Volkstheater Hamlet von William Shakespeare


 


Hamlet robust

Die Ankündigung des „Hamlet“ elektrisiert die Theatergänger einer Stadt und die Erwartungen sind groß, zu groß, angesichts der Bedeutung dieses Stückes dramatischer Literatur, das seit vierhundert Jahren nicht nur mit dem künstlerischen Denken und Empfinden verschwägert ist. Das Stück ist in seiner Bedeutung längst über den Rang eines Kunstwerkes hinausgelangt. Und von Mal zu Mal wird die Bedeutung gesteigert, wird versucht, das Letzte, das es bei diesem Stück nie geben wird, herauszulocken. Dessen sollte sich jeder Regisseur, der den Versuch wagt, bewusst sein. „Hamlet“ ist kein Stück, mit dem man sich profilieren kann. Mit „Hamlet“ kann man nur bestehen oder durchfallen, denn der Shakespearesche Text wird immer größer sein als jeder Versuch, inszenatorisch über ihn hinaus zu gelangen.

So war es zu allen Zeiten immer ein probates, weil sicheres Mittel, den Text spielen zu lassen und nicht den Text zu spielen. Und genau das machte Regisseur Christian Stückl am Volkstheater nicht. Er reduzierte die Personage der tragenden Rollen um die Hälfte, ließ „Herren und Frauen vom Hofe, Offiziere, Soldaten, Schauspieler, Matrosen, Boten und anderes Gefolge“ gänzlich außen vor. Zugegeben, der Text reichte, würde man ihn sich selbst spielen lassen, problemlos für fünf Stunden. Was allerdings nicht bedeutet, dass das Spiel darum langatmig werden würde. Dazu ist das Drama zu komplex, zu vielschichtig und zu schön. Sei es drum, vermutlich hätte die Hingabebereitschaft der heutigen Zuschauer dafür nicht gereicht. In einer Welt der schnellen Bilder, der flinken Informationen, der sprechblasenhaften Kunstgenüsse scheint eine derartige Verkürzung angebracht, wenn denn das Stück erhalten bleibt.

War das auch wirklich zutreffend? Bereits beim Lesen des Programmheftes kommen Zweifel auf. Darin findet sich einzig ein Essay von H.D.F. Kitto, der überschrieben ist mit: „Das Problem des Hamlet“. Dieser Essay beschäftigt sich mit historischen Interpretationsansätzen, ausgedünstet in staubigen Studierzimmern, und setzt einen vermeintlich neuen dagegen. Es wird die Frage aufgeworfen, in wie weit Hamlet für seine Taten, es sterben immerhin acht Menschen, verantwortlich gemacht werden kann und muss. Diese typisch bürgerliche Sicht auf das „Problem“, wie es genannt wird, kann der Dimension des Stückes nicht gerecht werden. Es ist kein Stück über die Psyche eines Einzelnen und die daraus folgernden Katastrophen, sondern es ist einheitlich ein psychologisches und ein politisches Stück, zu allen Zeiten zeitgemäß. Schon die Bezeichnung des Plots als „Problem“ verrät einen Tunnelblick. Richtig wäre es, von der „Strategie des Hamlets“ zu sprechen. Das würde in jedem Fall den Raum für Interpretation entgrenzen.

Natürlich ist Hamlet in seiner Persönlichkeitsstruktur ebenso komplex und differenziert, wie die um ihn herum existierenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Um korrekt zu sein, sind Letztere es natürlich nicht ganz so, denn Politik ist nicht selten banal, durchschaubar und stupid. Aber genau diese Hamletsche Psyche macht das Drama so spannend und so potent. Wer in die Literaturgeschichte schaut, wird feststellen, dass das Prinzip des vermeintlichen Verrücktseins, verrückt aus der Realität und ihren Gesetzen, von mehr als einem Dichter benutzt wurde, um dem tatsächlichen Wahnsinn von Macht und Politik entgegen treten zu können. Wie anders, als eine Strategie des Aufbegehrens kann der Wahnsinn eines Don Quijote bezeichnet werden. Zugegeben, dessen Psyche trug pathologischen Züge, nicht aber die des Autors Miguel de Cervantes Saavedra. Oder betrachte man einmal den „Ulenspiegel“ von Charles de Coster, der übrigens in München das Licht der Welt erblickte. Die Macht dieses Tricks rettete vielleicht sogar Hölderlin das Leben, der, nachdem ihm Wahnsinn attestiert wurde und er dadurch einer Strafverfolgung entging, seiner Mutter mitteilte, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen. Nachgewiesener Maßen hatte Hölderlin gerade den „Hamlet“ gelesen. Was sollen also diesen Fragen nach der Verantwortung Hamlets für sein Tun? Sie berühren den Kern der Geschichte nur peripher. Im Übrigen, er bezahlt am Ende ohnehin mit dem Tod.

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Axel Röhrle, Justin Mühlenhardt, Jean-Luc Bubert, Ursula Burkhart, Eckhard Preuß, Barbara Romaner

Michael Tregor, Friedrich Mücke

© Arno Declair

Friedrich Mücke, Robin Sondermann


Die Geschichte beginnt mit der Heimkehr Hamlets aus dem „protestantischen“ Wittenberg ins dänische Helsingör. Sein Vater ist vom Bruder Claudius ermordet worden. Claudius hat sich damit in den Besitz des Thrones und der Königin gebracht, die mit ihm das Lager teilt. Der ruhelose Geist des Vater erscheint und beauftragt Hamlet mit der Aufklärung der Tat und mit der Rache. Hamlets Strategie besteht nun darin, die Dinge durch eine ausgefeilte Polemik in einem anderen Licht erscheinen zu lassen, wodurch er den Wahrheiten immer beängstigend nahe kommt, seine Gegner damit aufschreckt und sie zum Handeln zwingt. Hamlet tötet mit eigener Hand nur eine Person, den Oberkämmerer Polonius. Er hatte allerdings gehofft, den verhassten König Claudius zu treffen. Ophelia, Tochter von Polonius, wird von Hamlet, der sie aus dem Ränkespiel heraushalten will, in den Freitod getrieben. Das ruft den Bruder Laertes auf den Plan, der sich in seinem Rachedurst in die letzte Intrige von Claudius verstricken lässt, Hamlet tötet und selbst, wie auch die Königin Gertrud, dabei den Tod findet. Hamlet, schon sterbend, reißt Claudius mit sich. Doch nicht um den Tod dieser Menschen geht es im Stück, sondern um die Wahrheitsfindung und um den tragischen Weg bis zum Endpunkt.

Alu Walters Bühnenbild war nicht nur praktisch, es war ín seiner Schlichtheit gleichsam atmosphärisch und rhythmisch. Der Bühnenraum war begrenzt durch anthrazitfarbene Wände, die den Raum dennoch nicht bedrängten, nur begrenzten. Alles war sehr korrekt angelegt und es dominierte der rechte Winkel. Im Vordergrund zwei quadratische Wasserbecken, die rege bespielt, begangen und besprungen wurden, dazwischen Rasen, Flecken mit Muttererde und nach hinten aufsteigend hölzerne Terrassen. Das Arrangement war heutig, modern und in der Unverbindlichkeit ebenso zeitlos.

Regieberserker Christian Stückl, dessen Sache nicht unbedingt das psychologische Theater ist, präsentierte mit seinem Hamlet, robust und willensstark von Friedrich Mücke gespielt, keinen grüblerischen Prinzen von intellektueller Eindringlichkeit, der die Dinge mit dem ketzerischen Wort vorantrieb, dem eigentlichen Transportmittel, sondern durch provokante und aggressive Haltungen. Immer wieder parlierte Jean-Luc Bubert voller Verdruss als König Claudius, in Haltung und Gestus plausibel, über die Bühne und bemerkte: „Ich kann ihn nicht leiden.“ Das war begreiflich, denn Mückes Hamlet  touchierte ihn, wo er nur konnte. Robin Sondermann, der den einzigen verlässlichen Freund Hamlets spielte, den Horatio, gab sich dezent, bisweilen sogar zärtlich. Als Hamlet ihm sterbend den Auftrag erteilte, die Geschichte von Mord, Verrat und Intrige in die Welt hinauszutragen, kamen Zweifel auf, ob er die Kraft dafür hätte. Barbara Romaner entsprach als Ophelia am ehesten der Vorstellung, die der Shakespearesche Text suggeriert. Jugendlich und hoffend eingangs, ging sie nachwandlerisch und ohne den Wahnsinn über Gebühr ausstellend in den Tod. Michael Tregor formte den Geist des getöteten Vaters zu einem wahrhaftigen Geist, bleich, gebrechlich und stimmlich wie aus dem Jenseits. Güldenstern und Rosenkranz (Axel Röhrle und Justin Mühlenhardt), geschmeidige Altersgenossen von Hamlet und opportunistische Genussmenschen, blieben in ihren Rollen ein wenig halbstark. Sie übernahmen allerdings auch den Part der Schauspieler im Stück „Mausefalle“, durch das König Claudius als Mörder überführt wurde. Darin boten Beide ein gelungenes Kabinettstück besten Volkstheaters, wie es Shakespeare wohl begrüßt hätte. Volkstheatralisch gab sich auch Eckhard Preuß als Polonius, bei Shakespeare ein wohltemperierter, pragmatisch handelnder Staatsmann und respektabler Herr. Preuß verwandelte diese Rolle in einen tuntenhaften Clown, der viel Applaus erntete. Zu Shakespeares Zeiten hatte man dafür die Rolle des „Pickelhering“.

Christian Stückl war bemüht, einen „Hamlet“ für Jedermann auf die Bühne zu bringen. Dabei blieb viel, vielleicht zu viel auf der Strecke, auch wenn seine Inszenierung flüssig, ansehnlich und gelegentlich auch lustig war. Allerdings ging letzteres Attribut auf Kosten der Feinsinnigkeit und Tiefe des Hamletkonfliktes und der Shakespearesprache, die immerhin hier und da aufblitzte. Das Publikum nahm es dankend an. Doch es ist Vorsicht geboten, wenn es darum geht, dem Publikum, das nie unterschätzt werden darf, zu weit entgegen zu kommen. Denn sonst endet es, wo es schon zu Shakespeares Zeiten nicht selten endete, als das Stück mit folgenden Worten auf einem Aushang angekündigt wurde: „Die erste Szene der Tragödie ist der bestrafte Brudermord. Hamlet hat den hinter der Tapete lauschenden Polonius im Zimmer der Königin niedergestochen. Der Geist schreitet über die Szene. Hamlet ist davon geloffen.“


Wolf Banitzki

 

 


Hamlet

von William Shakespeare

Jean-Luc Bubert, Ursula Maria Burkhart, Pascal Fligg, Friedrich Mücke, Justin Mühlenhardt, Barbara Romaner, Axel Röhrle, Robin Sondermann, Michael Tregor

Regie: Christian Stückl
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