Zentraltheater Immer nie am Meer von Bernd Steets


 

Käfighaltung

Es ist zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Und bei allem Witz könnte einem das Lachen auch schon vergehen. Denn wenn über ernste Situationen zu viel Komik verbreitet wird, so verschwimmen Lachen und Weinen zu einem undefinierbaren Gefühlsgemenge. Satire und Komik sind dann bisweilen auch Zeichen von Hilflosigkeit, der verfehlte therapeutische Ansatz Spannung aus einer Situation zu nehmen, wenn eigentlich angemessene Veränderung, Handlung gefordert wäre. Gesellschaftlich relevant?

Aus Rücksicht auf eine Frau, eine Nordic-Walkerin, die mitten auf der Straße läuft, verlässt der Fahrer die gesellschaftlich vereinbarte Fahrspur und verliert die Kontrolle über sein Auto. Gemeinsam mit seinen beiden Mitfahrern landet er im tiefen Wald, eingeklemmt zwischen Bäumen drehen die Reifen durch, glätten das Terrain. Ein Weiterkommen unmöglich, die Situation ausweglos. Das Fahrzeug, ein im Internet ersteigerter Gebrauchtwagen dessen ursprünglicher Besitzer Kurt Waldheim hieß und u.a. österreichischer Bundespräsident war, ist mit Sicherheitsglas gepanzert, somit vor der Außenwelt schützend und steckt fest. Treffender ist die allgemeine Weltlage kaum zu erkennen, benennen!

Ein Stahlkonstrukt, Lenkrad und drei Männer in Autositzen zogen die Aufmerksamkeit auf die Bühnenmitte. Es wurde dunkel im Raum und Schatten, Quietschen, Blubbern, Krachen war zu vernehmen, so dass es bei aller Tragik doch ein Lachen in die Gesichter der Zuschauer zauberte. Auf den Fernsehbildschirmen am Bühnenrand erschien, in schwarz weiß, das Bild von Bäumen. Die nächtliche Natur umfing die drei verunglückten Männer. Mühsam richteten sie sich auf, suchten Kontakt zueinander. Das eigentliche Drama nahm seinen Anfang. Regisseur Franz Josef Strohmeier stellte die Emotionen der Protagonisten ins Rampenlicht und damit auch den körperlichen Ausdruck. Mimik und Gestik trugen das Geschehen mindestens so deutlich wie der pointierte Text, denn ohne Worte war oft mehr gesagt. Christian Lex, Franz-Xaver Zeller, Norbert Ortner brillierten nachvollziehbar in ihren Rollen als richtig normale zeitgemäße Männer (das Schicksal spart keinen, aber gar keinen aus). Der Fahrer Baisch, Christian Lex versuchte sich im Verbreiten von Hoffnung: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man uns hier findet.“ Während sein Schwager Anzengruber, Norbert Ortner, resigniert die Zigarette zückte, die Mütze über den Kopf zog, um anschließend die Familie durch den Griff in die Pillendose erträglicher zu erfahren und sich von den Mustern der Vorväter zu verdrücken. Und dann auf dem Rücksitz der professionelle Unterhalter Schwanenmacher, der von seinem unvergessenen Jugendpartner träumte und zur Harmonika griff. Franz-Xaver Zeller verlor sich entrückt in der Poesie, die ihm Zeit und Raum füllte. Erleichtert lachend holte er Sekt aus dem Kofferraum hervor und verstaute danach das Durchgearbeitete darin. Das Groteske gipfelte im Versuch der Kontaktaufnahme zwischen der naivjungen Toni (Anna Tripp) im Wald und dem verzweifelt nach einer Lösung suchenden Doz. Dr. Baisch im Fahrzeug.

  IMMER NIE AM MEER von Bernd Steets Zentraltheater c Manuel Nawrot 5299  
 

Anna Tripp, Franz-Xaver Zeller,Christian Lex, Norbert Ortner,

© Manuel Nawrot

 

Eine scheinbar freie, gezielt trainierte Frau wandert auf den von den Männern gebauten Straßen, folgt diesen Wegen, nachdem es ihr gelang, den ihr zugewiesenen Platz in der Küche zu verlassen. Ob sie jemals das Meer erreichen wird, bleibt offen. Denn - „Wir sind hier.“ - „Immer nie am Meer.“ - heißt es im Stück und wir sitzen alle in geschlossenen ver-sicher-ten Autos. Wie facettenreich und, wie klein die Welt doch ist?

Die psycho-fokussierte Gesellschaft kennt offensichtlich nur ein Thema. Sigmund Freud hätte heute seine Freude an der Vielzahl von Fans und Followern. Einer Idee, wie seiner, mag durchaus Erkenntnis zu Grunde liegen, doch wenn wahre Gedanken ihre Verbreitung finden, so endet dies zumeist im tiefen Wörter Wald. Was dann geschieht, sagte am treffendsten Ödön von Horvath: „Ich denke ja gar nichts, ich sage es ja nur.“ Und schließlich bleibt nur der Humor, welcher über die finstere Seite kreisen und diese mit der hellen kollidieren lässt, wie in dieser unterhaltsamen „Psychogroteske“, verfasst von einigen erfahrenen Männer, Künstlern. Dass diese geschrieben und verfilmt im Jahr 2007, offenbart zudem den Status der festgefahrenen Lage! Die Inszenierung - das Nachstellen eines Autounfalls für Schaulustige - brachte es auf den Punkt und der Abend war ein erheiterndes kurzweilig sehenswertes Ereignis …..

C.M.Meier

 


Immer nie am Meer

Ein Theaterstück von Bernd Steets nach dem gleichnamigen Film von Antonin Svoboda

Drehbuch: Christoph Grissemann, Dirk Stermann, Heinz Strunk, Joerg Kalt, Antonin Svoboda

Christian Lex, Franz-Xaver Zeller, Norbert Ortner, Anna Tripp

Regie/Ausstattung: Franz Josef Strohmeier
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