Halle 7 Nicht in den Mund von Simona Sabato


 

 

Familienaufstellung

Erster Auftritt der WhiteBOX als neuer Spielort des Theaters Halle 7. Leider präsentiert sie sich als brav abgehängter und - welch Überraschung - ganz in weiß gehaltener Guckkasten (Bühne: Holger Weißgerber) und damit unter ihren Möglichkeiten. Bedenkt man das Potential der weitläufigen, mehrgeschossigen Räumlichkeiten auf dem Kultfabrik-Gelände, macht sich leise Enttäuschung breit.

Ercan Karacayli, ehemaliger Film- und Fernsehschauspieler und bereits im vergangenen Jahr als Regisseur beim Festival für Neue Dramatik dabei, inszeniert Simona Sabatos preisgekröntes Stück "Nicht in den Mund". Die Entscheidung für das Werk über die Tücken des Tagesmutter-Daseins ist angesichts aktueller Endlos-Diskussionen über mangelnde Krippenplätze und die unzureichende Betreuungssituation von Kleinkindern begrüßenswert.

Der Abend beginnt mit von Angelika Plötz live eingespielter Klaviermusik, die den weiteren Spielverlauf in Stummfilm-Manier strukturiert und kommentiert. Einem etwas sinnfreien Prolog mit ballklauender Großmutter (sie wird als mehr oder weniger "running"-gag noch mehrmals auftauchen) folgt ein erster Blick auf Hanne (bemerkenswert: Nina Rahlff), Irene und deren Sohn Adam. Erst am Ende der Vorstellung wird man die Tragweite dessen, was diese drei Figuren verbindet, verstehen.

Es folgt der Aufmarsch der sieben Protagonistinnen: Hanne, Gabi, Kubi, Cornelia, Karin, Rose und Rita. Gemeinsam ist ihnen der Job als professionelle Tagesmutter, man trifft sich auf dem Spielplatz. Dort ist nicht nur die Sitzordnung strengstens reglementiert. Karacayli zeigt die Frauen zunächst als Gefangene eines festgefahrenen Alltags. Die im wahrsten Sinne des Wortes bunt zusammengewürfelte Truppe (Kostüme: Bianca Schmid-Hedwig) sitzt auf einer Mauer und unternimmt in wechselndem Turnus musikalisch untermalte Gänge an die Rampe (vermutlich der etwas unglückliche Versuch, die Kommunikation mit den nur als gedämpfter Soundteppich anwesenden Kindern darzustellen). Zwischen lautstark geäußerten Ge- oder Verboten für Klein-Torben, Stine, Luis und Guido wird lapidar und in Kurzform das eigene Elend besprochen. Ob Krebsverdacht, Unfruchtbarkeit, der dröge, dauergrillende Ehemann oder fünf Jahre Arbeitslosigkeit, existentielle Ängste werden mit der gleichen Beiläufigkeit geäußert wie Banalitäten.

Doch dann bringt ein tragischer Unfall - Hannes Schützling Adam ertrinkt in einem unbeobachteten Moment - das Kartenhaus der berufsbedingten Solidarität zum Einsturz. Von Selbstvorwürfen und Gabis (giftig: Ariane Erdelt) Anschuldigungen gequält flieht Hanne in den Supermarkt zu Lover Supermark (Martin Skoda bleibt als mit Samtstimme grüne Bohnen anpreisender Kittelträger mit einem Faible für Blow-Jobs am Arbeitsplatz eher blass). Trost findet sie nicht. Das den Abend beschließende Gespräch mit Irene - geführt mit aufgeschnittenen Pulsadern - wird ihr letztes sein. Die darin angedeuteten Tatsachen lassen die Tragik der Situation umso schwerwiegender hervortreten: Irene verliert an diesem Tag ihren Sohn und ihre Geliebte. Starker Tobak in einer Inszenierung, die leider erst in den letzten ruhigen Minuten die ihr zu wünschende Intensität erreicht.

 
Tina Meß

 

 


Nicht in den Mund

von Simona Sabato

Nina Rahlff, Arlette Wahlen, Martin Skoda, Ariane Erdelt, Bettina Hamel, Ulrike Gronow, Ina Meling, Julia Jaschke, Christine Maaß, Till Hamel, Patrick Hellenbrand, Anton Koelbl

Regie: Ercan Karacayli
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