Oblomow Stadttheater Ganze Tage, ganze Nächte von Xavier Durringer


 

 

 
Zurück ins …

Schlafmützen oder Unausgeschlüpfte sind es die „Ganze Tage und Ganze Nächte“ damit verbringen, ihren Gedanken zu folgen, sich selbst zu suchen und Verbindung mit dem anderen Geschlecht zu versuchen. Völlig auf sich und auf simple Rituale zurückgeworfen, proben sie das, was man heute das Leben nennt. Regisseurin Ulrike Arnold steckte die jungen Schauspieler in Schlafsäcke, ließ sie wie Würmer über die Bühne kriechen, wie Schmetterlinge in Kokons schlüpfen und abhängen, und wie Küken aus dem angebrochenen Ei herauslugen. Hilflos und verloren treiben sie durch die Zeit, durch ein Werk ohne Handlung, auf der Suche nach der Antwort: Liebe, Leben … was und wie beginnen … Die persönliche Befindlichkeit ist Dreh- und Angelpunkt ihres Daseins, Gesprächsthema und Gedankensalat. Schon bei einer einfachen Annäherung an ein Gegenüber scheitern sie, und letztlich ebenso in der Gemeinsamkeit auf Zeit. Sie wissen genau, was ihre Klamotten gekostet haben, doch darüber hinaus haben sie keine Inhalte. Sie laufen dem als Lösung angepriesenen Geld hinterher, um damit enttäuscht und einsam am Bordstein zu sitzen. „Es ist alles egal …“ und eine endlos anmutende Aufzählung der Menschheitsprobleme von Klimawandel bis Simbabwe folgt. Die Ohnmacht scheint grenzenlos und spricht für sich.

Xavier Durringer, bekannter französischer Theaterautor, befasst sich vornehmlich mit aktuellen gesellschaftlichen, politischen und menschlichen Problemen unserer Zeit. Er entwirft in der ihm eignen Art kompakte Szenarien aus der Welt der französischen und wohl mittlerweile global vernetzten Welt der Vorstädte. Er bedient sich ihrer Sprache, die er in einem Maß komprimiert, dass Lachen oder Traurigkeit im Zuschauer entstehen kann.

Regisseurin Ulrike Arnold ließ die Darsteller in die Rollen schlüpfen, denen Charaktereigenschaften, die Verbindung von Gefühl und Verstand, weitgehend fehlen und die als Hauptmerkmale das Schweben in gefühlsmäßiger Befindlichkeit auszeichnet. Als fänden Denken und Fühlen in getrennten Räumen statt. So kam Liebe, Sehnsucht, Angst und Aggression auf die Bühne. Dennoch erspielten die jungen Schauspieler deutlich erkennbare Figuren. Einerseits unterschieden sie sich wesentlich von einander, andererseits hingen sie alle in einem vereinenden Dilemma. Die Absolventen der August-Everding-Theaterakademie zeichneten sich allesamt durch starke Bühnenpräsenz und intensives, die Realität gekonnt überzeichnendes Spiel aus. Peri Baumeister, Rudi Hindenburg, Josephine Köhler, Philipp Lind, Matthias Renger, Sophie Rogall sinnierten, jammerten, stritten, schrieen und resignierten, waren hilflos, komisch, verletzt, ausgeliefert und sie brillierten alle gleichermaßen.

Der Zuschauer hatte ein lachendes und ein weinendes Auge, erlebte er doch, wunderbar überspitzt, die Möglichkeiten der jungen kraftlosen Generationen in einer scheinbar perfekt eingerichteten Welt. 
 
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Rudi Hindenburg, Josephine Köhler, Philipp Lind, Peri Baumeister

© Hilda Lobinger

 
Es ist die kulturelle Entwicklung, die den Menschen ausmacht und eine Kultur fordert Bekenntnis, Zugehörigkeitsgefühl und gelebten Gemeinschaftssinn. Die Gesellschaft vergibt, wie der Dramatiker auf der Bühne, Rollen, die angenommen und erfüllt werden wollen. Hierin liegt der Anfang von menschlicher Charakterbildung begründet. „Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes erkennen; denn er mißt nach eigenem Maß sich bald zu klein und leider oft zu groß. Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur das Leben lehret jedem, was er sei.“, so Goethe über den Wert der Begegnung.
Kulturelle Verarmung durch mangelnde Inhalte, mangelnden Raum zur eigenen Erfahrung und doktrinäre Beeinflussung durch die Medien werfen die Menschen zwangsläufig auf sich selbst und in sich selbst zurück. Die Sprache, früher besonders in der Umgangssprache eine stark bildhafte, mit zahllosen Metaphern angereicherte, ist einer abstrakten, in Begriffen lautenden gewichen. Die in der Seele beheimatete Fantasie wurde dadurch ausgehungert, musste sogenannten psychologischen Plausibilitäten weichen. Hier sterben die Illusionen, die Visionen gebären, die die Menschen über die Schwächen, die eigenen und die der anderen, hinwegtragen und ein lebbares Miteinander erst möglich machen. Die Menge des angehäuften Wissens ist nicht mehr verarbeitbar und damit nutzbringend umzusetzen für den Einzelnen. Dieser kann bestenfalls den Benutzer der Errungenschaften von der Glühbirne bis zum Auto geben. Arme neue Welt.

Ulrike Arnold gelang mit der feinfühligen Inszenierung von Xavier Durringers Werk eine kaum zu übertreffende Veranschaulichung. Hingehen! Ansehen!


C.M.Meier
 
 

 


Ganze Tage, ganze Nächte

von Xavier Durringer

Deutsch von Alain Jadot und Andreas Jandl

Peri Baumeister, Rudi Hindenburg, Josephine Köhler, Philipp Lind, Matthias Renger, Sophie Rogall

Regie: Ulrike Arnold
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