Theater Halle 7 UA Stehende Gewässer von Markus Bauer


 

 

Der Weg des Irdischen

Wer die Idylle unberührter Natur betrachtet, erfährt ihre Schönheit, Vollkommenheit und Ruhe. Der Mensch findet in ihr zu seinem Gleichgewicht, erfährt Entspannung und Bereicherung. Naturgemäß nur bei oberflächlicher Betrachtung, denn der schöne Schein trügt für den Augenblick über die allgegenwärtigen mörderischen Abgründe und den Verfall hinweg. Die blühende Rose auf dem See überstrahlt das unter der Oberfläche verfaulende Blatt ihrer Schwester, mit der sie doch an einer Wurzel hängt. Die fröhlich schnatternde Ente macht vergessen, wie viele Kaulquappen in ihrem Schnabel verschwanden. Die glatte Oberfläche des scheinbar bewegungslosen Wassers spiegelt die Wolken, die Pflanzen, die Umgebung wieder, ebenso wie das Gesicht von Narziß und allen Menschen, sie sich durch Leben zu erkennen suchen.

Es ist ein verwahrlostes Haus am See, das Inge und Johann Wiesheu erben. Der Garten ist verwildert, die vielen Zimmer sind verkommen und „der See atmet nachts sein Geheimnis aus“. Das stehende Gewässer zieht in seinen Bann. Die Beiden eröffnen eine Pension, vermieten Zimmer und Inge kocht als zeitgemäße Dienstleisterin den Morgenkaffee. Die Kinder Cora und Martin werden erwachsen, suchen ihren Weg zu und ins Leben. Doch es scheint die Zeit still zu stehen in dem Haus am See und der Handlungsspielraum ergeht sich in Wiederholungen.

Der Autor Markus Bauer verfügt über eine dichte, sehr eigene Sprache. Er setzt immer wieder erstaunliche Wendungen. In seinem Stück vermischen sich Träume und Realität - die abgehackten Sätze und die eingestreuten Erkenntnisse geben die Gedankenwelten der Figuren wieder, diese werden unterbrochen von kurzen banalen alltäglichen Dialogen. Sprechen die Menschen noch miteinander, oder sind die Einzelnen nicht längst in ihre Gefühlswelt abgedriftet? Die Zeitsprünge, im Text durch Angabe der Jahreszahl verdeutlicht, veranschaulichen den Stillstand, die Zeitlosigkeit in der die Figuren festhängen. Nichts ändert sich tatsächlich. Der Absprung, der Ausweg aus dem Dilemma des Alltags bleibt Traum – unrealisiert.  Das preisgekrönte Werk „stehende gewässer“  wurde 2009 beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens gelesen und nun im Theater Halle 7 uraufgeführt.

Alex Novak führte Regie und die Zuschauer über unmissverständliche Bilder direkt an das stehende Gewässer. Plastikfolien lagen über die Bühne verstreut und unter diesen verschwanden die Darsteller abwechselnd, rangen nach Luft, erstarrten, rissen Löcher, um zumindest das Gesicht freizulegen. Dieses Ringen kann dem Versuch zu Überleben im Wasser des Gefühls ebenso gleichgesetzt werden, wie dem Ringen gegen das die Erde und die Menschen langsam überziehende Plastik, die Erstarrung in durchsichtiger Welt. (Bühne Livia Schoeler, Alex Novak)  Die Langeweile der Idylle überbrückten Inge und Johann mit dem Rauchen von Zigaretten und dem ständigen Genuss von Wein und Bier. Beatrice Murmann verkörperte Inge, die an den Vorbildern der Siebziger Jahre orientierte Frau und Mutter. Zwischen Traum und Scheitern gefangen, suchte sie dramatisch aufbegehrend einen Weg, kämpfte sie verzweifelt gegen der Verlust von Johanns Aufmerksamkeit. Die Türe zu ihrem Wunschziel Reykjavik fand sie dennoch nicht. Für Johann, Sebastian Schäfer, blieb nach der Fertigstellung des Hauses nur die probate Selbstbestätigung durch Affären. Von kraftvoll strebend bis enttäuscht, selbstgefällig, vereinsamt, resigniert,  reichten die Facetten, welche er erspielte. Der Sohn Martin liebte den Ort unter einer Brücke, an den Bahngeleisen, und pflegte diesen als seine Welt. Hierin hatte er auch Lotte, seine Jugendliebe, aufgenommen. Dieter Fernengel gab einen träumerischen bindungsunfähigen, doch überaus ambitionierten jungen Mann. Die Realität des Jobs wurde angedeutet, doch den Platz in seinem Innern nahm Lotte ein. Livia Schoeler, Lotte, agierte erst nur hörbar aus dem Publikum, ehe sie auf die Bühne trat, ehe sie im Hintergrund verschwand, um wieder aufzutreten. Eine wandernde und doch stets wieder an den Ort des Gefühls zurückkehrende Figur. Ihre Bemühungen blieben andeutend und stets auf Distanz bedacht, scheinbar nur die körperliche Begegnung verband sie mit Martin. Den konsequentesten Fluchtversuch unternahm Cora, sie griff zu Drogen. Flucht, Entzug, Scheitern und erneute Flucht, so zeichnete Magdalena Pohlus die gefühlvolle junge Frau und Mutter. Ihre Sehnsüchte suchten ein  Objekt und wie in letzter Verzweiflung sprach sie ihren Vater an. Das ungelebte Gefühl drückte sie in Johanns Arme, der ihr aber doch die Grenze setzte. Die Sehnsucht gegen die menschliche Haltung, welche die Darsteller in dieser Szene vergegenwärtigten, war überaus nachhaltig beeindruckend. Wie die Darstellung insgesamt, die sehr gefühlsbetont umgesetzt wurde, jedoch immer die Grenze zum Text hervorhob. Was als intensiver Eindruck blieb, ist die Bestätigung von Unvereinbarkeit. Keiner hat je genug gelebt. Und was ist das Leben? „  ... muss man aushalten können.“
 
  stehendegew  
 

Sebastian Schäfer, Dieter Fernengel

© Astrid Ackermann

 

Das Miteinander, die bislang gepflegten Lebensrollen und Modelle werden ausgehöhlt durch Streben nach Selbstverwirklichung. Zu Tage tritt das Einzelne, das an sich und in sich nichts weiter ist, als die bedauernswerte, ihren Schwächen folgende Kreatur. Denn erst die Rolle gibt Form und Halt, die Ideale führen und füllen das Streben. Hier liegen die Anfänge für den Menschen, der die Natur – auch seine eigene – zu gestalten sucht und in dieser Gestaltung Erfüllung und Sinn findet. Die Kreatur per se ist tierisch und folgt als solche ihren Instinkten, ihren naturgemäßen Eigenschaften. Allein die idealisierten Rollen, wie sie bislang im Bürgerlichen gelebt wurden, boten dem Betrachter ein wohlgeordnetes Bild, täuschten über die Abgründe hinweg, die sich hinter den idyllischen Fassaden verbargen. Der Wegfall der Rollenbilder führte unmittelbar in die Natur zurück, ins Tierische und hier entpuppt sich die Selbstbefreiung als Sackgasse. Diese Ebene wurde durch die Inszenierung von Alex Novak sichtbar. Es war eine überaus gelungene Aufführung, welche durch adäquate Bilder und differenzierten Spielgestus Inhalt und Text beförderte. Selten sieht man sich so unverstellt der Natur gegenüber, der Natur, aus der es keinen Ausweg gibt.

„Misstraue der Idylle, sie ist ein Mörderstück. Schlägst du dich auf ihre Seite, schlägt sie dich zurück.“, schrieb Andrè Heller. Und diese Sätze fassen das Theaterstück von Markus Bauer auf treffendste Weise zusammen.


 
C.M.Meier
 

 


UA Stehende Gewässer

von Markus Bauer

Beatrice Murmann, Magdalena Pohlus, Livia Schoeler, Dieter Fernengel, Sebastian Schäfer

Regie: Alex Novak
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen