Cuvilliéstheater Eines langen Tages Reise in die Nacht von Eugene O´Neill


 

Lautloser Untergang

„Ich finde mehr Glück in einer wirklichen Tragödie als in allen Stücken mit glücklichem Ausgang, die je geschrieben worden sind“, schrieb Eugene O´Neill, selbst ein großer Tragöde, dem die USA ihre endgültige dramatische Emanzipation in der Weltliteratur zu verdanken haben. Der Erfolg seiner Stücke lag wahrscheinlich auch in den autobiografischen Zügen begründet, denn Eugene O´Neills Leben stand seinen Dramen an Ereignis- und Konfliktreichtum in nichts nach.

„Eines langen Tages Reise in die Nacht“ spiegelt sein Leben wie kein anderes seiner Stücke. Es ist die Geschichte einer vierköpfigen amerikanischen Mittelstandsfamilie mit dem Oberhaupt Vater James Tyrone, Mutter Mary und den Söhnen James jr. und Edmund. Das Stück spielt an einem Augusttag, der vergleichsweise ereignislos verläuft, an dem sich dem Betrachter aber eine gewaltige Familientragödie offenbart. Vater James Tyrone ist, wie auch O’Neills irisch stämmiger Vater es war, ein Schauspieler, einstmals sehr begabt, der durch einen scheinbar genialen Schachzug sein Leben in eine Sackgasse manövrierte. Er erwarb für einen (scheinbaren) Spottpreis die Rechte am Stück „Der Graf von Monte Christo“ und tourte damit 16 Jahre lang durch ganz Europa. Jeder Versuch, aus dieser Rolle wieder herauszukommen, scheiterte kläglich. Immerhin, er verdiente mehr als 3000 $ in der Woche, was seinerzeit ein kleines Vermögen war. James O´Neill war besessen von krankhaftem Geiz und ebensolcher Panik vor Armut. Mutter Ella Quinlan O´Neill war ein fromme Katholikin, deren ohnehin strapaziöses Leben, denn sie begleitete ihren Mann während seiner Tourneen, aus den Fugen geriet, als der zweite Sohn Edmund als Kleinkind während ihrer Abwesenheit an Masern erkrankte und verstarb. Nach der Geburt von Eugene 1888 geriet sie in eine lebenslange Morphiumabhängigkeit.

Eugene selbst scheiterte auf einer Goldsuchermission in Honduras, fuhr auf einer Dreimastbark zur See, spielte kleine Rollen in den Aufführungen des Vaters und lernte dabei die schahle Seite des amerikanischen Unterhaltungstheaters kennen. Eine Lungenkrankheit bannte ihn 1912 einige Monate ans Krankenbett im Gaylord-Farm-Sanatorium. Es ist dasselbe Jahr, in dem auch das Stück angesiedelt ist, und zwar vor der Einlieferung ins Sanatorium. Dort las er „so ziemlich alle Klassiker“, einschließlich Nietzsche und Wedekind, und zwar in deutscher Sprache. Noch im Sanatorium schrieb Eugene 1913 sein erstes Drama „The Web“.

  Eine langen Tages Reise in  
 

Franz Pätzold, Oliver Nägele, Aurel Manthei

© Matthias Horn

 

Das Leben in der Familie O´Neill war ein unentwegter Kampf zwischen Anerkennungsbestreben, Schuldzuweisungen, Alkohol – und Morphiumsucht und schmerzlicher Trauer über Versagen und Scheitern. Und genau darum geht es auch in O´Neills Drama, das Thomas Dannemann auf die Bühne des Cuvilliéstheaters brachte. Johannes Schütz bereitete dafür eine große Spielfläche, die, an vier Seilen aufgehängt, ein schwankender Grund war, ständig in Bewegung, bar aller Sicherheit, allen festen Grundes. Das war prinzipiell eine durchaus akzeptable Übersetzung der Grundsituation des Stücks, wie sich im Verlauf des Abends herausstellte.

Dem Programmheft lag ein Zettel bei, der kommentarlos darauf verwies, dass die Rolle der Cathleen anstelle von Maya Haddad von Sinead Kennedy, der Souffleuse, übernommen werden würde. Offensichtlich hatte die Probenarbeit unter keinem guten Stern gestanden, denn unmittelbar vor Beginn des Spiels trat Aurel Manthei an die Rampe und tat kund und zu wissen, dass sich eine Schauspielerin verletzt habe und auf Krücken spielen würde. Gemeint war Sibylle Canonica, die die Mutter und Ehefrau Mary spielte. Vermutlich hätte niemand im Publikum Anstoß daran genommen, denn die Gehhilfen erschienen angesichts der Haltlosigkeit dieser Figur in ihrer täglichen Drogensucht und in ihrer nächtlichen peinvollen Schlaflosigkeit durchaus plausibel.

Das Spiel begann geradezu zärtlich, als Oliver Nägele in der Rolle des James Tyrone seiner Frau im Licht eines strahlenden Morgens Avancen machte. Und in der Tat klangen die Komplimente angesichts der (noch) strahlenden Sibylle Canonica aufrichtig und glaubhaft. Noch witzelte man über die Schwächen des anderen, doch als die Söhne dazu stießen, verfinsterte sich die Szene zusehends. Franz Pätzold als jüngerer Sohn Edmund Tyrone kämpfte mit einem  Husten, den man nicht mehr als grippalen Infekt herunterspielen konnte und der sich am Ende als eine handfeste Tuberkulose erwies. Den älteren Sohn James Tyrone Junior gab Aurel Manthei, verzweifelt angriffslustig und voller Schwermut. Er war es immer wieder, der in seiner rüden und ungestümen Art die Wunden aufriss, die Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit und dem momentanen Status voran trieb. So trat die Katastrophe der Familie Schicht um Schicht zu Tage und von dem idyllischen Bild des strahlenden Morgen blieb nichts mehr übrig.

Es ist ein großer Stoff, den Eugene O´Neill in eine kongeniale sprachliche Form gegossen hat. Der Realismus seiner Sprache setzt viele Facetten der Figuren und der Konflikte frei. Allein, an diesem Premierenabend konnte das Drama seine ganze Größe und seine Tragik nicht entfalten. Eine Katharsis gab es nicht; es blieb beim Anschauen. Thomas Dannemann war es nicht gelungen, die Konflikte so organisch ineinander zu verweben, dass eine durchgängige Spannung entstand. Die Wucht der Tragik konnten die Darsteller leider nicht entfesseln. Immer wieder kam es zu Spannungsabfällen, was z.T. auch dem Konzept der offenen Bühne geschuldet war, denn Dannemann hatte an der Rückwand der Bühne vier Spiegeltische aufstellen lassen, die gleichsam die Intimräume der einzelnen Personen darstellte. Dorthin zogen sie sich zurück, um ihren Part für sich weiter zu gestalten oder sich umzuziehen. Das lenkte nicht selten vom Geschehen auf der Schwebebühne ab. Zudem reichte der Spielraum bis in den letzten Winkel der Bühne, was die Wege sehr lang machte und der Akustik auch ebenfalls nicht zuträglich war.

Es ist ein intimes Stück, ein Orkan im Wasserglas, der an Tragik nichts offen lässt. Ein intimerer Rahmen wäre darum wohl angemessener gewesen, denn eine häusliche, vertrauliche Atmosphäre, und es wird oft genug von dem „fürchterlichen Haus“ gesprochen, kam nicht auf.  Sollte Regisseur Thomas Dannemann im Auge gehabt haben, mit dieser Unverbindlichkeit, mit der Abstraktion vom Persönlichen eine gesellschaftspolitische Dimension zu transportieren, und das überaus interessante und unbedingt zur Lektüre empfohlene Programmheft legt diesen Gedanken nahe, hat er den effizienten Weg nicht gefunden. Dieser lautlose Untergang einer Familie ist durchaus exemplarisch und man kann dem Publikum durchaus vertrauen, dass es in der Lage ist, die gesellschaftliche Relevanz und Dimension zu erkennen.

Die Bestuhlung des Cuvilliéstheater ist jedenfalls nicht geeignet, zwei Stunden und zwanzig Minuten pausenlos durchzuhalten, wenn die Magie des Spiels den Zuschauer seinen Körper nicht vergessen macht.

Wolf Banitzki


Eines langen Tages Reise in die Nacht

von von Eugene O´Neill
Deutsch von Michael Walter

Sibylle Canonica, Aurel Manthei, Oliver Nägele, Franz Pätzold

Regie: Thomas Dannemann

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