Volkstheater Woyzeck von Georg Büchner



 

Woyzeck auf der Couch


"Die Leute können auch keinen Hundestall zeichnen. Da wollte man idealistische Gestalten, aber alles, was ich davon gesehen, sind Holzpuppen. Dieser Idealismus ist die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur." Diese Worte legte Georg Büchner seinem Helden Lenz in der gleichnamigen Schrift in den Mund. Ausdrücken wollte er damit seine eigene tiefe Verachtung für den Idealismus der Weimaraner, denen das Menschliche fremd geworden war. In Shakespeares Werken und den Liedern des Volkes fand er dieses Menschliche und scheute sich nicht, letztere direkt und ungefiltert in seine Dichtung einfließen zu lassen.

Wenn Büchner meinte, dem Idealismus abgeschworen zu haben, so irrte er zumindest in Bezug auf sein Drama "Woyzeck" gewaltig. Allein die Inszenierungstradition und die Vielzahl der Adaptionen strafen diesen Gedanken ab. Neben seinem Pessimismus, der sehr wohl humane Züge trug - er wird gleich Albert Camus als "heroischer Nihilist" bezeichnet - war er vor allem eins: ein Revolutionär in Fragen Theaterästhetik. Alfred Polgar nannte ihn einen Vorboten des "Abakadabra der modernen Theatermagie".

Aber zurück zum Idealismus Büchners, der dem seiner träumenden Vorgänger nicht nachstand, außer, dass er die völlige Verkehrung desselben war. Büchner stellte die Menschlichkeit der "aufgeklärten Humanisten" vom Kopf auf die Füße. Wenn er fragt, was der Mensch ist, dann fragt er nicht als Theoretiker. Er hinterfragt ketzerisch: Wo erfährt man, was Menschlichkeit wirklich bedeutet? In den Salons der Philosophen? In den Boudoirs des Adels? In den Haushalten der hohen Staatsbeamten oder den Kontoren der Pfeffersäcke? Nein, ein unverstellter Blick auf das, was die menschliche Natur ist, bietet sich nur in der Gosse, wo der Besitzlose massenhaft vegetiert, der seine Haut täglich zu Markte tragen muss, um zu überleben. Woyzeck ist die Quintessenz aus allem menschlichen Leid und also Prototyp des idealen, weil nicht idealisierten Menschen.

 

Leopold Hornung, Nicholas Reinke, Benjamin Mährlein, Sophie Wendt, Marcus Brandl

© Arno Declair


Das Stück, ein 1836 verfasstes Fragment, ruhte lange, bis es am 8. November 1913 auf die Bühne des Münchener Residenztheaters gelangte. Woyzeck ist Soldat. Er ist auf der untersten Stufe des menschlichen Daseins gebannt. Mit Marie hat er ein uneheliches Kind. Für beide sorgt er so gut er kann, gibt sich für medizinische Versuche hin, rasiert gegen Entgelt seinen Hauptmann. Aber Woyzeck ist nicht die Maschine, die er sein sollte. Er hat Wahrnehmungen und die Realitäten wecken Ahnungen in ihm. Woyzeck verfügt über ein Weltbild, das realistischer ist als die seiner Vorgesetzten und die der weltlichen Propaganda.
Marie, eine schlichte Person voller unschuldiger Sinnlichkeit, hat sie sich doch gegen alle Konventionen auch Woyzeck hingegeben, erliegt widerstrebend den Werbungen des Tambourmajors. Woyzeck verliert den letzten menschlichen Topos, auf dem er existieren kann und tötet Marie. Das Bild von der gequälten Kreatur Mensch nimmt überdeutlich Gestalt an und wirft einen langen Schatten durch die gesamte Menschheitsgeschichte. Dies ist nur möglich, weil der Genius Büchners einen Menschen schuf, der alle menschlichen Eigenschaften auf sich vereinigte und einen Archetypus darstellt.

Woyzeck als der Archetypus der gequälten und erniedrigten Kreatur zieht sich folgerichtig auch durch die Inszenierungstradition und die meisten Versuche, diesem Ansatz nicht zu folgen, scheiterten. So auch die Inszenierung Christian Stückls, der den Focus auf die Frage richtete, wie wird ein Mensch zum Mörder. Dazu bedurfte es einer psychologischen Sicht auf die Vorgänge und genau die leistet der Text am allerwenigsten. Folglich musste der Regisseur den Text und die Vorgänge bebildern, um innere Vorgänge sichtbar zu machen. Der wichtigste Effekt, der dabei herauskam war, dass der 20-seitige Text (dtv Gesamtausgabe) auf zwei und eine halbe Stunde (eine Pause) aufgeblasen wurde und einige erhebliche Längen aufwies. "Woyzeck" ist ein Stück voller psychologischer Momente, aber es ist kein psychologisches Stück. Woyzeck eignet sich nicht für die Couch!

In einem gelungenen Bühnenbild von Marlene Poley zelebriert Stückl weitestgehend ein im soldatischen Milieu angesiedeltes Spiel. Die graue Spielfläche war mittels Drehbühne in Kaserne, Exerzierplatz, Ordinationszimmer, Offiziersbüro, Soldatencasino oder Stube Maries verwandelbar. Einzig die wunderbare Natur hinter den Fenstern des Schafsaals erstaunte und verwirrte allein schon durch ihre deutliche Anwesenheit in diesem unmenschlichen Klima. Dieser Verfremdungseffekt erzielte doch immerhin mehr Wirkung als manches schwergewichtige Wort.

Woyzeck wurde verkörpert von Timur Isik, der gerade frisch an das Volkstheater gekommen war. Sollte er hauptsächlich für diese Rolle verpflichtet worden sein, so war die Wahl nicht die beste. Seine physische Präsenz wirkte nicht selten linkisch und unkontrolliert. Christian Stückls Bemühungen, die Figur des Woyzeck psychologisch deutlicher zu determinieren, machte sie eher diffuser, denn die Sprache Büchners litt hörbar unter der psychologischen Zeitlupe. Was im Text an antike Sprachgestaltung erinnert und auf Katharsis zielt, erhielt gestisch überflüssige Anleitungen zum "tieferen Verständnis".

Die Katharsis blieb aus und der fade Nachgeschmack einer nicht gelungenen Revue blieb zurück. Das kann getrost wörtlich genommen werden, denn die musikalischen Einlagen waren recht dünn und zudem inhaltlich wenig überzeugend. Büchner reicherte seinen Text mit Volksliedern an. Diese haben jedoch allemal mehr Qualität als die gebotenen Popmusikeinlagen. Hier wurde poetischer Inhalt gegen modische Form vertauscht.

Die Darsteller schlugen sich tapfer. Stephanie Schadeweg fiel es nicht schwer, eine sinnliche, aber auch von Selbstzweifeln geplagte Marie zu geben. Nicholas Reinkes Tambourmajor war in seiner physischen Präsenz jedoch nicht der "Brocken Mann", von dem Marie meint: "So ist keiner! - Ich bin stolz vor allen Weibern!"
Am überzeugendsten waren wohl Ursula Burkhart als Ärztin und Alexander Duda als Hauptmann. Bei beiden Rollen unterließ es der Regisseur, ihnen Subtexte unterzujubeln. Beide spielten ihre Rollen pur. Und warum auch nicht, waren beider Rollen doch illuster und desavouierend genug. Markus Brandl wurde seiner Rolle als Andres, Woyzecks einziger Freund, ebenfalls gerecht. Die Hervorgehobenen hatte das Glück, in ihrem Spiel nicht psychologisieren zu müssen, wodurch sie die von Büchner vorgegebenen Konturen nicht verloren.

Es ist immer ein lobenswerter Ansatz, nach neuen Lesarten zu suchen. Allein, es gibt kaum ein größeres Risiko, als dies gerade mit "Woyzeck" tun zu wollen. Die ästhetische Ausprägung des Textes lässt da wenig Spielraum. Der Versuch Christian Stückls ist nur ein weiterer Beweis dafür. Am "Woyzeck" zu scheitern, ist dennoch kein Verdienst.

Wolf Banitzki

 

 

 


Woyzeck

von Georg Büchner

Timur Isik, Stephanie Schadeweg, Alexander Duda, Ursula Burkhart, Nicholas Reinke, Leopold Hornung, Marcus Brandl, Sophie Wendt, Tobias van Dieken, Gabriel Raab, Benjamin Mährlein, Quirin Raab, Felix Justice, Markus Dreier, Horst Alexander Eckl, Torsten Glass, Patrick Hack, Jonathan Sonnenschein, Felix Zeltner

Regie: Christian Stückl
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