Teamtheater Tankstelle / Theater Viel Lärm um Nichts  Kleiner Mann - was nun? nach Hans Fallada


 

Rhetorik der Ohnmacht

„Kleiner Mann – was nun?“, der als Frage von Fallada formulierte Buchtitel erschien im Mai 1932 vor einem ganz besonderen politischen Hintergrund. Die Weltwirtschaftskrise dauerte seit drei Jahren an und erreichte zu diesem Zeitpunkt einen neuen Höhepunkt. Der Reichstag war aufgelöst, die zeitweilig verbotenen SA und SS wurden wieder zugelassen. Reichskanzler Brüning wurde durch Franz von Papen, einem Steigbügelhalter Hitlers, ersetzt und nach der Wahl am 31. Juli zogen 230 Nazi-Abgeordnete in den deutschen Reichstag ein. Das war auf den Tag genau ein halbes Jahr vor der Machtergreifung Hitlers. Der „kleine Mann“, fünf Millionen von ihnen waren arbeitslos, hatte die Orientierung verloren, bangte um die Zukunft und folgte der nationalen und sozialen Demagogie der Nazis. Der vierte Roman von Hans Fallada machte ihn berühmt, denn er traf wie kein anderes Werk den Nerv der Zeit. Der „kleine Mann“ stürzte sich geradezu auf das Werk, hoffend, Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen zu erhalten.

Falladas Roman trägt durchaus autobiografische Züge, doch im Gegensatz zu seinem Helden Pinneberg und dessen Frau Emma, genannt Lämmchen, endete er nicht in der Mittellosigkeit ohne Ausblick auf Besserung, sondern in der (zumindest temporären) Wohlhabenheit, Dank des Romans, der ein Welterfolg wurde. Fallada konnte keine Antworten liefern, doch er war ehrlich und aufrichtig genug, die Probleme kritisch zu analysieren und zu benennen. In einem, für die Literaturwissenschaften aufschlussreichen und wichtigen „Vortragsmanuskript“ gestand Fallada ein, dass aus einem geplanten „leichten, beschwingten“ Roman über eine „kleine, einfache, helle Ehe zu zweien, dann zu dreien“ (Geburt des Kindes, genannt Murkel – Anm. W.B.) ein Buch über einen Mann mit einer Familie und der damit verbundenen Verantwortung wurde, der unaufhaltsam immer tiefer in die Krise schlitterte.

Das vermeintlich „kleine Glück, das kleine Leute herbeisehnen“, blieb aus. In der Welt regierten Herzlosigkeit, soziale Kälte und kriminelle Energien. Nimmt man einmal die emotionalen Bestandteile des bewegenden Buches, in denen Millionen ihr Schicksal gespiegelt sahen, soweit zurück, dass die sozialen, politischen und ökonomischen Mechanismen sichtbar werden, kommt man nicht umhin, deutliche Parallelen zur heutigen Realität zu bemerken. Obgleich es Deutschland noch nie so gut ging, ist eine tiefe Verunsicherung zu spüren. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst rasant. Zukunftsängste werden hemmungslos geschürt und Lügen sind dabei probate Instrumente. Das alles führt, gepaart mit politischer und moralischer Orientierungslosigkeit dazu, dass die Demagogen mit denselben Argumenten wie damals auf Bauernfang gehen und, man mag es kaum glauben, Erfolg haben.

  Kleiner Mann was nun  
 

Regina Soeiseder und Clemens Nicol

© Andreas Wiedermann

 

Andreas Wiedermann bewies mit seiner Wahl, diesen Text auf die Bühne zu bringen, wieder einmal großes Gespür für die gesellschaftliche Realität. Doch nicht nur die Wahl des Stoffes gereichte ihm zur Ehre, sondern auch die Umsetzung, die keinen Zweifel daran ließ, dass es sich um ein brandaktuelles Thema handelt, ohne der literarischen Vorlage dabei Gewalt anzutun. Mit nur vier Darstellern schuf er einen gesellschaftlichen Kosmos, der viel erklärte, emotional berührte und künstlerisch sehr unterhaltsam war. Regina Speiseder gab eine betörend sanfte und zerbrechliche Emma, genannt Lämmchen, die am Ende alle drei Leben der kleinen Familie in ihre Hände nahm und tapfer trug. William Newtons Pinneberg war ein Getriebener, ein von Ängsten und Sehnsüchten Gebeutelter, dem, bevor seine sanftmütige Ehefrau ihn auf- und umfing, unaufhaltsam jeglicher Würde beraubt wurde. Als er erkennen musste, dass Armut ein „Straftatbestand“ war, man ihn von den Schaufenstern dieser Welt mit Prügel vertrieb und ihm unmissverständlich bedeutete, dass er sich besser unsichtbar machen sollte, fiel er in eine paralytische Agonie. Die Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt, war für Hans Pinneberg, liebevoll Junge von seiner Frau genannt, gestorben.

Christina Matschoss und Clemens Nicol oblag es, sämtliche andere Rollen, es waren derer etwa zwanzig, zu gestalten. Dabei konnten die beiden ihr üppiges komödiantisches Talent vor aller Welt, also dem Publikum des Teamtheaters, ab 14. März auch dem Publikum des Theaters Viel Lärm um Nichts in Pasing, demonstrieren. Andreas Wiedermann hatte sie dabei angehalten, der Komik, die den Figuren innewohnte, keinesfalls zu zügeln und so war den beiden eine entfesselte Spiellust durchaus anzusehen. An Bühnenbild brauchte es nicht viel, zwei Vorhänge links und rechts, dazwischen verbunden mit einer reichlich behängten Kleiderstange. Immerhin arbeitete Pinneberg, abgesehen von einem Intermezzo in einer Firma für „Getreide- Futter- und Düngemittel“, als Verkäufer für Herrenkonfektion.

Der aus Ducherow (bei Anklam – auch heute wieder ein Hort nationalsozialistischen Gedankenguts) kommende Pinneberg, traf in Berlin auf eine halbseidene Welt, in der das moralisch Zwiespältige, das Kriminelle durchaus von Erfolg gekrönt war. Jachmann, der Liebhaber seiner Mutter Mia Pinneberg, die obskure Gesellschaften unterhielt und damit vermögend wurde, war ein Vertreter dieser Halbwelt mit besten Kontakten zu Oberschicht. Er verkörperte den Typus des Machers, der aus jeder gesellschaftlichen Situation, ob stabil oder krisengeschüttelt, sein Kapital zu schlagen verstand. Selbst eine Gefängnisstrafe ist für solche Leute, wir finden sie auch heute in den Illustrierten zu Hauf, kein wirkliches Handicap. Moral ist immer das, was die „kleinen Leute“ leben sollen, damit die Gesellschaft funktioniert. Die Unmoral ist dabei nicht selten in ihrem Überbau zu Hause. Man schaue sich nur einmal um, in welchem Zustand die „Führerschaft“ (im öffentlichen Sprachgebrauch benutzt man stattdessen das Wort „Leadership“) der Gesellschaft, der Institutionen oder auch der religiösen Einrichtungen dieser Welt momentan ist. Was früher Skandal genannt wurde, ist heute Bestandteil des allumfassenden News/Fake News-Entertainments. Gier, Selbstsucht, Missgunst, Asozialität werden unter der Hand als heldenhafte Eigenschaften gefeiert. Erfolg wird über Besitz definiert und dabei ist es ziemlich egal, wie dieser Besitz erworben wurde.

Das Stück handelt von einem Kapitalismus, dem menschliche Werte fremd (geworden) sind. Angesichts der Zustände, wenn wir einmal ehrlich sind, erscheint ein Satz wie: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ obsolet. Menschen werden heute massenhaft um ihre Würde gebracht und dabei sollte nicht vergessen werden, dass auch die Täter ihre Würde damit verlieren, denn Würde hat auch etwas mit Moralität und menschlicher Integrität zu tun. Große Worte, wird da mancher denken, doch wer sich die zweistündige Inszenierung angeschaut hat wird wissen, dass es um nichts Geringeres geht.

Wie Falladas Roman, gibt auch Andreas Wiedermanns Inszenierung keine praktikablen Antworten, doch eines ist sicher, es kann, es darf so nicht weiter gehen. Die Krise, die Fallada beschrieb, gipfelte im 2. Weltkrieg. Heute denken hochrangige Politiker laut über Kriege nach, die mit atomaren Mitteln ausgefochten werden. Dabei werden die Konflikte für diese Kriege vornehmlich herbeigeredet. In irgendjemandes Interesse indes werden diese Kriege ganz sicher sein! Die Pinnebergs dieser Welt haben jedenfalls kein Interesse daran. Und sicher ist auch, dass die Frage: Kleiner Mann – was nun? auch zukünftig nur rhetorisch sein wird. Es ist die Rhetorik der Ohnmacht.

Wolf Banitzi

 


Kleiner Mann - was nun?

nach dem gleichnamigen Roman von Hans Fallada

Christina Matschoss, William Newton, Clemens Nicol und Regina Speiseder

Regie Andreas Wiedermann
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