Lichtbühne/Werkstattkino Novecento von Alessandro Baricco


 

Spiel der Wellen, der Noten, der Worte

Blau war das Band, das rund um die Bühne den Horizont des Meeres markierte vor der schwarzen Unendlichkeit. In der Fantasie der Betrachter tat sich sogleich die Weite des Ozeans auf. Ein Schiffskoffer und ein Barhocker verkörperten die „Virginian“, einen Dampfer der Mittelpunkt im Leben des berühmten, von Alessandro Baricco geschaffenen, Pianisten Novecento war.

Der Trompeter Tim Tooney heuert auf dem Ozeandampfer „Virginian“ an, um die Gäste und Auswanderer auf ihrer Überfahrt zwischen Europa und Amerika zu unterhalten. Hier trifft er auf den Pianisten Danny Boodman T.D. Lemon Novecento, der mit seinem grandiosen Stil zwischen Jazz und Volksmusik die Herzen aller Reisenden beswingt. Als Baby in einem Karton auf dem Schiff ausgesetzt, von dem schwarzen Matrosen Danny Boodman aufgezogen, hatte er noch nie Land betreten. Auch als der Ziehvater starb, weigert sich Novecento die „Virginian“ zu verlassen. „Ohne Geburtsurkunde, ohne eigenen Namen, ohne … alles gegen die Vorschrift …“, sagte der Kapitän des Schiffes und stand stramm in seiner Uniformjacke. Dann saß der Junge eines Tages am Klavier und spielte, spielte bis er 27 Jahre alt war und Tim der Trompeter auftauchte. Freunde werden die Beiden, als bei stürmischer See Novecento Tim überredet, die Bremsen an den Füßen des Klaviers zu öffnen und sie im Rhythmus der Wellen gemeinsam spielen, während der Flügel durch den Ballsaal der ersten Klasse driftet. Ein Abenteuer, wie es manche im Dasein gibt, deren Bestehen eine besondere, oder aber auch nur  eine ablenkende Herausforderung ist. So wie es Novecentos Spiel um die Harmonie der Wellen, die er in Musik überträgt, war. Denn das Abenteuer dieses Spiels macht sie zu Freunden fürs Leben.

Guido Verstegen betrat die Bühne als Tim. Im Hafen von Plymouth lag, etwa 30 Jahre nach ihrem Abenteuer, die „Virginian“ an der Mole. Besorgt und aufgeregt suchte er nach seinem Freund, der auch im Angesicht einer Ladung Dynamit seinen einzig sicheren Lebenshort nicht verlassen wollte. Noch einmal tauchten sie  ein in ihre Erlebnisse und für diesen letzten entscheidenden Besuch schenkte Novecento Tim seine Geschichte. Das Tempo der Erzählung wirkte wie die Fahrt auf dem Ozeandampfer, das Publikum mitnehmend als Passagiere. Mit dem Text, wie mit Musik zu bezaubern, gelang dem Schauspieler Guido Verstegen, der aus dem reichen Repertoire menschlicher Möglichkeiten schöpfte und dessen lebensnahe Mimik und Gestik die Gefühle spiegelte. Er beherrschte die unterschiedlichen Persönlichkeiten, wie die Protagonisten ihre Instrumente - vom lockeren Trompeter bis zum stocksteifen Kapitän, vom fürsorglichen schwarzen Matrosen bis zum empfindsamen Pianisten Novecento. Was mit Worten nicht gesagt werden konnte, war zu sehen, zu erkennen.

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 Guido Verstegen

© Ralph Malisch

 
Das Stück, zwischen Erzählung und Monolog changierend, wurde 1994 von Alessandro Baricco, dem bekannten italienischen Romancier verfasst und gilt als eines seiner erfolgreichsten Stücke, das in anderem Konzept auch verfilmt wurde. Fast könnte man denken, er hätte es Guido Verstegen auf den Leib geschrieben. So wie einst Thomas Bernhard das Stück „Ritter, Dene, Voss“ für die ihm bekannten Schauspieler des Burgtheaters zu Papier brachte. Denn Guido Verstegen schlüpfte auf der Bühne innerhalb von Augenblicken von einem Textkörper in den anderen, als wären ihre Charaktere und Stimmlagen allesamt Teil seiner selbst. Auch die kurzen Dialoge mit den unsichtbaren Figuren zeigten die Elemente seiner darstellerischen Stärke.

Wer eine kurzweilige Reise über den Ozean sucht, in eine Geschichte eintauchen möchte und zudem ein wenig Lebensphilosophie speichern, dem sei das Stück und die Inszenierung empfohlen - diese poetische Erzählung mit Nachklang.

 

C.M.Meier
 
Weitere Termine: lichtbuehne.de

Novecento - Die Legende vom Ozeanpianisten

von Alessandro Baricco

Deutsch von Karin Krieger

Guido Verstegen

Regie: Kerstin Weiler

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