Teamtheater Tankstelle Kolostrum von Peer Wittenbols




Von Göttern, die wir so gern wären …

Der niederländische Autor Peer Wittenbols, Jahrgang 1965, ist seit Herbst 2000 als Hausautor für die Toneelgroep Oostpool tätig. Der flämische Autor begeisterte und begeistert Regisseure und Dramaturgen mit Familiengeschichten, die in ihrer Komplexität und in ihren Aussagen Schlaglichter auf tradiertes menschliches Verhalten an sich und auf die heutige Gesellschaft im besonderen werfen. Mit "Kolostrum" bemühte er ein antikes Thema und schuf damit nicht nur ein komödiantisches Werk mit tief schürfenden Einsichten, sondern er erbrachte wieder einmal einen unschlagbaren Beweis für die Tauglichkeit dieser archaischen Stoffe.

Hades, Gott der Unterwelt, gesteht seinem Bruder Zeus, seines Zeichens Oberhaupt der Götterwelt, dass er ein bestimmtes Weib zu seiner Lustbefriedigung begehrt. Zeus will einen Namen und Hades verweigert ihm diesen aus Angst vor dem Zorn des großen "Blitzeschleuderers". Der kann seine Neugierde nicht bezwingen und gibt Hades allzu leichtfertig ein Versprechen. Die Auserwählte ist Kore, Tochter von Zeus und Demeter, und noch ein Kind. Zeus, durch sein Versprechen gebunden, segnet den Raub des Kindes ab. Demeter, Göttin der Fruchtbarkeit und bis zum Schmerz liebende Mutter, beginnt die Welt zu verwüsten. Alles erstirbt, fault, löst sich auf. Zeus will Demeters Zerstörungsfeldzug stoppen. Die Frau lässt sich aber von ihrem einstigen Ehemann, der sich auf schmählichste Weise von ihr abgewandt hat, nicht einschüchtern. Am Ende bekommt Demeter ihr Kind, das inzwischen zur Frau gereift ist, zurück. Doch im göttlichen Ehekrieg ist alle Moral, aller Respekt für das andere Geschlecht auf dem Weg geblieben. Zurück bleibt eine düstere Ahnung vom tieferen Wesen des Verhältnisses zwischen Frau und Mann.

 


Andrea Seitz, Erika Ceh, Joachim Bauer, Stefan Rihl, Anno Koehler


Es ist ein großes Thema, das einiger Anstrengungen bedarf, um auf so kleiner intimer Bühne wie der des Teamtheater gestaltet zu werden. Bühnenbildner Michele Lorenzini machte das Beste daraus. Wie in einer Reihenhaussiedlung liegen die Wohnsitze von Demeter, Zeus und Hades nebeneinander. Jalousien, nach Bedarf geöffnet oder geschlossen, bestimmen den Handlungsort. Vor der Fassade das Erdenrund im Vorgartenformat, das mit stetiger Regelmäßigkeit von Helios, dem Sonnengott, durchmessen wird. Stefan Rihl gab einen kauzigen Gott, der eher als Entertainer verstanden werden konnte, denn als Weltenerheller. Und warum auch nicht, unterschieden sich die griechischen Götter in ihrer Menschlichkeit (oder Unmenschlichkeit) doch kaum von heutigen Zeitgenossen. Joachim Bauer spielte den Zeus in Kniebundhosen und Korsett dandyhaft und selbstverliebt, seine eigenen altersbedingten Unzulänglichkeiten nicht wahrnehmend. Anno Koehlers Hades war eine bedauernswerte Kreatur. Hin und her gerissen zwischen der eigenen Begierde und seiner Angst vor dem übergroßen Bruder, bot er ein Bild der Erbärmlichkeit, die um so sichtbarer wurde, als er bei der großen Verhöhnung Demeters (und der Frauen an sich) Zeus kriechtierhaft das Wort redete. Andrea Seitz verkörperte die Demeter so standhaft, das ein Glaube an ihren Fall gar nicht in Betracht kam. Erika Ceh, mädchenhaft in ihrer Erscheinung, gelang glaubhaft die Wandlung vom verstörten Kind zur begehrenden Frau.

Regisseur Dirk Arlt lieferte eine makellose Inszenierung ab. Sie ist ganz am wunderbaren poetischen, bisweilen auch derben, aber immer anspruchsvollen Text ausgerichtet. Er verzichtete auf jegliche Schnörkel oder billige Effekte. Heraus kam ein sehenswerter Theaterabend, der voller Witz steckte, bei dem man allerdings nicht recht lachen konnte, weil eine unbarmherzige Wirklichkeit dahinter steckte. Nicht hemmungslos lachen zu können war hier kein Mangel, sondern vielmehr ein Verdienst, denn so hat die Inszenierung Nachhaltigkeit.


Wolf Banitzki

 

 


Kolostrum

von Peer Wittenbols

Stefan Rihl, Joachim Bauer, Anno Koehler, Andrea Seitz, Erika Ceh

Regie: Dirk Arlt
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