Kammerspiele  Die Räuberinnen nach Friedrich Schiller


 

Party ohne Schiller

Schillers Drama „Die Räuber“ ist ein Epochendrama, ein Drama, das eine neue Epoche einläutete. In ihm nahm Schiller in einer Zeit von Monarchien, Adelswillkür und Leibeigenschaft die Entstehung des emanzipierten, freien Bürgers vorweg. Dass der Held scheiterte, scheitern musste, lag daran, dass er sich im Zustand der Rebellion befand und die ganze Welt gegen sich hatte. Seither sind gut zweihundert Jahre ins Land gegangen und Schillers Drama ist von den Theaterspielplänen nicht wegzudenken, da seine Postulate über alle gesellschaftlichen Entwicklungen hinweg gültig sind. Sie sind es vor allem, weil sich gesellschaftliche Entwicklungen nicht zwangsläufig in eine Richtung bewegen, sondern immer wieder auch einer Reaktion anheimfallen, die das Rad zurückdrehen möchte.

Somit kann man sagen, man habe mit Schillers Werk ein wahrhaft humanistisches Fundament, das, wenn wir es nicht verraten, uns in eine gute Zukunft geleiten kann. Zudem ist Schillers Werk genialisch, weil die handelnden Figuren in seinen Dramen authentische Menschen mit komplexen Charakteren sind, die immer auch, und das muss mit Nachdruck betont werden, gesellschaftliche Wesen sind. Schiller macht nie Psychologie ohne Politik und umgekehrt. Das qualifiziert ihn zu einem der bedeutendsten Dichter auf diesem Planeten. Aufgemerkt, wenn die Idee von einem vereinten Europa, dem bislang gewaltigsten Projekt der neueren Weltgeschichte, das Wort erhebt, dann heißt es zu den Klängen von Beethoven: „Freude schöner Götterfunken…“

Sollte man mit so einem Werk leichtfertig umgehen? Gewiss nicht. Und genau diese Frage drängt sich auf, wenn man die Arbeitsweise von Leonie Böhm betrachtet: „In ihren Arbeiten nimmt die Regisseurin Leonie Böhm sich immer wieder alte Klassiker vor, wirft komplexe Handlungsstränge über Bord und prüft in gemeinsamer Arbeit mit dem Ensemble den Text auf die in ihm verborgenen Themen und Emotionen, um sie im Hier und Jetzt der Aufführung hervorzubringen. So werden schon oft gesagte Worte wieder neu.“ Zwei Gedanken in diesem Zitat aus dem Programmheft zur Aufführung „Die Räuberinnen“ an den Münchner Kammerspielen reizen zum Widerspruch. „Komplexe Handlungsstränge über Bord werfen“ heißt, weitestgehend auf die Geschichte, also auf dass Essenzielle zu verzichten und Schillers Botschaft, den Grund dafür, dass er das Stück überhaupt schrieb und damit seine Freiheit riskierte, über Bord zu werfen. Ist das ein leichtfertiger Umgang? Schiller kann dazu nicht mehr befragt werden, aber man kann vielleicht davon ausgehen, dass er angeraten hätte, diesen Missbrauch zu unterlassen und doch gefälligst selbst eine Geschichte zu schreiben, die die Botschaft, um die es den Machern geht, in die Welt zu bringen. Die Frage nach eben dieser Botschaft steht auch noch im Raum!

Der zweite Einspruch gilt den beiden Wörtern „alte Klassiker“. Alt? Was ist damit gemeint? Alt im Sinn von reich an Jahren, lange genug tot, häufiger in analoger als in digitaler Form, wenn auch verstaubt, in den Haushalten zu finden? Oder alt im Sinn von überkommen? Unmodern, veraltete Sprache? Es gibt keine alte und neue Sprache, es gibt nur gute und reiche und banale und arme Sprache. Und wenn wir über Sprache reden, dann reden wir über das Denken, denn Sprache ist Ausdruck von Denken. Und was dieses Denken anbelangt, können die meisten heutigen Mitbürger den Klassikern nicht das Wasser reichen. Betrachtet man den momentanen geistigen Zustand unserer Gesellschaft, so kann man getrost davon ausgehen, dass die alten Klassiker verzweifelt die Köpfe schütteln würden, wenn sie in diese geistige Talsohle hinabschauten.

  Die Ruberinnen  
 

v.l.n.r.: Gro Swantje Kohlhof, Julia Riedler, Eva Löbau, Sophie Krauss

© Judith Buss

 

Wie auch immer, es ist erklärtes Konzept von Leonie Böhm, die Klassiker auszuschlachten, um Heutiges hervorzubringen. Sie hat Erfolg damit, wenn man dem frenetisch applaudierenden Premierenpublikum glauben darf. Dabei ist es nicht ganz leicht herauszufinden, worauf der Erfolg basiert. Ist es die Sprachgewalt der Texte, die über Schiller hinausgehen, wie zum Beispiel der Eröffnungssong? „Das ist meine Höhle, hier wohn ich / Komm rein, der Boden ist Honig / … / Hier bin ich immer Erster / denn ich war zuerst da / …“ Oder ist es der Erzählstrang, an dem sich die Darstellerinnen thematisch entlang hangelten, um am Ende zu einem ganzheitlichen Bild einer verbindlichen Aussage zu gelangen? Eher nicht, denn am Ende stand ein Glockenspiel, welches die Darstellerinnen auf ihren nackten Brüsten spielten. Vorab gab es ein Bodysurfing auf der gewässerten Bühne. Eine echte Gaudi. (Also nicht für jedermann.) Oder war es das ausgefeilte Rollenspiel der vier Damen? Die Frage erübrigt sich, da das Konzept an den Kammerspielen diese spätbürgerlichen Relikte wie Handwerk und Figurengestaltung nicht mehr unbedingt vorsieht.

Die Darsteller stellen nicht mehr dar, sie waren und darin schien der Erfolg begründet, denn hier wurde der Voyeurismus des Publikums konsequent bedient. Man fühlte sich verbunden, traf sich, wenn man sich wie pubertäre minderjährige Youtube-Influencer gerierte. Dabei spielte es auch keine Rolle, dass eine Ästhetik, also der bildhafte Ausdruck des Inhalts, überflüssig geworden ist, da ja die Darsteller so authentisch, so zum Anfassen waren. Immerhin, ein Bühnenbild gab es, bestehend aus einer riesigen Wolke, in der man sich auch schon mal einnisten konnte. Sie war zugleich Oszillograph der Emotionen, die in den szenischen Fragmenten und Bruchstücken vorgegeben wurden. Mal färbte sie sich Rosa, mal sonderte sie Rauch ab, als wolle sie sich verhüllen und einige Male weinte sie. Zuletzt so stark, dass das Bodysurfing splitterfasernackten Damen bis in das Publikum hinein möglich wurde.

Um noch einmal die oben gestellte Frage nach der Botschaft aufzugreifen, eine verbindliche Aussage ist schwierig. Vermutlich ging es darum auch gar nicht. Es ging vielmehr um eine emotionale Verbrüderung mit dem Publikum, um sich gemeinsam zu ermutigen, die „eigenen Fiktionen“ zu leben und endlich in die „Liveness“ zu starten. Eine Dimension kam überhaupt nicht vor, die gesellschaftliche. Man ist also mit seinen Bemühungen weit möglichst unter dem Anspruch von Schiller geblieben. Und das was man den Räubern so keck unterstellte, nämlich dass sie auf der Suche nach der Gemeinschaft waren, ist am Premierenabend aufgegangen. Publikum, Darstellerinnen und der endlose Aufmarsch der nicht sichtbaren Macher, sämtlich Frauen, waren für die Dauer der Vorstellung und des Applauses eine verschworene Gemeinschaft. Die Räuber bei Schiller waren kämpferische Parteigänger und kein Kuschelclub. Was in den Kammerspielen über die Bühne ging, könnte man auch Party nennen, und genau das ist es, was die Kammerspiele unter Matthias Lilienthal geworden ist, eine Partylocation. Ein weiteres Indiz dafür ist, dass einem als Kritiker Häme entgegenschlägt, wenn man sichtbar keine Begeisterung zeigt. So verhält es sich auf Partys zu fortgeschrittener Zeit, wenn man noch immer nüchtern ist.

Diese Inszenierung markiert einen weiteren künstlerischen Tiefpunkt an den Kammerspielen, auch wenn sie vielleicht ein Party Highlight war. Von der politischen und gesellschaftlichen Realität wurde man immerhin für achtzig Minuten befreit. Vielleicht sollte ein „alter Klassiker“ das letzte Wort haben, der zwei Tage zuvor bereits in der Kritik zur Inszenierung von „Amphitryon“ am Residenztheater zu Wort kam und sich auf Heinrich von Kleist bezog. Es war Goethe, der sich über „subjektivistische“ Tendenzen in der Kunst beschwerte: : „Jeder will für sich stehen, jeder drängt sich mit seinem Individuum hervor (…), alle verlieren sich im Vagen, und die das tun, sind wirklich große und entschiedene Talente, aus denen aber darum schlechterdings nichts werden kann.“

Es macht im Nachhinein schon nachdenklich, wenn man vor der Vorstellung von der Dame an der Garderobe zugeraunt bekam: „Es dauert eine Stunde und zwanzig Minuten. Er wird derb!“ Es war eine korrekte Aussage zum Abend.

Wolf Banitzki


Die Räuberinnen

nach Friedrich Schiller

Mit: Gro Swantje Kohlhof, Sophie Krauss, Eva Löbau, Julia Riedler / Live-Musik Friederike Ernst

Inszenierung Leonie Böhm
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