Halle 7 Aufzeichnugen aus einer Doppelhaushälfte von Anna Behringer


 

 
Endl i c h

Örtl i c h: Eine Doppelhaushälfte nahm die Bühne ein. Küche, Schlafzimmer, Bad, Wohnzimmer und Ankleideraum konnte der, vor den Wänden sitzende Zuschauer durch die Fenster ausmachen. Es wurde Einblick geboten in die „gute deutsche Stube“ des Bürgerlichen, in der längst das Divergente, wie die Ankündigung es benennt, den Raum einnimmt. Kathrin Erhardt schuf ein Bühnenbild, welches auf hervorragendste Weise Stück und Inszenierung unterstützte.

Gedankl i c h: In kurzen, doch äußerst prägnanten und treffenden Szenen und Kurzdialogen griff die Autorin das auseinander Strebende auf. Stets stand ein lautes ICH gegen ein stilles ich. Es erstanden viele Bilder aus dem Alltag vor den Augen des Publikums. Bekannt, allzu bekannt und doch in einer Weise künstlerisch gebrochen, dass aus der täglichen Horrorshow ansatzweise Comedy wurde. Der Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts, welcher nur noch von den Mauern aufgehalten wird und den viele als Freiraum für die so genannte Individualität oder exakter den Eigensinn benutzen, frisst überdeutlich Löcher in die Gemeinschaft. Denn: Keine menschliche Gemeinschaft ohne Integration, keine Verbindungen ohne Vereinigung im Sinne kultivierter gelebter Regeln. Naturgegebenes Verhalten formt ein Rudel, keine Gesellschaft. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“, so die Bibel.

Anfängl i c h: Eine Mutter fährt mit ihrem Kind nach Hause. Sie wird aufgehalten und ... Nicole Wagner zeichnete im Wechsel den Dialog zwischen Mutter und Kind, differenzierte sprachlich und mimisch die Figuren. Nachbar gegen Nachbarin im Rechtsraum des Nachbarschaftsgesetzes - Marten Krebs erklärte voller berechtigter Rechthaberei der Nachbarin Birga Ipsen, welcher nur die Körpersprache und das Zurückweichen blieb, nicht nur die Pflanzregeln, sondern auch dass Sonne und Mond islamische Symbole seien. Die Jugendliche, Natascha Jugl, begehrte trotzig gegen die Mutter auf, wand sich zwischen waschen, schlafen und rauchen und gedachte Frau Merkel einen Brief zu schreiben – von Frau zu Frau, das müsse doch Sinn machen. Andrea Irlbeck suchte angepasst vorsichtig die Aufgaben des Betriebsrates zu ergründen, seine Abschaffung zu akzeptieren, und ob denn Besitz von Meinung mögl i c h  wäre. Die Mutter, Maike Specht, ging mit sorgenvoll hängenden Schultern vor dem Büro der Sozialarbeiterin auf und ab, harrte des Bescheides. Ihr Kind (erschreckend realistisch Natascha Jugl) war auffäll i c h, und lag während des Gespräches lieber unter dem Stuhl anstatt auf diesem zu sitzen.
Höchstl i c h:  Maik Möller, als bescheidwissender Psychologe mit eigenen häuslich familiären Problemen, erklärte der Mutter über eine Kinderzeichnung die Welt. Ungeniert bastelte er aus einer Ausflugserinnerung des Kindes, mit wissenschaftlicher Miene, einen Befund zur Familiensituation. Im Folgenden griffen die Szenen immer enger ineinander und eskalierten in Absurdität.

 
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Maik Möller, Maike Specht, Natascha Jugl, Marten Krebs, Birga Ipsen

© Hilda Lobinger

 

Vorgabl i c h: Regisseur Torsten Bischof baute auf körperlichen Einsatz und präzise ausgearbeitete Figuren. Dies machte sich sowohl in sprachlicher als auch in der darstellenden Gestaltung bemerkbar und die DarsellerInnen liefen zu Hochform auf. Auch meisterten sie Doppelbesetzungen mit Bravour und deutlichen Nuancen. Ein wenig mehr Leichtigkeit hätte aus der Inszenierung eine gute Comedy gemacht. Doch vielleicht spielt sich das noch ein.

Schließl i c h: Die kurzweilige Aufführung zeichnete sich durch Lebendigkeit und abwechslungsreiche Bilder aus. Die SchauspielerInnen, jeder auf seine ganz besondere Weise,  brillierten mit Präsenz und differenziertem Spiel. Ein empfehlenswertes Stück Theater.


C.M.Meier

 

 


Aufzeichnungen aus einer Doppelhaushälfte

von Anna Behringer

Birga Ipsen, Andrea Irlbeck, Natascha Jugl, Marten Krebs, Maik Möller, Maike Specht, Nicole Wagner

Regie: Torsten Bischof
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