Marstall  Der Mieter  von Roland Topor


 

Wenn die Dämonen kommen

Der stille Angestellte Trelkovsky ist auf Wohnungssuche. Als er endlich fündig wird, muss er feststellen, dass die Wohnung noch gar nicht wirklich frei ist. Die eigentliche Mieterin war aus dem Fenster der Wohnung gesprungen und lag nun im Krankhaus. Sie lebte noch. Also musste Trelkovsky warten. Endlich erreichte ihn die Nachricht, dass die Mieterin Simone Choule verstorben sei. Der Vermieter ist ein Mann der häuslichen Ordnung. Er erklärt Trelkovsky die strengen Regeln des Hauses. Trelkovsky ist willig, schließlich weiß er genau, wie schwer es ist, in Paris eine bezahlbare Wohnung zu finden und darum, so der Vermieter sinngemäß, sollte man alles daran setzen, die Wohnung auch zu behalten. Das klang schon mal wie eine Drohung. Trelkovsky stellt bald fest, dass die Nachbarn nicht einfach nur Nachbarn sind, sondern potentielle Feinde, die scheinbar alles daransetzen, Trelkovsky aus der Wohnung zu vertreiben. Das schärft Trelkovskys Sinne und bald macht er sonderbare Beobachtungen, die unerklärlich sind.

Es dauert nicht allzu lange und Trelkovsky ist sich sicher, dass ein Komplott gegen ihn im Gange ist. Seine Ängste steigern sich langsam und unaufhaltsam, bis er eine ausgewachsene Identitätskrise bekommt. Er ist sich sicher, dass man ihn ebenso wie die arme Simone in den Tod treiben will und er beginnt sich immer mehr in die Identität der Leidensgefährtin zu flüchten. Er trägt ihre Wäsche, ihre Kleider, eine Perücke und Lippenrouge. Einzige Verbündete die er hat, ist Stella, die Freundin Simones, mit der er eine Beziehung eingeht. Doch bald schon glaubt Trelkovsky auch in ihr eine Feindin und Beteiligte an dem Komplott gegen ihn auszumachen. Nun, gänzlich von allen verlassen und von der Schar der Verfolger immer mehr bedrängt, stürzt er sich aus dem Fenster und endet, wie zuvor Simone, im Krankenhaus. Dort muss er erleben, wie Stella und er selbst ihn besuchen. Ein entsetzlicher Schrei entringt sich seiner Kehle und hier schließt sich der Kreis, denn als Trelkovsky und Stella sich kennenlernten, geschah das am Krankenbett von Simone. Die, von Verbänden unkenntlich, sah Trelkovsky und schrie ebendenselben markerschütternden Schrei.

  Der Mieter  
 

René Dumont, Aurel Manthei

© Armin Smailovic

 

So erzählt es, hier in groben Zügen wiedergegeben, der Roman von Roland Topor und die Verfilmung durch Roman Polanski, der in seinem Werk die Rolle Trelkovskys selbst übernahm und eine grandiose Figur gebar. Es ist die Geschichte eines Mannes, der durchaus bereit ist, sich den gesellschaftlichen Regeln unterzuordnen, der aber bald erkennen muss, dass die Mitmenschen ihm nach und nach sein Leben nehmen. Die junge Regisseurin Blanka Rádóczy, inzwischen bekannt für ihre „somnambul aufgeladenen, atmosphärisch dichten Arbeiten“, schickte sich nun an, das Werk auf die Bühne des Marstalls zu bringen. Heraus kam eine Inszenierung, die ohne Zweifel düster anmutete und in der sich das Schicksal des Mieters Trelkovsky, wie von Topor entworfen, auch erfüllte. Dabei brachte Blanka Rádóczy einen gelungenen Einfall in das ebenfalls von ihr selbst entworfene Bühnenbild ein. Eine erhebliche Fläche der Bühne war mit einer großen Folie bedeckt, den Innenhof oder auch das Glasdach beschreibend, auf das sich Simone gestürzt hatte. Die Wohnung, um die es ging, war durch die Größe des Innenhofes (Plane) so dicht an das Publikum herangerückt, dass ein Gesamteindruck eines geschlossenen Bühnenbildes ausblieb. Das Spiel begann mit dem Auftritt des Vermieters Monsieur Zy, gespielt von Joachim Nimtz, der von Anna Graenzer gegebenen Concierge und einem Nachbarn namens Scope, dem René Dumont Gestalt verlieh. Sie glätteten gemeinsam die Plane und tilgten damit die Spuren des Suizides Simones. Mit eben dieser Handlung endete das Stück auch, die Spuren des Selbstmords Trelkovskys beseitigend.

Trelkovsky wurde von Aurel Manthei gespielt, der sich in Zurückhaltung und sensibler Reaktion an der von Polanski gestalteten Figur durchaus messen lassen konnte. Obgleich der Ton des von Joachim Nimtz gegebenen Vermieters Monsieur Zy, ob er forcierte oder nur in sich hineinsprach, stets wie drohendes Donnergrollen klang, brachte Aurel Manthei einen Trelkovsky auf die Bühne, der durchaus über Selbstbewusstsein und über ein gehöriges Maß an Freundlichkeit verfügte. Er ließ sich auch nicht aus der Reserve locken, als der von René Dumont gegebene penetrante und Trelkovsky fortwährend auflauernde Nachbar, ihn zum Widerstand gegen das rigide System der lebensunterdrückenden „Wohngemeinschaft“ geradezu aufzuwiegeln versuchte. Marginal blieb indes die Erscheinung der von Cynthia Micas gespielten Stella. Im Grunde war sie die am schwersten einzuordnende und zu verstehende Figur.

Blanka Rádóczy hatte die Geschichte auf gerade einmal eine Stunde eingedampft. Hinzu kam, dass die Inbesitznahme der Wohnung, beschrieben durch zunehmend ritualisierte Vorgänge, beinahe ein Viertel dieser Zeit in Anspruch nahm. Danach erst begann sich der Konflikt aufzubauen. Von der komplexen Geschichte Topors wurden im Wesentlichen nur einige äußere Vorgänge beschrieben, die dennoch nicht zum Verständnis der ganzen Geschichte reichten, wenn man die beiden Vorlagen, Roman und/oder Film, nicht kannte. „Somnambul aufgeladenen“ war die Geschichte bis zu einem gewissen Grad. Zum einen durch das Licht (Martin Jedryas), zum anderen durch gespenstische Figuren, die die Nacht und auch die Fantasie Trelkovskys bevölkerten. Das Attribut „atmosphärisch dichte Arbeit“ kann man dieser Inszenierung nur bedingt zusprechen. Zu karg, zu sporadisch war das, was von der Geschichte übrig geblieben war und zu dünn die Psychologie, die die Vorgänge bis hin zum Suizid Trelkovskys erklärte. So griff die Geschichte nicht hinreichend und die eine Stunde Spieldauer fühlte sich nicht kurzweilig an. An den Leistungen der Schauspieler lag es indes nicht.

Es ist ohne Zweifel ein aktuelles Thema, denn ein Mieter ist, verfügt er nicht über finanzielle Mittel im Übermaß, heute zuallererst ein Bittsteller, der, wenn er nicht genügend Devotheit mitbringt, vielleicht sogar noch Forderungen stellt, ganz schlechte Karten bei einer Wohnungsvergabe hat. Es ist ja auch hinlänglich bekannt, dass Vermieter demütigende Regeln und Forderungen aufmachen und bisweilen sogar bis zu sexueller Nötigung gehen. Doch das ist alles nur der Ausgangspunkt für die Erzählung von Topor. Die Geschichte ist ein großes psychologisches Drama, das auf dem Nährboden der beschriebenen Zustände gedeihen kann. Düstere Bilder allein genügen da nicht. Da braucht es feinfühlige, psychologisch ausgefeilte Szenen und den spielerischen Raum, um das Grauen wachsen zu lassen und vor allem, um die Geschichte zu verstehen, denn Topors Geschichte ist nicht abwegig. Wenn die Dämonen kommen, geschieht Unerhörtes. Leider ist es den Machern nicht gelungen ein ganzheitliches, in sich schlüssiges und logisches Bild von der Auferstehung der Dämonen zu schaffen.

Wolf Banitzki


Der Mieter

von Roland Topor
Deutsch von Wolfram Schäfer

Aurel Manthei, Cynthia Micas, René Dumont, Joachim Nimtz, Anna Graenzer

Regie: Blanka Rádóczy
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