Marstall  Die vierzig Tage des Musa Dagh nach Motiven von Franz Werfel


 

Wer hat Angst vor dem Wort Genozid?

Der Untertitel des Theaterabends „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ lautete: Über Identität, Trauma und Tabu nach Motiven von Franz Werfel. Damit wurde deutlich, dass hier keine Romanadaption als Theaterstück über die Bühne gehen würde. Tatsächlich diente das Werk Franz Werfels vornehmlich als Stichwortgeber und tragende Szenen aus dem Roman gab es sehr wenige. Der Abend war ein weitgesteckter Diskurs zum Thema Genozid der Armenier, wobei über dieses Wort selbst auch diskutiert wird, denn, mit dieser Information endete der Theaterabend, nur zwanzig Staaten haben den Genozid an den Armeniern im Ersten Weltkrieg (1915-1918) als solchen anerkannt. Sowohl Deutschland, über eine Resolution zur Anerkennung soll zum Ärger des türkischen Staatschefs am 2. Juni 2016 im Deutschen Bundestag abgestimmt werden, wie auch die Türkei gehören bislang nicht dazu.

Im Marstall wurde in den zwei Stunden Spieldauer eine Menge verhandelt; es wurden gleichsam Zusammenhänge erläutert und dabei auch deutsche Verstrickungen offengelegt. Deutschland war im Ersten Weltkrieg militärischer Verbündeter der Türkei und verhielt sich überaus loyal gegen den Partner, selbst als Gesandte und Politiker von bis dato unvorstellbaren Gräueltaten gegen die Ethnie der Armenier berichteten. „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber die Armenier zu Grunde gehen oder nicht“, notierte der Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg am 17. Dezember 1915. An dieser Gleichgültigkeit hatte sich auch nach dem verlorenen Krieg nichts geändert, denn der Initiator des Genozids, der im Duumvirat regierende Talaat Bey, fand in Deutschland trotz seiner Verantwortung an dem Völkermord freundliche Aufnahme. Er war 1918 in Istanbul für seine Hauptverantwortung am Völkermord in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Talaat Pascha entging seinen Rächern jedoch nicht. Er wurde 1921 in Berlin von dem Armenier Soghomon Tehlirian auf offener Straße erschossen. Sämtliche andere Mittäter am Genozid wurden durch eine Generalamnestie  von Mustafa Kemal 1923 aus der Haft entlassen.

Auch Franz Werfels Roman, der nach intensivster Recherche im Jahr 1933 erschienen war und vom vierzigtägigen Verteidigungskampf von 5000 Armeniern auf dem Berg Musa Dagh und ihrer glücklichen Rettung durch ein französisches Kriegsschiff erzählt, wurde von den Nationalsozialisten umgehend verboten. Regisseur Nuran David Calis und sein deutsch-türkisch-armenisches Schauspielerensemble erzählten von der Entstehungsgeschichte und den historischen Hintergründen. Sie spielten Schlüsselszenen aus dem Roman und sie fügten ein Filmdrehbuch ein, in dem Augenzeugenberichte von individuellem Leid künden. Schauspielen war vor diesen Hintergründen mehr als schwierig und so erklärte Michaela Steiger in einem emotionalen Statement die Unmöglichkeit und die moralische Zwiespältigkeit, derartiges Leid „ausstellen“ zu wollen. Das war eine Aussage, die mögliche Kritik am Vorhaben vorbeugte und die Darsteller ehrlicherweise vor der Verlegenheit einer unglaubhaften Darstellung schützte. So blieb es sinnvoller Weise beim epischen Charakter der Aufführung.

  Die vierzig Tage des Musa D  
 

Ismail Deniz, Daron Yates, Michaela Steiger (Projektion)

© Konrad Fersterer

 

In der Einstiegszene erklärte sich der Türke, verkörpert von Ismail Deniz. Er steckte in dem Dilemma, als Türke am Pranger zu stehen, und dabei selbst die Wahrheit nicht zu kennen. Er las die zwei Seiten aus einem türkischen Gymnasialgeschichtsbuch vor, auf denen der ganze „Genozid“ abgehandelt wird. Die Lehrmeinung behauptete allerdings, dass die hochverräterischen Armenier hunderttausende Türken ermordet hätten. An diesem Punkt wird nachvollziehbar, warum sich viele Türken vehement gegen die Anklage des Völkermordes verwahren. Die Quellenlage ist dabei eigentlich unbestritten. Man muss sie nur studieren. Es wurden eine Vielzahl Texte von Demokraten und Potentaten, von Kriegstreibern und Hilfsorganisatoren, von Opfern und Tätern zitiert und es bedurfte keiner besonderen Fähigkeiten, Geschichte zu interpretieren, um zu verstehen. Warum also ist keine ehrliche Aufarbeitung möglich? Warum ist, wie von Bijan Zamani, der zuvor noch den Widerstandshelden des Romans, Gabriel Bagradian, gegeben hatte, aggressiv gefordert, keine Versöhnung der Völker und der Individuen möglich?

In einer Spielszene drängte sich eine dunkle Ahnung auf. Gemeint ist das fünfte Kapitel des Romans, „Zwischenspiel der Götter“, in dem das historisch authentische Gespräch zwischen dem deutschen Pastor Dr. Johannes Lepsius und dem Kriegsminister Enver Pascha, neben Djemal Pascha, der dritte „Jungtürke“ im Duumvirat, wiedergegeben wurde. Auf die Bitte Lepsius, über Hilfsorganisationen den bedrängten Armeniern vor Ort Hilfe angedeihen zu lassen, antwortet Enver Pascha: „Wenn ich einem Fremden gestatte, den Armeniern Hilfe zu bringen, schaffe ich einen Präzedenzfall, der die Einmischung fremder Persönlichkeiten und damit ausländischer Mächte anerkennt. Ich mache also meine ganze Politik zunichte, die ja die armenische Millet (Bezeichnung für nicht-islamische Minderheiten unter islamischer Oberherrschaft – Anm.W.B) darüber belehren sollte, welche Folgen die Sehnsucht nach fremder Einmischung hat. Die Armenier selbst würden sich nicht mehr zurechtfinden. Zuerst bestrafe ich ihre hochverräterischen Träume und Hoffnungen, dann aber sende ich einen ihrer einflussreichsten Freunde zu ihnen, um diese Hoffnungen und Träume wieder zu wecken. (…) Die Armenier müssen in uns allein ihre Wohltäter sehen.“ Die Argumentation erinnert an den Ministerpräsidenten Erdogan und die Kurdenfrage, die praktische Handhabung durch den türkischen Staat ebenso. Und nur zwei Seiten weiter stehen die geradezu prophetisch anmutenden Sätze aus dem Mund Talaat Beys: „Diese Deutschen fürchten ja nur das Odium der Mitverantwortlichkeit. Sie werden uns aber noch um ganz andere Dinge betteln müssen als um die Armenier.“

Es war kein Theaterabend des ästhetischen Genusses, sondern der bedrückenden Aufklärung. Die Bühne von Irina Schicketanz glich einem Laboratorium mit Schreibtisch und tackernder Schreibmaschine, einem Fotolabor, das die Bühne illustrierend mit frisch abgezogenen Fotos von den Gräueltaten und historischen Persönlichkeiten flutete und einer winzigen, von Paravents begrenzten Spielbühne, in der Kaffeehaus- oder Folterszenen angespielt wurden. Über der unteren Etage des Spielraums war eine 180-Grad Panoramawand angebracht, die beidseitlich historische  Fotos und Landschaften aufwiesen und in der Mitte eine freie Projektionsfläche vorhielt, auf die ausgewählte Vorgänge, Bilder und Szenen gebeamt wurden. Es war nicht immer leicht, sich in der Fülle der Informationen und Eindrücke zurecht zu finden. Doch dieses vermeintliche Chaos verdeutlichte auch das mangelhafte Wissen um diese sehr komplexen historischen Vorgänge, die, und das war eine nachdrückliche Forderung des Abends, nicht länger im Dunkel der Vergangenheit ruhen dürfen. Es war ein verstörender Abend, dessen hoher Wert auch in den aufgeworfenen und noch zu beantwortenden Fragen lag. Immerhin, schon an der Angst vor dem Wort Genozid erkennt man heute noch den Ausflüchtigen. Wie wird der Bundestag wohl entscheiden?

Wolf Banitzki


Die vierzig Tage des Musa Dagh

Über Identität, Trauma und Tabu
nach Motiven von Franz Werfel

Ismail Deniz, Friederike Ott, Michaela Steiger, Simon Werdelis, Daron Yates, Bijan Zamani

Regie: Nuran David Calis

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