Theater Haus der Kunst Servus Kabul von Jörg Graser


 

 

 
Es kann so leicht sein

Die Angst vor dem Kampf der Kulturen wird von deutschen und europäischen Politikern eifrig geschürt. Er ist auch sehr willkommen, kann man doch mit diesen Ängsten von dem eigenen Desaster ablenken, und eifrig ans Werk zum Abbau von sozialen Errungenschaften und Demokratie gehen. Und die Medien schlagen sich zum Großteil auf die Seite der neuen Demagogen und spielen das Spiel vom schwarzen Mann mit. Dabei wissen Sie doch besser, dass der Karikaturenstreit nicht der Grund für die blutigen Auseinandersetzungen ist, sondern nur der willkommene Anlass für einige religiöse Hetzer. Und dann gibt es doch tatsächlich Leute, die mit dem Verweis auf die religiösen Gefühle Andersgläubiger laut über die Abschaffung der Pressefreiheit nachdenken. Wenn man dem Schöpfer der Karikaturen etwas vorhalten kann, dann höchstens die Mittelmäßigkeit ihrer künstlerischen Umsetzung.

Franz Xaver Kroetz lässt sich von all dem nicht beeindrucken und seine Inszenierung von Jörg Grasers "Servus Kabul" ist die adäquate Antwort auf die eingeschränkte Sicht, mit der die Diskussion geführt wird. Dabei kennt er kein Tabu. Der Araber wird als Neger bezeichnet, dem es nur um die Aufenthaltserlaubnis geht, Das World Trade Center versinkt auf komische Weise im Staub und der Ruf nach einem neuen Führer, wegen der eigenen Geschichte sollte es ein kleiner sein, wird laut. So gesehen gebührt Autor und Regisseur gleichermaßen die Ehre, dass ein Kopfgeld auf beide ausgesetzt wird, und zwar von beiden Seiten, denn ihre Sicht auf die Probleme ist eine humanistische und die ist momentan der Feind aller politischen Lager. Aufgemerkt: Freiheit ist ein idealistischer Terminus mit Absolutheitsanspruch. Jeder Versuch, die Freiheit einzuschränken ist gleichbedeutend mit der Abschaffung derselben! Man ist ebenso wenig "etwas" frei wie "etwas" schwanger.

 

Matthias Eberth, Christian Lerch, Alfred Kleinheinz

© Thomas Dashuber

 

Kroetz fand eine kongeniale Lösung für die Umsetzung der Vorlage von Jörg Graser, die der Regisseur für seine Inszenierung bearbeitet hatte. Er ließ auf berückendste Weise eine Theaterform auferstehen, die eine lange Tradition auch im politischen Theater hat, nämlich das Puppenspiel. Ein Gasthaus in Straubing, das Auge im Hurrikan kleinbürgerlicher Ekstase aus Bier, Schweinshaxe und ungestillten sexuellen Fantasien, war der Spielort und Puppenhaus zugleich. Bühnenbildner Jürgen Höfer versetzte das Publikum in schönste Kindertage zurück, als es sich auf dem Wohnzimmerteppich den Hosenboden vor Aufregung dünn scheuerte. Tritratrallalla, der Vorhang ging auf und alle waren da. Die Liese hieß Fanny (Eva Gosciejewicz) und ihre Begeisterung für Fuchs-Spürpanzer war gerade auf Jusuf (Christian Lerch ) umgeschwenkt. Der war Moslem und augenscheinlich reich. Also konvertierte man mal eben und heuchelte Liebe zu einem neuen Gott. Hauptsache man kam unter die Haube nach all den Pleiten mit deutschen Männern. Der Brodler-Vater (Alfred Kleinheinz) entdeckte seinerseits die Vorteile des Islam, wanderte nach Kabul aus, um UNO-Truppen mit Weißbier zu beglücken, und heiratete drei muslimische Frauen. Auch Sohn Hans (Matthias Eberth) erkannte die Vorteile der neuen Religion, wurde aber mit einer einbeinigen Türkin geleimt, die man flugs in der Fußgängerzone aussetzte. Am Ende triumphierte die Brodler-Mutter (Ulrike Willenbacher) und schwang strafend die Kelle, dass das Kraut nur so flog.
Das Spiel der Darsteller war voller überbordender Lust. Vielfältig waren die Einfälle und gelegentlich bebte das Puppenspielhaus sogar. Trotz einiger Längen im zweiten Akt konnten die Zuschauer spannendes Theater "total" erleben. Unbedingt hervorgehoben werden muss die Darstellung Eva Gosciejewiczs, deren Spiel perfekt ihrer hölzernen Urahnin entlehnt war und die dadurch um so komischer wirkte. Christian Lerch erschuf einen bayerischen Araber, der glaubhaft beide Kulturen nicht nur im Sprachgestus vereinigte. Alfred Kleinheinz gab überaus glaubhaft einen knatternden Kleinbürger, der aus seiner vermeintlichen Weltoffenheit reumütig in den Schoß seiner bierdeutschen Seele zurückkehrte.

Derb ging's zu, bayerisch und multikulturell. Die von allen Darstellern beeindruckend gespielte Farce entlarvte. Plakativ, wie es im Puppenspiel nun einmal zugeht, wurden einfache Wahrheiten vermittelt, die in ihrer Einfachheit nichts an Realitätssinn einbüßten. Kroetz riss Fassaden nieder und zurück blieb der blanke Mensch in seiner allumfassenden Unvollkommenheit. Er holte das Publikum mit seiner Sicht aus den Klauen der ideologisierenden Politik zurück und zauberte mittels seiner Unbarmherzigkeit wider die menschliche Natur dennoch einen Hoffnungsschimmer. Man konnte trotz oder gerade wegen der ästhetischen Herangehensweise auch getrost von einer Moral sprechen. Und die Moral von der Geschichte ist, wir müssen uns alle ändern und aufeinander zugehen. Es kann so leicht sein, wenn nur erst die Bereitschaft da ist. Zumindest auf dem Theater sieht es so aus. Wie schwer es für das Publikum war, die Schwelle aller Ideologien zu überschreiten, konnte man anfänglich deutlich beobachten. Einigen Zeitgenossen blieb das Lachen im von multikulturellen Respekt geschnürten Hals stecken. Erst als wir selbst unter den Kasperlehieben zusammenzuckten, konnte es befreit werden.

Kroetz Arbeit hat bei aller Heiterkeit nachdenklich gemacht und eines ist sicher: Wir alle, egal aus welcher Kultur wir stammen, sind Menschen und einander so unähnlich, wie wir immer glauben, nicht. Und noch etwas schimmerte durch. Wann immer im Namen Gottes zerstört oder getötet wird, mit Gott hat das nicht das Geringste zu tun.

 
Wolf Banitzki

 

 


Servus Kabul

von Jörg Graser

In einer Bearbeitung von Franz Xaver Kroetz

Alfred Kleinheinz, Ulrike Willenbacher, Eva Gosciejewicz, Matthias Eberth, Christian Lerch

Regie: Franz Xaver Kroetz
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