Cuvilliéstheater  Die Verlobung in St. Domingo von Heinrich von Kleist


 

Ästhetisch ambitioniert und wenig schlüssig

Im Jahr 1803 brach auf Haiti, der französischen Kolonie, auch „Perle der Antillen“ genannt, der einzige siegreiche Sklavenaufstand der bisherigen Geschichte unter der Führung des Generals Dessalines aus, unter dessen Befehl sich 30.000 Sklaven und freie Schwarze versammelt hatten. Die Zeitzeugen und Gazetten sprachen von ungeheuerlichen Massakern unter der weißen Bevölkerung. Tatsächlich aber zogen die Truppen der Aufständischen beinahe ausschließlich Franzosen, also Vertreter der Kolonialmacht zur Verantwortung. Ausgelöst wurden die Unruhen auf Haiti bereits 13 Jahre zuvor durch die Weigerung der weißen Plantagenbesitzer, den Beschluss der französischen Nationalversammlung von 1790, in dem der französische Teil der Insel die Autonomie zugestanden wurde, anzuerkennen. Daraufhin erhoben sich die mit brutalen Mitteln unterdrückten Neger – alle Sklaven wurden gemeinhin als Neger bezeichnet – unter dem Befehl Toussaint I`Ouverture und erlangte im Jahr 1798 durch die Erklärung des Direktoriums die völlige Freiheit und die gleichen bürgerlichen Rechte. 1801 erfolgte die Proklamation der Souveränität Haitis.

Napoleon Bonaparte, dem auch weiterhin an der Ausbeutung der Insel gelegen war, sandte ein Heer unter Führung seines Schwagers Leclerc auf die Insel, dem es gelang Toussaint vernichtend zu schlagen und als Gefangenen nach Frankreich zu überführen, wo er bald darauf im Fort de Joux starb. Auf den Versuch, die Sklaverei erneut einzuführen, kam es zu dem oben genannten Aufstand unter Toussaints ehemaligem Adjutanten Jean Jacques Dessalines, der die Franzosen von der Insel fegte und sich 1804 als Jakob I. zum Kaiser krönen ließ. Der Mann verkam selbst zum unbarmherzigen Despoten und fiel 1806 einer Verschwörung zum Opfer. Soviel zum historischen Hintergrund der Kleistschen Erzählung.

Deren Inhalt beginnt mit der Flucht des Schweitzers Gustav von der Ried vor den mordenden und brandschatzenden Truppen der Schwarzen. Ziel ist St. Domingo, von wo aus der Schweizer und seine Familie nach Europa heimzukehren hoffen. Doch Ried gerät in das Haus des besonders blutrünstigen Negers Congo Hoango und dessen Frau, der Mulattin Babekan. Die Bewohner des Hauses haben sämtliche Weiße, die sich hilfesuchend an sie gewandt haben, in die Wohnstatt gelockt und ermordet. Auch Gustav von der Ried soll dieses Schicksal beschieden sein, allein, der Hausherr Hoango ist für einige Tage in militärischen Unternehmungen außer Haus. Gustav, dessen zwölfköpfiger Familienanhang sich in einem unweit entfernten Wald versteckt hält, wird von der Hausherrin und deren Tochter, der Mestizin Toni umgarnt. Ein wichtiges Argument für das Vertrauen in die Gastgeber ist die Hautfarbe Tonis, deren leiblicher Vater ein reicher französischer Kaufmann ist: „Euch kann ich mich anvertrauen; aus der Farbe Eures Gesichts schimmert mir ein Strahl von der meinigen entgegen.“

Toni und Gustav verlieben sich ineinander, denn Gustav erkennt in dem fünfzehnjährigen Mädchen die Züge seiner einstigen Verlobten wieder, die für ihn auf dem Schafott gestorben ist. Gustav im Augenblick des Erkennens: „(…) ein Zug von ausnehmender Anmut spielte um ihre Lippen und über ihre langen, über die gesenkten Augen hervorragenden Augenwimpern; er hätte, bis auf die Farbe, die ihm anstößig war, schwören mögen, dass er nie etwas Schöneres gesehen.“ Immerhin, man bemerke: „… bis auf die Farbe, die ihm anstößig war…“ Es folgt eine nicht unerhebliche Anzahl von Wendungen und Ränkespielen, an deren Ende ein Missverständnis Gustav dazu bringt, die Waffe gegen Toni zu erheben und sie zu erschießen. Als er erkennen muss, dass er ihrer Liebe sicher sein konnte und alles nur zu seinem Besten geschehen war, richtet er die Waffe gegen sich selbst.

  Die Verlobung in StDomingo  
 

Mathilde Bundschuh

© Andreas Pohlmann

 

Regisseur und Musiker Robert Borgmann brachte die Geschichte als eine ästhetisch hochstilisierte Performance auf die Bühne, begleitet von sphärischer Musik und einer ausgefeilten Lichtregie. (Licht: Georgij Belaga) Robert Borgmann agierte selbst life als Musiker auf der Bühne, gewandet in einem Konterfei des Jazzmusikers John Coltrane. Über der Mitte hing ein gewaltiger Kronleuchter, der sich wie ein gigantischer Strahlenkranz spreizen und verengen ließ und herabgesenkt sogar Darsteller umhüllen konnte. Es wurde bereits vor der Vorstellung davor gewarnt, dass stroboskopisches Licht zur Anwendung kommen würde, was für sensible Augen durchaus schmerzhaft sein kann. Die Bühne war von einem umgehenden Vorhang begrenzt, der zuletzt von den Darstellern niedergerissen wurde und den nackten Bühnenraum sichtbar werden ließ. (Bühne Rocco Peuker) Der Sound Borgmanns hob die Geschehnisse auf der Bühne auf eine andere Wahrnehmungsebene; es blieb allerdings nicht aus, dass die Klänge für manche Ohren auch belastend wurden.

Borgmann erzählte die Geschichte nicht gradlinig, sondern verlieh ihr einen Rahmen. Mathilde Bundschuh und Marcel Heuperman traten nicht wie erwartet als Toni und Gustav auf, sondern gaben sich als Henriette und Heinrich zu erkennen. Gemeint waren Henriette Vogel und Heinrich von Kleist, die sich gemeinsam am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee bei Berlin das Leben nahmen. Borgmann sieht diese Tat in der im März bis April erstmals in der Berliner Zeitung der „Freimütige“ abgedruckten Erzählung vorweg genommen. Das ist eine recht gewagte These, zumal Kleist vermutlich bereits 1807 mit dem Thema ernsthaft in Berührung kam. Da weilte er nämlich als vermeintlicher Spion, am Berliner Stadttor aufgegriffen und nach Frankreich deportiert, kurzzeitig im Fort de Joux.

Mit Bildnissen auf den Kostümen legt der Regisseur immer wieder Interpretationsfährten. Bei dem Thema Flüchtlinge und Ausweisungen musste Horst Seehofer als Ballon herhalten. Aber auch Franz Fanon oder Jean Paul Sartre, der für Fanons Schlüsselwerk gegen den Kolonialismus das Vorwort geschrieben hatte, wurde bildhaft zitiert. Ebenso Opfer rassistischer Ausschreitungen in den USA und Anführer der haitianischen Revolution. Es waren ein Vielzahl von visuellen Zitaten, die sich allerdings kaum oder nur selten aus dem Spiel erschlossen. Dazu musste das Programmheft zu Rate gezogen werden. Plakativ wurde immer wieder der Satz zitiert und auch auf den Vorhang projiziert: „Der Tod ist die Maske der Revolution; die Revolution ist die Maske des Todes.“ Das schwängerte die Vorgänge, die nicht immer leicht nachzuvollziehen waren, mit Bedeutung, allein die Wirkung blieb weitestgehend aus. Tatsächlich war der Abend kein homogenes Ereignis, das in den Bann schlug oder durch den Fortgang der Geschichte fesselte.

Mathilde Bundschuh und Marcel Heuperman agierten physisch und stimmlich sehr aufwendig und engagiert. Doch zu viel verwirrte, erschien überflüssig und verhinderte die Kontinuität der Reise durch die Geschichte. Schwer bis unverständlich war bereits die Eingangsszene, in der die Sängerin Marie-Christiane Nishimwe, nachdem der Kronleuchter sie freigegeben hatte, von drei seltsamen, wie überdimensionierte eingefrorene Kaugummiblasen wirkende Figuren heimgesucht wurden, die ihr ganz augenscheinlich Gewalt antaten. Immerhin überzeugten die Auftritte der Kinder Vito Brown und Samuel Wilson O´Bryant (Alternierend: Cyril Philipp und Mimo Saine) als Nanky und Seppy, den unehelich gezeugten Kindern von Hoango. Ihre Pantomimen, die Protagonisten illustrierend, waren ein durchaus gelungener inszenatorischer Einfall.

Auch der Auftritt Thomas Schmausers als Michael war absolut sehenswert. Dabei muss angemerkt werden, dass beinahe jeder Auftritt von Thomas Schmauser sehenswert ist, denn er ist ein wahrer Magier und könnte wohl auch den Inhalt eines Telefonbuches zum Leben erwecken. Mit Michael war Michael Jackson gemeint. Als selbiger erstand Schmauser von der Bahre des Leichenschauhauses auf und erzählte, die bekannten Moves Michael Jacksons, wie den Moonwalk, tanzend, die Geschichte in ihren wesentlichen Zügen noch einmal. Immerhin, das Zitat machte Sinn, denn Micheal Jackson stand wie kaum ein anderer für das existenzielle Unbehagen, die vermeintlich falsche Hautfarbe zu haben. Unterm Strich muss jedoch eingestanden werden, dass der Inszenierung die Schlüssigkeit fehlte, die sie zu einem spannenden Theaterabend gemacht hätte. Die Ästhetik hat das Premierenpublikum sichtlich gespalten, denn vieles wird die unterschiedlichen „Geschmäcker“ sehr unterschiedlich angesprochen haben. Geschmack sollte zwar kein wichtiges Kriterium in einer Theaterkritik sein, doch an der Tatsache, dass es ihn in unterschiedlichster Ausbildung gibt, kommt man wohl nicht vorbei, wenn man das Publikum nicht ignorieren will.

 

Wolf Banitzki

 


Die Verlobung in St. Domingo

von Heinrich von Kleist

Mathilde Bundschuh, Marcel Heuperman, Marie-Christiane Nishimwe, Thomas Schmauser, Vito Brown, Samuel Wilson O´Bryant, Cyril Philipp, Mimo Saine, Robert Borgmann

Regie/Musik: Robert Borgmann

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