Cuvilliés Theater Idomeneus von Roland Schimmelpfennig


 

 
Der Mythos als ein Akt der Selbstunterwerfung

Die Wiedereröffnung des Cuvilliés Theaters war ein wunderbarer Tag für das Bayerische Staatsschauspiel und für die Stadt München. Nach vier Jahren Renovierungszeit ist das vor fünfzig Jahren wiedererstandene Rokkoko-Kleinod wieder zugänglich. Dass Intendant Dieter Dorn dem Augenblick besondere Bedeutung verleihen wollte, war nur verständlich. So brachte er Mozarts "Idomeneo" auf die Bühne, auf der die Opera seria 1781 das Licht der Theaterwelt erblickte. Obgleich sie heute eine der meistgespielten Opern ist, wollte Dieter Dorn die eigene Inszenierung nicht unkommentiert lassen.

Giambattista Varescos Libretto zu Mozarts Oper ist ganz im Geist der Zeit des Spätbarocks gehalten. Die Helden sind in ihrer Ausformulierung noch sehr dicht an den Homerischen Epen ausgerichtet. Neue Lesarten waren zu dieser Zeit eher die Ausnahme. So setzte Dieter Dorn mit "Idomeneus", einem Drama aus der Feder des zeitgenössischen Dramatikers Roland Schimmelpfennig, dieser Oper eine moderne Lesart entgegen. Und da diese sehr konträr ausfällt, schuf das Regieteam einen Gegenentwurf im wahrsten Sinn des Wortes.

 

 

 

 
 

Ulrich Beseler, Felix Rech, Arnulf Schumacher, Anne Schäfer, Ulrike Arnold, Stefan Hunstein, Lisa Wagner, Anna Riedl, Shenja Lacher, Helmut Stange, Sibylle Canonica, Eva Schuckardt, Heide von Strombeck, Stefan Wilkening

© Thomas Dashuber

 

 

Das Publikum saß auf der Bühne und lauschte sieben Darstellerinnen und sieben Darstellern, die aus ihrer Erinnerung heraus versuchten, den Mythos zu erzählen. Der Vorgang erinnerte sehr stark an die Theaterkunst der Antike. Die Darsteller traten als Chor, aber auch als Protagonisten auf. Sie deklamierten vornehmlich und ihr Focus war auf das Erinnern, das Wiederentdecken und auf das Entdecken der unvermeidlichen Widersprüche gerichtet. Hier wurde der inhaltliche Unterschied zur Mozart Oper offenbar, in der sich nach dramatischen Ent- und Verwicklungen letztlich alles zum Besten fügt. Nicht so bei Roland Schimmelpfennig. Hier weiß Idomeneus am Ende nur, dass er leben möchte. Wie es denn gelingen soll, bleibt offen. In Varescos Libretto ergeht der Götterspruch, der Idomeneo von seiner unmenschlichen Pflicht entbindet.

Regisseur Dieter Dorn entwickelte den Schimmelpfennig-Text in Zusammenarbeit mit Jürgen Rose zu einem erkenntnisreichen Dialog. Wann immer die Geschichte ins Stocken geriet, weil ihr die innere Logik fehlte, hielt man inne. ‚So kann das Gespräch nicht fortgehen,' hieß es sinngemäß und ein neuer Ansatz wurde versucht. Das Ergebnis war denn auch nicht so sehr von Bedeutung, vielmehr der Weg hin zum Mythos. Eines wurde in Schimmelpfennigs Text deutlich: Die Zeiten haben sich geändert. Gottes Wort (Metapher für das höhere Gesetz) findet Beachtung, ihm überlässt man allerdings nicht mehr die Wortführung in der Dramaturgie. Es wurde um Menschlichkeit gerungen und die zu erringen ist nicht leichter geworden, wie sich schnell herausstellte.

Idomantes Rettung fand, anders als in der Mozartoper, nicht wirklich statt. Er, der Sohn Idomeneus', war der Preis für die Errettung des von Troja heimkehrenden Vaters aus der Seenot. Der versprach Poseidon, das erste Lebewesen zu opfern, das ihm auf der heimatlichen Insel unter die Augen treten würde. Dass es ausgerechnet sein Sohn war, verlieh dem Konflikt das Schicksalhafte, das eine Geschichte zum Mythos werden lässt. Besonders konsequent verfährt Autor Schimmelpfennig mit der Geschichte auch nicht. Der magische Kreis der Unentrinnbarkeit blieb undurchbrochen. Zweifel, Gewissensnot und Lebenssehnsucht verströmen als letztes einen historischen Atem. Immerhin.

Da haben es sich die Zeitgenossen des Barocks leichter gemacht. Bei Varesco verzichtet der Meeresgott auf die Einlösung des Versprechens. Idomeneo räumt den Thron zu Gunsten seines Sohnes Idamante, der mit Ilia, einer trojanischen Königstochter, an der Seite fortan Kreta regiert. Ein Zeitalter, das des Urgroßvaters Minos, war zu Ende gegangen. Und nebenher erledigt sich auch gleich die Mykenische Tragödie, deren letzte mörderische Vertreterin Elettra zur Hölle fährt. (Siehe auch "Elektra" von Hofmannsthal im Theater Viel Lärm um Nichts)

Vermutlich ging es Roland Schimmelpfennig gar nicht darum, das Schicksalhafte des Mythos zu überwinden. Deutlich machte diese Inszenierung, wie der menschliche Geist sich selbst diese Schicksalhaftigkeit durch den Prozess der Mythenbildung auferlegt. Das wäre immerhin ein erster Schritt, den Antagonismus zu durchbrechen.

Was Dieter Dorn und die Seinen in den Zuschauerraum des Cuvilliés Theaters brachten, war ungewöhnlich aber durchaus logisch, es war Archaik und Moderne und es war unterhaltsam, denn kaum etwas ist so spannend wie die Homerischen Epen. Und wenn tatsächlich einmal etwas so spannend ist, dann ist es zumeist eine Adaption der Antike, in der eigentlich alle Geschichten erzählt wurden.

 
Wolf Banitzki

 

 


Idomeneus

von Roland Schimmelpfennig

Ulrike Arnold, Sibylle Canonica, Anna Riedl, Anne Schäfer, Eva Schuckardt, Heide von Strombeck, Lisa Wagner, Ulrich Beseler, Stefan Hunstein, Shenja Lacher, Felix Rech, Arnulf Schumacher, Helmut Stange, Stefan Wilkening

Regie: Dieter Dorn und Jürgen Rose, Tobias Löffler, Hans-Joachim Ruckhäberle, Rolf Schröder, Oliver Brunner
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