Halle 7 Liv Stein von Nino Haratischwilli


 

 

Es lebe das Leben, es lebe die Kunst

In Zeiten, die beherrscht werden von allgemeiner Mittelmäßigkeit, in denen die Lauen an den Rednerpulten und den Rudern stehen, auch Teile der Szene in der Kunst beherrschen, da wirken Figuren wie die der jungen Schriftstellerin Nino Haratischwilli ungleich lebendiger. Sie verkörpern jene talentierten Suchenden, die durch Meisterleistung im Gedächtnis bleiben und aus denen, gleich einer Quelle, Kunst ins Leben fließt. Darum Kunst: Hüte dich vor den Leidenschaftslosen, den Wohlfühlern, den Kompromissbereiten und den Marktgerechten, denn sie schaufeln an deinem Grab.

Nino Haratischwilli schuf ein ausgezeichnetes Werk, erhielt dafür 2008 den Hauptpreis des Heidelberger Stückemarkts. Die junge Frau wirft einen genauen Blick auf die Intensität künstlerischen Daseins und erfasst diese. Jene Intensität, die jedem außergewöhnlichen Schaffen eigen ist und die wohl auch in dem einen oder anderen Zug dem Leben der jungen Georgierin entstammt, jedoch keineswegs nachzeichnet, sondern stets eine neue andere Geschichte erstehen lässt. Fiktion und doch kompakt voller Wahrheiten des Lebens, geht es in dem Stück um Sehnsüchte, Vorstellungen, Vorwände, Schuld und menschliche Launen.

Die berühmte Pianistin Liv Stein vergräbt sich in ihrem Hause, verwahrlost. Ihr geschiedener Mann Emil, Lehrer am Konservatorium und ehemals brillanter Geiger, kündigt ihr für den Abend Besuch an. Doch Liv verharrt in Reglosigkeit. Vierzehn Monate dauert der Zustand schon an und nun ließ sie auch noch den Flügel in den Keller transportieren. Emil versucht sie aufzurütteln. Doch ... die Wege zu und miteinander sind vorgegeben, ausgetreten nach zwei und sechzehn Jahren Ehe. Nun sind sie geschieden und Emil ist verheiratet mit der jungen Irene. Trotzdem kommt von ihm: „Ich vermisse das damals.“ Trotzdem sucht er den Kontakt zu Liv, hautnah und so, als wäre er nie gegangen. Die Spuren der Jahre sind nicht zu verwischen. Er gibt der jungen Lore Levin die Telefonnummer Livs. Lore sucht den Kontakt zur großen Pianistin, sie möchte ihre Schülerin werden.  Anfangs weigert sich Liv, doch dann entsteht ein Handel; Klavierunterricht gegen die Erzählung der Erlebnisse von Lore mit Livs Sohn Henry. Henrys Tod steht am Anfang des Ausstiegs der Künstlerin aus der Musik, die ihr Leben bestimmte und das ihrer Familie. Es entwickeln sich Verbindungen, Verstrickungen die durch die Liebe, das Aufgehen in der Musik bestimmt sind und die Suche nach Nähe, gelebtem Gefühl. Rachmaninov oder und Ravel spielen die beiden Frauen. Henry liebte Schumann. Emil spielt nicht mehr, er unterrichtet.

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Stefanie Mendoni, Josef Pfitzer

© Irene Huber

 

Auch die gesamte Inszenierung strahlte jene große emotionale Intensität aus, wie sie sich in den Leben von vielen Musikern finden lässt. Matthias Eberth führte Regie und die Darsteller an jenes Pathos heran. Violinschlüssel und Partiturzeile zierten gleich einer den Raum bestimmenden Melodie die Wände. Die Musik war dadurch auch bildlich allgegenwärtig in jeder Szene. (Bühne von Markus M. Schmidt) Stefanie Mendoni gab Liv Stein. Sie veranschaulichte virtuos und mit vielen feinen Gesten eine Verwandlung, von der von Schuldgefühlen zerfressenen Leidenden zur strahlend im Mittelpunkt stehenden Pianistin. Emil, Josef Pfitzer, war ein leidenschaftlich kraftvoller Mann, hin- und hergerissen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen den Frauen und der Musik. Seiner jungen Frau, gespielt von Franziska Zawila, kam die undankbare etwas farblose Rolle, der nicht von der Musik Gezeichneten zu. Gemanagt wurde Liv Stein von Simone, die zu gutmütig ist, die sogar ihre Hochzeitsreise unterbrach, um für ihre Künstlerin allgegenwärtig zu sein, der Musik und ihr verpflichtet. Glaubhaft aktiv und aufopfernd dargestellt von Nathalie Seitz. Schnippisch, kurz, jugendlich, frech füllte Julia Eckers als Lore Levin die Bühne. Sie suchte abwechslungsreich nach den vielfältigen Erfahrungsmöglichkeiten des Gefühls in Musik und Erzählung und Begegnung.

Es ist ein inhaltlich dichtes Stück, sowohl im Text als auch in der Handlung, mit vielen unterschiedlichen Facetten und Wendungen.  Die Aufführung atmete viel Emotion in den Raum und an das Publikum. Lassen Sie sich bewegen, es lohnt.

„Dreistigkeit und Größenwahn ist tödlich für einen Künstler, wusstest du das?“

C.M.Meier

 

 

 


Liv Stein

von Nino Haratischwilli

Julia Eckers, Stefanie Mendoni, Josef Pfitzer, Nathalie Seitz, Franziska Zawila

Regie: Matthias Eberth
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