Halle 7 Faust hat Hunger und verschluckt sich an einer Grete von Ewald Palmetshofer


 

 

Die Aufgabe

Der Versuch der Gleichrechnung zweier Ungleichen beherrscht wie kaum eine andere Bewegung die Gesellschaft. Dass diese Bemühungen zweifelsohne ihre Blüten treiben, von ernsthaft bis höchst absurd, steht permanent vor Augen und im Raum. Die „alte“ bürgerliche Ordnung muss dazu in Frage gestellt werden und demontiert. Die Auflehnung gegen das Bürgerliche und dieses dennoch zu leben, zeichnet die modernen wohletablierten Gemeinschaften nicht nur der Generation 30 aus. Es ist die Ohnmacht gegenüber der Natur, in der die patriarchalische Gesellschaftsform ihren Anfang hat. Erst war Adam, aus seiner Seite schuf Gott Eva. Der Mann ent- und besteht aus den Chromosomen XY, während sein Gegenüber durch XX glänzt. Sie sollten einander ergänzen, doch das Ergebnis XY + XX = immer unzulänglich; bereits hier scheitern Integrationsversuche, wie die Trennungs- und Scheidungsrate bestätigt. Und, um aus XY = XX  oder aus XX = XY machen zu wollen, bedarf es einiger Rechenkunst.

Unisex standen die Darsteller auf der Bühne. Hautfarbene Strumpfhosen und farbige Pullunder  kleideten sie (Kostüm Claudia Radowski). Allein durch die deutlich gekennzeichneten hervorstechenden Geschlechtsmerkmale, Schminke und den Schmuck um den Hals und an den Ohren der Darstellerinnen unterschieden sie sich. Die Partner demonstrierten Zusammengehörigkeit durch gleichfarbige Oberteile. Klarsichtfolie grenzte ein Haus vom übrigen Bühnenraum ab. Wie in die chicen Designerhäuser, die durch überdimensionale Fensterflächen auffallen, konnte man Einblick nehmen in den Alltag und die Gepflogenheiten der Bewohner. Im Hintergrund liefen Fernsehgeräte, übertrugen Teile der Handlung (Bühnenbild Cäcilia Müller). Realität, in der sich Handlungen im Kasten und vor dem Kasten immer mehr angleichen. In  diesem Wohnhaus leben drei Paare. Sie treffen sich zu „Bring what you eat“-Partys, die Frauen stehen rauchend auf dem Balkon, kippen Asche über das Geländer, diskutieren den Phantomschmerz der Gesellschaft. Einer lädt immer seinen alleinstehenden Freund ein, den unsichtbaren Siebenten mit einem Sixpack und einem Laptop voll Musik. Damit auch er in den Genuss gemeinsamen Glückes kommt, nicht alleine bleibt, bittet eine der Frauen ihre alleinlebende Freundin, eine Sozialarbeiterin, dazu. Und schon ...
Beziehungskisten, Rituale, Vorstellungen, Probleme und Problemchen reihten sich Wort um Wort. „Im Mensch drinnen ist kein Mensch.“ Die Frauen machten aus den Männern Kinder, durch ein simples Ritual veranschaulichte Regisseur Schlappig den Vorgang, mit dem Uneinigkeit auszuräumen war und sogleich dominierten sie wieder das Geschehen, ergriffen sie erneut das Wort. Es fehlte in der Inszenierung keineswegs an witzigen Einfällen zur Veranschaulichung. Die Körpersprache der sechs Schauspieler war mindestens ebenso tragend gestaltet wie der Text. Janina Klinger, Inga Kulik, Ariane Ott, Johannes Schön, Arik Seils, Alexander Voigt boten, jeder für sich und gemeinsam, herausragende mimische Leistungen. Mit hoher Darstellungskraft gestikulierten sie, brachten sie den sprachlich kunstvollen und komprimierten Text ans Publikum. Janina Klinger, Inga Kulik, Ariane Ott verkörperten den einen modernen Typus Frau und unterschieden sich dennoch. Ariane Ott gab die fürsorgliche, Inga Kulik die burschikose, Janina Klinger die dominante Seite der Frauen. Als wären sie eine, Grete, spielten sie abwechselnd, das Mikrofon in der Hand auch diese Rolle. Johannes Schön, Arik Seils, Alexander Voigt überzeugten als Mann der neuen Generationen. Johannes Schön gab den Wortführer, Arik Seils den Flexiblen, Alexander Voigt den stillen Mitmacher. Auch sie stellten abwechselnd am Mikrofon den einen, Heinrich, differenziert und nuanciert dar. Arik Seils als Heinrich verlautete den Kern einer Beziehung; der humorvoll verpackt ist in ein Beispiel. Besonders hervorzuheben sind noch Juliane Klingers Gesang und die Vokalbegleitung von Johannes Schön, in einem jazzig berührenden Song. Kunstvoll und mit deutlich spürbarer Präsenz führte Markus Schlappig Regie.

 
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Johannes Schön, Inga Kulik

© Hilda Lobinger

 
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Beginnt Goethes Faust mit einem Vorspiel auf dem Theater, es wurde in dieser Hochzeit des Bürgertums die Welt noch als Bühne verstanden, nach Galilei immerhin als runde Drehbühne, so beginnt Palmetshofer sein Werk über Faust mit dem Chor, welcher die Bedingungen für die zeitgemäße Faust’sche Geschichte vorträgt. Er thematisiert den Lauf der Erde durchs All, benennt die aktuellen wissenschaftlichen Grundlagen und philosophischen Ansätze, die der moderne Faust als seine Erkenntnisse über das Leben und die Welt zusammengetragen und  gespeichert hat. „Wir stürzen durch das All ... haben längst den Himmel unter den Füßen verloren ...“, tönten die Sätze dicht an dicht.

Suchte Goethe forschend nach „dem, was die Welt im Innersten zusammenhält“, so fragt Palmetshofer direkt nach dem Kern, dem Kern der den Menschen ausmachen sollte und der heutzutage abhanden gekommen ist. Er wurde ersetzt durch Offenheit und die Bereitschaft die Welt durch sich hindurch ziehen zu lassen. Wie leere Hüllen laufen sie durch die Straßen, schwingen im Takt der über Kopfhörer eingespeisten Töne, oder reinigen sich mental von möglichen „Ablagerungen“. Da ist nichts mehr, da ist Nichts mehr. Es sind die Ab- und Einlagerungen des Heinrich oder vielmehr die des Y im Heinrich, deren sich die Grete‘s zu entledigen suchen. Während Goethes Margarete ihr Kind im See ertränkt, es direkt der Natur zurückgibt, so packt Palmetshofers Grete dieses in eine Plastiktüte, vergräbt es darin. So zerfällt der Körper in sich, isoliert von der Natur, der Umgebung.  Diese Hülle überdauert Zeiten, ihr Inhalt ist sauber mumifiziert. Nichts da! Es sind sogleich die Detektive auf der Spur, spannen Absperrungen um den Tatort, schnüffeln im Blitzlichtgewitter der Medien.

Beide Schriftsteller karikieren das kleinbürgerliche Idyll mit seinen Integrations- und Ausgrenzungsbemühungen; Klatsch, Neugier, Sensationslust und Glücksvermittlung werden thematisiert. Sie formulieren dies in scheinintellektueller Ausdrucksweise, jeder im Stil seiner Zeit. Goethes Sprache ist eine klassische, aus den Salons, an der Antike und ihren Bildern orientierte, während Palmetshofer mit modernen abstrakten Metaphern arbeitet und dadurch eine weitere Dimensionen auftut. Sein Text besticht durch Doppeldeutigkeit, Sprachwitz und den Jargon seiner Generation. Der überaus ernsthafte Vortrag desselben betonte die Absurdität mancher Handlung und Sichtweise, ebenso wie er die Ohnmacht gegen eben diese, das Ausgeliefertsein verdeutlichte. Dies geschieht auf humorvolle Weise, versteht sich zurückgenommen und so bleibt der Eindruck ein nachhaltiger.

... eine tolle Inszenierung und ein außergewöhnliches Werk und man könnte darüber in Superlative verfallen, oder fünfeinhalb goldene Sterne vergeben, oder ... Doch ich würde noch einmal hingehen und schauen und hören und staunen und schmunzeln und lachen. Es entstand ein Klassiker neben einem Klassiker und einen solchen zeichnet aus, dass er mehr als eine einfach zu konsumierende Unterhaltung aus bekannten Vorgängen bietet. Heute Seltenheitswert.

 

C.M.Meier

 

 


Faust hat Hunger und verschluckt sich an einer Grete

von Ewald Palmetshofer

Janina Klinger, Inga Kulik, Ariane Ott, Johannes Schön, Arik Seils, Alexander Voigt

Regie: Markus Schlappig
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