherigen Kreislauf. Die Begegnung mit der uneitlen Maria erlaubt ihm den endgültigen Rückzug auf sich selbst, was rein realistisch betrachtet nicht verwundert, da jedes Gegenüber den anderen beeinflusst, prägt. Nur Gott wirft keinen Schatten, deshalb eignet er sich ja auch so hervorragend zur Projektion, besonders der von Angst. Den Hintergrund der Bühne ( Judith Hepting/Lea-Marie Hauptvogel) bildete eine große Wand, Projektionsfläche, die den Blick auf unberührte weite Natur frei gab, die sinnbildlich für Gott in der Welt steht. Die jedoch im entscheidenden Augenblick völlig leer, weiß, formlos wurde, das Synonym für unschuldig einfach, das unbeschriebene Blatt eben. Die Darsteller blieben in ihrem Spiel auch weitgehend sich selbst überlassen, was es schwer macht einzelne hervorzuheben, sie bildeten jedoch ein homogenes Ensemble.

Es war eine unscharfe Inszenierung in der die Figuren wie laue Wortmarionetten anmuteten. Doch sie spiegelten die Menschen der modernen ritualisierten Gesellschaft deutlich wieder, da ihnen Kern und das wirklich Verbindende fehlte. Es ist die einigende Kraft, sich als gemeinsame Schöpfer ihrer Welt und der selbstgemachten Katastrophen zu begreifen. Diese Kraft wird schon aus reiner Gewohnheit Gott zugeschrieben und damit delegiert. Beten und opfern hilft immer ... "Man könnte auch jeden Morgen pünktlich um 7 Uhr aufstehen, ins Bad gehen, ein Glas mit Wasser füllen und dieses dann in die Toilette gießen."

 
C.M.Meier

 

 

 


Das Opfer

nach einem Film von Andrej Tarkowskij

Wolfgang Rommerskirchen, Wolfgang M. Jörg, Ina Mehling, Felix Kuhn, Katharina Haindl, Lilly Forgách, Dascha Poisel

Regie: Lea-Marie Hauptvogel
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