Zentraltheater Absolute Giganten nach Sebastian Schipper


 

Wie groß ist die Welt

und wie viel möchte, kann einer davon erfahren? Die Geschichte spielt in Hamburg, dem Tor zur Welt, wie die Stadt auch genannt wird. Unzählige Schiffe und Menschen verlassen täglich hier Land und Hafen, begeben sich aufs weite Meer. Kommen sie jemals wieder zurück? Und die Zeit, sie verstreicht unaufhaltsam. Es gilt sie zu füllen, immer wieder, immer wieder aufs Neue und doch ähneln sich die Handlungen, die Erfahrungen. Sie ähneln sich, gleichen sich, gleichen sich an und sich doch nicht die Selben. In dem 1999 von Sebastian Schipper gedrehten Film (mittlerweile Kult) stehen Alltag, Freundschaft und Abschied zwischen drei jungen Männern im Fokus.

Das gleichnamige Theaterstück nach dem Film begann mit Musik, die begleitet von einem modifizierten Warnsignal in einer Wiederholungsschleife erklang. Floyd saß an der Rampe. beschrieb die Situation und sprach ruhig, zurückgenommen von dem am nächsten Tag bevorstehenden Abschied. Nachdem seine Bewährungsfrist abgelaufen war, hatte er auf einem Containerschiff angeheuert. Er wollte die Welt erkunden, um in ihr seinen höchsteigenen Platz zu finden. Ricco, der Rapper, suchte und fand die für ihn passenden Worte in dem angemessenen Rhythmus. Er ließ diese geradezu heraussprudeln, um Mann seiner Emotionen zu bleiben. Während Martin ein wenig ratlos dreinblickte, schließlich den Vorschlag machte, sich noch einmal gemeinsam die Nacht um die Ohren zu schlagen. Noch einmal Erlebnisse und gewohnte Abenteuer zu teilen, einander verbunden zu sein.

Über den Alltag und die Lebenssituationen veranschaulichte die Inszenierung weitergehend die einzelnen Charaktere. Ricco (Jonas Stenzel), Teil einer Großfamilie, jobbte am Schnellimbiss. Hektik und Missverständnisse prägten seinen Tagesablauf, in dem er immer wieder nach den passenden Worten suchte und schon mal von einem Kunden (Manuel Nawrot) besonders herausgefordert wurde. Eigentlich wollte er Entertainer werden, so richtig, auf der Bühne den coolen Auftritt hinlegen. Während Walter (Franz-Xaver Zeller) in einer Hinterhofwerkstatt als Lackierer arbeitete. Ein ruhiger praktischer Typ, der in seinem Hobby Autotunen- und fahren aufging. Wettrennen liebte er, und siegen, beispielsweise gegen den lederbekleideten Alpha-Fahrer (Manuel Nawrot) besonders. Sein Meister (Marysol Barber-Llorente) machte ihn schon mal kurz und klein, wegen Verwechslung von schwarzer Lackierung und Schwarzzahlung. Floyd (Sandro Kirtzel) stand zurückhaltend beiseite, still das Ende seiner Einschränkung abwartend. Der Alltag, die Nächte und der Sport im Club - mittels spaßiger Videoprojektion eingeblendet - schweißten die Drei zusammen.

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Jonas Stenzel, Franz-Xaver Zeller, Carolin Klema, Sandro Kirtzel

© Manuel Nawrot

 

Regisseurin Lea Ralfs setzte auf zeitgemäße Darstellung über die Betonung von Emotionen, mittels derer die Figuren greifbar näher rückten. Wie dies heute allgemein üblich, baute sie so die direkte Verbindung zwischen Schauspielern und Publikum auf. „Copyright auf Lustbarkeit.“ Ziemlich nah an der Filmvorlage und doch deutlicher Charakterzeichnung betonend, wurde eine neue Version auf die Bühne gebracht. Auch die ausgewogene Besetzung, vier Frauen, vier Männer war wohl dem aktuellen Zeitgeist geschuldet. In mancher Szenen unterschieden sich die Geschlechter hauptsächlich in der Höhe der Stimmlage, weniger im Habitus. Das ist bekannt und immer wieder für Lacher gut. Auch hier „sprang die Platte“ und die Momente erhielten zusätzlichen Raum für Widerhall. Klischees, Effekte und Gags im Maße eingesetzt, wirkten wie aufleuchtende Blitze der Kurzweil. Damit bot das Ensemble ausgewogenes Schauspiel auf hohem Niveau. Zwischen Schilderungen durch Floyd und aus dem Film übernommenen Dialogen bewegte sich das Geschehen voran. Der Crash mit der Elvis-Leuchtschrift und Elvis „persönlich“, tanzen im Club und das berühmten Kicker-Spiel sind die Highlights des Abends. Mit dabei Telsa (Carolin Klema), eine junge Frau aus Floyds Nachbarschaft, die eine wohl unvermeidliche Alkoholvergiftung überlebte und Süßes, Eis austeilte. Als seine Freunde frühmorgens an der Elbe einschliefen, griff Floyd zur Reisetasche um an Bord zu gehen.

Die drei Hauptdarsteller, allesamt bekannte Fernsehgrößen, wirkten durch ihre präzise Präsenz wie Publikumsmagnete und das durchaus berechtigt. Eine neue Generation erobert sich ihren Platz in der Wahrnehmung und auf den Bühnen, mit ihnen eine modifizierte Darstellungsweise und andere Schwerpunkte. Auch wenn die Geschichten, die kleinen und großen Dramen die Selben sind, so folgt doch die Umsetzung den Sichtweisen des Heute. Der Spielraum wandelt sich stetig und das bedeutet Bewegung, die Welt auf anderer Ebene erleben und wiedergeben. Es gelang den Dreien, ebenso wie im gesamten Ensemble das Publikum einzufangen, es mitzunehmen und ausgezeichnet zu unterhalten. Es war, als hätten sie das Geschehen, wie zitiert und musikalisch untermalt, in den lebendigen Momenten auf der Stelle springen lassen, um diese ins Gedächtnis festzuspielen.

C.M.Meier

Nachsatz - Zitat:
„Weißt du, was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenn’s so richtig Scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment.“

 


Absolute Giganten

Nach dem Film von Sebastian Schipper

Sandro Kirtzel, Franz-Xaver Zeller, Jonas Stenzel - Carolin Klema, Clara Hoffmeister, Julia Trautvetter, Manuel Nawrot, Marysol Barber-Llorente, Rena Glück

Regie: Lea Ralfs

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