Forum 2 Der Lügner von Carlo Goldoni


 

Die Lüge, das Thema der Zeit

1750 schrieb Carlo Goldoni, der das italienische Stegreiftheater der Commedia dell’arte weiter entwickelte, die Komödie „Il bugiardo“. Blickt man 265 Jahre danach auf das Thema, so scheint kein einziger Tag zwischen der Entstehung und der Aufführung durch die Theatergrupppe Brett-á-Porter vergangen. Weder die Lüge, noch die Liebe haben ihren Reiz verloren und der Aberwitz des Lebens treibt unbeeinflusst von Moral und Gesetz seine Blüten. Ja, er wuchert geradezu auf vielen Ebenen.

In Venedig, der romantischsten aller Städte wird Rosaura, die Tochter des Doktors, von Florindo verehrt. Doch Florindo ist zu schüchtern um sich zu offenbaren und seine verdeckten Annäherungen schaffen Raum für den gewitzten Lelio. Und der versteht es geschickt und charmant sich nicht nur  in Rosauras Herz zu schwindeln. Amélie Fleur Henke spielte mit bemerkenswerter Präsenz den geübten Lügner, der, nie um eine überraschende Wendung verlegen, das Geschehen in seinem Sinn zu nutzen verstand. Um diese, Degen und Stöckelschuhe tragende Figur drehte sich wahrhaft das Geschehen. Und Florindo, Julian Tresowski, hätte sich zurückhaltend mit dem Satz „Wahre Liebe blüht im Verborgenen“ beinahe selbst verraten. Wäre da nicht der launige Brighella (grandios gestikulierend Paul Argyropoulos) gewesen, so zögerte der junge Florindo wohl heute noch. Seine Angebetete Rosaria (Anne-Katharina Bansemir) wirkte nicht nur durch die geflochtenen Zöpfchen herrlich naiv. Während ihre Schwester Beatrice (gespielt von Paul Argyropoulos) vorführte, dass Männer doch die besseren Frauen sind. Doch der brave Ottavio verehrte sie mit dem reinsten moralischen Anstand, den Elisabeth Treffler zum Besten geben konnte. Heinrich Blank lispelte sich als vom Leben gebeugter Pantalone, Kaufmann und Vater des Lelio, klischeehaft typisierend durch die Lügenwelt. Immer der Wahrheit hinterher schlurfend. Arlecchino, der Diener Lelios, wurde höchst lebendig, neugierig und doch eingängig von Doris Gruner verkörpert. Ihre maßvollen Überspitzungen sorgten für besonderes Vergnügen. Regisseurin Urte Regler war eine ausgewogene Inszenierung gelungen, in der das Ensemble seine Stärken in abwechslungsreicher Weise entfaltete.

  DerLuegner  
 

Amélie Fleur Henke, Heinrich Blank

© Brett-à-Porter

 

Die typischen Charakterzüge der Figuren stellte Goldoni in den Mittelpunkt der Werke, damit nahm er ihnen die schützende Maske der Anonymität, stellte sie bloß. Arlecchino der Diener, der um zu überleben jeden Schachzug mitmacht, sich anpasst, so wie es von Mitarbeitern heute verlangt wird. Pantalone der Kaufmann, der um rechtmäßige Anerkennung, wahrhafte Tatsachen ringt, um seine Geschäfte voran zu bringen. Der Doktor, den das Wohl der Menschen und seiner Töchter zu einem Spagat zwischen Überzeugung und Möglichkeit zwingt. Die junge Rosaura, die leicht zu betören dem Geschwätz hübscher Phrasen folgt, wie die Werbung sie verbreitet. Und Lelio der Lügner, der „Ausbund an geistreichen Einfällen“, mit denen er den geraden langweiligen Pfad des Lebens würzt. Die vorsetzliche Absicht der Täuschung zu erfahren, ist aktuell in jeder Bank möglich, daran ändert auch der dort verstäubte Glaube an das Gute wenig. Wie in der Commedia dell’arte ziehen sich die Figuren und Namen durch seine im Laufe des Lebens entstanden 150 Theaterstücke, gleich der Vererbung von Eigenschaften in der Tradition.

Erst wenn der Mensch erkannt hat, dass er immer nur sich selbst belügt, täuscht, und die Lüge stets auf ihn zurückfällt, wird er vielleicht beginnen die Dimension des Lebens zu erfassen. Wie schrieb schon Bertolt Brecht „Denn für dieses Leben / ist der Mensch nicht anspruchslos genug / drum ist all sein Streben / nur ein Selbstbetrug.“ Und man selbst bestimmt die fantastische Dichte zwischen Realität und Illusion. „Ihre Lügen sind fast wahr.“ , so Carlo Goldoni. Und, „die dumme Ehrlichkeit“ zwingt den Menschen höchstens vor neue Herausforderungen.

Das Theaterstück zeigte auf höchst unterhaltsame Weise, wie Mensch sich im Spiel versucht. Denn beim Happy End der Komödie bricht es ab und die folgenden Bilder, bei aller Liebe, werden ebenso bunt wie die voran gegangenen. Im Schlussbild und dem gemeinsam vorgetragenen Lied fand dies wahrheitsgemäß Ausdruck. Bei allem Ernst des Lebens, die Momente der Heiterkeit überwogen auf der Bühne. Das Publikum zollte dafür den verdienten begeisterten Applaus!

 

C.M.Meier

Weitere Vorstellungen: ...


Der Lügner

von Carlo Goldoni

Amélie Fleur Henke, Doris Gruner, Anna-Katharina Bansemir, Julian Tresowski, Elisabeth Treffer, Paul Argyropoulos, Heinrich Blank, Petra Wiese, Sabrina Schlenke, Hans Weiss
Gitarre: Hermann Fuchsberger

Regie: Urte Regler

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