Teamtheater Tankstelle Die gesammelten verloren geglaubten Werke von Samuel Beckett von Greg Allen, Ben Schneider und Danny Thompson



An Stelle einer Kritik

Verehrte Leser!
Im Juli des Jahres 1961 wurde im kleinen Bauernhaus in Ussy nahe bei Paris, einem Refugium, in das sich der Dichter Samuel Beckett immer wieder zum literarischen Schaffen zurückzog, eingebrochen. In dem Haus befanden sich für einen gemeinen Dieb keinerlei Wertgegenstände. Dieser Umstand veranlasste die enttäuschten Einbrecher zu wüstem Vandalismus, dem viele Schriftstücke, wie Notizen, Anmerkungen und vor allem Briefe zum Opfer fielen. Eines der Schriftstücke, ein Brief von der Hand des Dichters an einen unbekannten Adressaten, wurde in der Nähe des Hauses von einem Gendarmen gefunden und fand auf ungeklärte Weise Eingang in eine Untersuchungsakte zum Verschwinden zweier älterer Herren namens Camier und Mercier, welche an diesem Tag ohne Aufklärung des Falls geschlossen wurde.

Wie das Schriftstück in meine Hände gelangte, ist ohne Belang und tut auch nichts zur Sache. Aber da gerade von verschollen geglaubten Werken des Dichters Samuel Beckett die Rede ist, halte ich den Zeitpunkt für gekommen, dieses außergewöhnliche Dokument, das vor allem wegen seines persönlichen, geradezu intimen Tons so gar nicht in das Werk Becketts passt, öffentlich zu machen.
Der Brief ist in französisch verfasst. Beckett schrieb fast ausschließlich französisch, was sehr unglaubhaft macht, dass die aufgefundenen Werke in englischer Sprache von der Hand Samuel Becketts stammen. Leider ist das Dokument in schlechtem Zustand und einige Passagen, einschließlich der Anrede, sind unleserlich. Die Anrede lautet Verehrter El… Man kann wohl mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass er an den deutschsprachigen Übersetzer Elmar Tophoven gerichtet war, zumal es einige inhaltliche Bezüge zu Deutschland gibt. Hier nun der Inhalt:


Ulrich Zentner, Antony Connor, Peter Bamler

© Stephan Rumpf


Verehrter El …
sie wissen, wie ich es mit dem Erwachen halte: Die Sonne scheint, da sie keine andere Wahl hat, auf das Nichts des Neuen … Aber, ich gestehe frei, heute war mir sogar das Nichts des Neuen recht. Ich hatte einen Alptraum, der mich den Tod, den dichterischen Tod fühlen ließ.

Ich wandelte durch München. Über der Stadt dümpelte ein dezenter aber wahrnehmbarer Geruch von Fäkalien, was mich zu dem Schluss verleitete, dass das Oktoberfest in vollem Gange war. Ich geriet in eine Bar, wo ich hoffte, meinen Freund F. Grouse zu treffen. Im Nachbarraum hörte ich Stimmen. "Ein Mops kam in die Küche …" Sie wissen, wie sehr ich den Vers wegen seiner Tiefsinnigkeit und seiner Metrik schätze. Allein, ich konnte ihn nicht in einen Zusammenhang mit dem Treiben auf der kleinen Bühne bringen. Es mangelt mir wahrlich nicht an Fantasie …

Was mich über alle Maßen erstaunte, war jedoch, dass ich ein Stück erlebte, dass ich erst noch zu schreiben gedachte und das ich jetzt in aller Deutlichkeit vor Augen habe. Drei vermummte Männer marschierten in einem Quadrat auf und ab. In der Mitte stand eine Mülltonne. Einer der Männer stieg von der Bühne herab und zwang mich in die Tonne zu steigen. Das Publikum lachte und ich wusste nicht worüber. Dann schlug der Deckel über mir zu und ich hörte nur noch endloses Lachen, Schlurfen und "Ein Mops kam in die Küche …
Dieses Stück, ich werde es "Square" nennen, und es wird keiner Sprache mehr bedürfen, wird so etwas wie ein Abschluss sein. "Das Letzte wär' das Höchsterrungene." Was ich sah, war als Persiflage gedacht und war zugleich der Beweis für die Richtigkeit meine Aussage, welche ich ins Auge fasse. Ich werde damit meine Weltformel gefunden haben…

Ich kenne Ihre Einwände. Aber, was scheren mich die Gazetten. Einstein hat die Welt verändert, in dem er drei Buchstaben ins Verhältnis gesetzt hat und niemand deutet die Kürze als Impotenz. D.h. anfangs haben sie das sehr wohl getan …

Die Schreiberlinge verstehen bedauerlicher Weise nicht, dass ich von ihnen rede, von denen, die immer noch glauben, dass es einen Sinn hat, was sie tun. Dabei sind sie doch ohnehin nur auf mich erpicht und nicht auf mein Werk. Und diese Tendenz wird schlimmer werden, glauben sie mir. Die Welt wird eine Welt von Aasfressern werden! Was diese Herren an meiner Literatur feiern, ohne sie wohlgemerkt verstanden zu haben, war nur der Weg zu diesem Quadrat. Denn das Quadrat ist das letzte Gefängnis, in dem sie alle ihren Weg gehen, unentrinnbar…

Doch in diesem Traum habe ich noch etwas begriffen. Das Publikum, das sich so amüsierte, ohne eigentlich zu wissen worüber, - nur lachte, weil sie es für komisch hielten, belachte seine eigene Lächerlichkeit. Denn sie alle marschierten dort um mich herum… Das Nichts ist unausweichlich und die Tatsache, dass sich niemand dieses Nichts eingestehen will, dass Sie es mit der eigenen Lächerlichkeit zu füllen suchen, ist der letzte Beweis.

Wenn Sie meinem Gedankengang folgen können, so werden Sie verstehen, wie sehr mich diese Einsicht in die Endgültigkeit erschreckte. Wird der Blödsinn kommen, weil ich ihn vorausgesagt habe? Bin ich schuldig? Immerhin, eines ist gewiss: Nur zu Lebzeiten kann ich mich und mein Werk verteidigen. Danach … ach, was geht's mich an …

Übrigens, glauben Sie, dass man in Farbe träumt? Ich weiß nicht, ob das Stück in Farbe oder in Schwarz-Weiß über die Bühne gehen sollte. Ich glaube, in Schwarz-Weiß ist es besser…



An dieser Stelle ist das Blatt zu Ende. Ob es ein Fortsetzung des Briefes gibt, vermag ich nicht zu sagen. Ich vermute aber, es gibt keine, denn eigentlich ist alles gesagt.

Wolf Banitzki

 

 


Die gesammelten verloren geglaubten Werke von Samuel Beckett

von Greg Allen, Ben Schneider und Danny Thompson

Peter Bamler, Ulrich Zentner, Antony Connor

Regie: Helga Feig
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