Teamtheater Tankstelle Clavigo von J.W. v. Goethe




Wortbrüche und tödliche Folgen

Es hätte ein prickelnder Theaterabend werden können, doch letztlich blieb es ein unentschiedener. Regisseur Thomas Luft fehlte es an Konsequenz, das Goethesche Trauerspiel zu einem heutigen zu machen. Dabei ist alles drin in diesem 1774 geschriebenen Text, um heutige Moral zu entlarven, die sich zunehmend an materiellen Werten orientiert, als sich auf die Waghalsigkeit der Liebe einzulassen. Selten findet sich in einem Goethestück soviel glaubhafte Aufrichtigkeit in Bezug auf "Schwankungen der Seele und des Geistes".

Clavigo, ein von den Kanaren Zugereister, verliebt sich in die "wunderschöne, bezaubernde" Marie Beaumarchais, Französin und gemeinsam mit Schwester Sophie wohnhaft in Madrid. Er bittet um ihre Hand. Bald schon macht Clavigo als Dichter bei Hof Karriere und eine Hochzeit mit der plötzlich "schwindsüchtigen, hohläugigen" und ausländischen Marie könnte von Nachteil sein. Clavigo kündigt sein Eheversprechen auf. Maries Bruder erzwingt einen schriftlichen Ehrenverzicht von Clavigo, der sich seinerseits an die Liebe zu Marie erinnert. Reumütig kehrt er zurück. Allerdings nur, um Marie unter Beeinflussung durch Freund Carlos neuerlich zu betrügen. Marie siecht sich zu Tode und Beaumarchais schickt den Treulosen mittels seines Degens hinterher in die Grube. Soweit die Geschichte des Herrn von Goethe.

Selbiger schrieb über den Anlass der Entstehung im 12. Buch von "Dichtung und Wahrheit": "… zu der Zeit, als der Schmerz über Frederikens Lage mich beängstigte, suchte ich, nach meiner alten Art, abermals Hülfe bei der Dichtkunst. Ich setze die hergebrachte poetische Beichte wieder fort, um durch diese selbstquälerische Büßung einer inneren Absolution würdig zu werden." Mit Frederike war Friederike Brion gemeint, eine Geliebte, die er gerade "abgelegt" hatte. Später plagten ihn derartige Liebesschulden nicht mehr.

Immerhin bescherten diese Qualen, die der junge Dichter erfolgreich und schadlos mit Poesie überwand, ein recht brauchbares Stück. Vorlage war übrigens eine anekdotenhafte Reisenotiz des französischen Lustspieldichters Caron de Beaumarchais, der bereits im Herbst 1774 in Augsburg der Aufführung auf dem Theater beiwohnte. Goethes Schriftstellerkollege Johann Heinrich Merck aus dem Darmstädter Zirkel der Empfindsamen meinte über das Stück sehr herablassend: "Solch einen Quark musst du mir künftig nicht mehr schreiben." Goethe hingegen war sich sicher, dass dieses Drama in die "Repertorien" der Theater eingehen würde. Und er behielt recht.

Es ist ein schlichtes, aber gut gebautes Stück, das in der am Teamtheater gegebenen Fassung noch einmal stark vereinfacht wurde. Von der Personage Goethes, bestehend aus acht Darstellern, verblieben nur vier. Das tat der Sache bis auf Ausnahmen keinen Abbruch, zumal man getrost einige säuselnde Zeilen des Dichterfürsten ignorieren kann. Eine dieser Ausnahmen war die Rolle der Maria Beaumarchais. Anja Klawun hatte letztlich zu wenig Text, um eine wirklich menschliche Gestalt zu erschaffen. Ihr Part war derart eingeschrumpft, das kaum mehr als ein paar verzweifelte Aufschreie und ein pathetischer Suizid übrig blieb. Ähnlich erging es dem Bruder Maries. Beaumarchais wurde von Ulrich Zentner als ein auf Haltung bedachter, eher griesgrämiger, denn im Stolz verletzter Edelmann gegeben, dem recht wenige Facetten eigen waren, gestaltet.

Regisseur Thomas Luft hatte dabei eine wirklich gelungene Vorgabe gemacht, in dem er die Rolle des intriganten Carlos so anlegte, dass hier ein sehr heutiger, skrupelloser, exaltierter, Koks schnüffelnder, hedonistischer Snob entstand. Hubert Bails Darstellung war das eigentlich erregende, weil mephistophelische Element am Abend. Schön wäre es gewesen, wenn er die anderen Rollen mit ähnlicher Konsequenz in der Überzeichnung hätte gestalten lassen. Das wäre ohne Zweifel auch Julian Manuel zu Gute gekommen, dessen Clavigo in Ton und Geste dem 19. Jahrhundert entsprungen zu sein schien. Seine inneren Kämpfe blieben unglaubwürdig, weil sie zu äußerlich ausgetragen wurden. Am glaubhaftesten war Heike Ternes als Maries Schwester Sophie. Mit ihrer weitestgehend natürlichen Spielart durchbrach sie das Schema des Abends, ein Schema, weil blutarm und unorganisch.

Schematisch und nicht unbedingt schlüssig war denn auch das in Weiß gehaltene Bühnenbild von Daniela Hohenberger, geteilt in Clavigos Welt links und Maries Welt rechts. Die Spielfläche dazwischen war angefüllt mit Baumrinde. Im Hintergrund eine Nische, der verschlossene Ausweg vielleicht? Dem Betrachter blieb es weitestgehend verborgen. Es war immerhin der Ort, an dem die durch Clavigo doppelt betrogene Marie ihre Pulsadern öffnet. Bleibt zu hoffen, dass dies und der Suizid Clavigos, der sich Beaumarchais Dolch selbst in den Leib rammt, nicht alles gewesen sein sollte, was diese Inszenierung an neuer Sicht anzubieten hatte. Leider wurde viel mehr nicht deutlich.


Wolf Banitzki

 

 


Clavigo

von J.W. v. Goethe

Julian Manuel, Anja Klawun, Heike Ternes, Hubert Bail, Ulrich Zentner

Regie: Thomas Luft
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