Teamtheater Tankstelle Das wird schon. Nie mehr lieben! von Sibylle Berg




Von der Beziehungsnot zum Beziehungstod

Weihnachten zumeist kommt raus, wer sich vor Einsamkeit verzehrt, spätestens aber Sylvester. Was soll's, denkt sich der Guru, auch Seminarleiter genannt, diese Nöte kann man in bare Münze verwandeln, und schreibt einen Kurs aus. Zwei Damen sind erschienen. "Man ist doch ohnehin allein, oder?" Der Seminarleiter verspricht einen Kurs, an dessen Ende bei den Teilnehmern gleichsam alle Bedürftigkeiten nach Liebe ersterben werden. (Mit Geld-zurück-Garantie)

Das Rezept ist so banal wie wirkungsvoll: Während sich die beiden Teilnehmerinnen durch die imaginären Räume ihrer Erfahrungen tasten, wird der Horror aller ihrer vorangegangenen Beziehungen wieder wach. Der Seminarleiter, er springt jeweils als das männliches Pendant ein, verstärkt das Grauen plastisch. So geballt und mit aller Deutlichkeit wirkt die Überdosis emotional tödlich. Am Ende bekennt eine der Teilnehmerinnen mit dem Ausdruck überirdischer Abgehobenheit: "Ich fühle mich so gut, so leer!" Der Seminarleiter verlässt die Veranstaltung sichtlich zufrieden und geht ein Bierchen trinken.

Sibylle Bergs Text ist gespickt mit Geschichten und Geschichtchen, wie man sie zuhauf kennt, mit unterschiedlichsten Perspektiven und mehr oder weniger zynischen Kommentaren zum Thema. Dabei dreht sich alles um das Eine, um die schiere Unmöglichkeit, eine Beziehung einzugehen und zu leben. Es liegt wohl auf der Hand, dass das Versprechen, nie wieder Lieben, keine Lösung sein kann. Doch Autorin Berg liefert hinreichend Denkansätze, um der Sache auf den Grund gehen zu können.

Anja Klawun, Silvia Andersen, Heiko Dietz, Nina Ahlers

© Saskia Pavek


Für die Geschichte spricht zudem, dass hier Feindbilder weitestgehend vermieden wurden bis auf eins, der Feind in uns selbst. Dieser Feind heißt Egoismus, Selbstverliebtheit, Hybris. Er hat viele Namen, doch läuft es stets auf das Gleiche hinaus: Bevor die Liebe zu einem anderen Menschen in Anstrengung übergeht, liebe ich mich doch besser selbst. Nur dumm, dass es mit dem Sex dann eng wird. Woody Allen verwies in diesem Falle mit einem guten Argument auf die Masturbation. Er meinte sinngemäß: Masturbation ist Sex mit jemand, von dem ich genau weiß, dass er mich mag. Wenn das nicht hoffnungsfroh stimmt ...

Das Wunderbare an der Inszenierung im Teamtheater Tankstelle war, dass man herzhaft lachen konnte. Nicht zuletzt, weil die eine oder andere Geschichte, die eine oder andere Floskel auch der eigenen Erfahrung entsprungen sein könnte. Lebensnöte wie auch seminaristische Hilfsangebote wurden gemeinsam bis auf ihre Absurditäten entkleidet.

Regisseur Konstantin Moreth ging mit allem gebotenen Unernst daran, eine Revue der Gefühle in Szene zu setzen. Eine kleine Revuetreppe, eine weiße Bühne davor und vier weiße Multifunktionswürfel reichten aus (Thomas Luft und Konstantin Moreth). Szenenwechsel, Reisen ins Innere, wurden durch Lichtwechsel auf für das Publikum verständliche Weise deutlich gemacht (Stefan Bettinger). Überhaupt spielte das Licht eine große und gute Rolle. Der Rest wurde erspielt, und zwar gut erspielt.

Heiko Dietz entfaltete sowohl als Seminarleiter wie auch als Universalmann komödiantisches Spiel auf höchstem Niveau. Seine Wandlungsfähigkeit zum Macho, zum verklärten Kiffer, zum bedrängten Seitenspringer und wieder zurück zum Seminarleiter bewies bestes schauspielerisches Handwerk. Die Damen waren in diesem Maße nicht gefordert. Silvia Andersen als Seminarteilnehmerin I persiflierte die erfolgreiche (?)-vierzigerin, die gut isst, ins Theater und in Ausstellungen geht, der aber Körpergeruch zuwider ist und die dann doch eher flieht, wenn's unübersichtlich wird. Nina Ahlers gab Seminarteilnehmerin II als eine Jugendliche, die durchaus offen war und der die Vorstellung, Nie wieder Lieben!, durchaus suspekt erschien. Sie definierte ebenso wie Silvia Andersen einen Typ Frau, wie er uns täglich begegnet und, zumindest den Männern, Unbehagen bereitet. Dieser Typ Frau ist die Verkörperung des Beziehungsproblems. Und schließlich ging Anja Klawun ihrem Herrn und Meister als "Klageweib" rasant und eigenwillig assistierend zur Hand. Ihrem Spiel war es auch zu verdanken, dass Heiko Dietz zu großer Form auflaufen konnte. Selbstbewusst, manchmal auch rüde, kommentierte sie die allgegenwärtigen Klischees. Allein, ihre gesanglichen Einlagen, schön anzuschauen, litten gelegentlich unter akustischer Unverständlichkeit.

Regisseur Konstantin Moreth gelang gemeinsam mit seinen Mitstreitern eine Inszenierung, die wegen ihrer Witzigkeit keine Längen aufwies, die durchweg schön anzuschauen war und der man es verzeiht, dass weder Autorin noch Theatermacher eine Idee hatten, wie man dem Dilemma Beziehungsnot Herr werden könnte. Hier stand am Ende das (gottlob wenig überzeugende und ungewollte) Bekenntnis zum Beziehungstod. Diese Inszenierung bietet genug Inhalt und künstlerische Substanz auch für einen zweiten Besuch.



Wolf Banitzki

 


Das wird schon. Nie mehr lieben!

von Sibylle Berg

Anja Klawun, Silvia Andersen, Heiko Dietz, Nina Ahlers

Regie: Konstantin Moreth
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