Marstall  Lulu von Frank Wedekind


 

Bis hierher und nicht weiter

Lulu ist keine konkrete Frau. Lulu ist eine Frau an sich, nämlich der Typus Frau, der sich aus der Summe aller männlichen Begehrlichkeiten (auch feuchten Träumen) herauskristallisiert hat. Frank Wedekind war überaus kompetent, diese Frau zu erschaffen, denn mit eben jenen Sehnsüchten und Begehrlichkeiten kannte er sich aus. Er führte Tagebuch über seine sexuellen Eskapaden. Die Tatsache, dass er dieses Werk, das er eine „Monstretragödie“ nannte, über zwanzig Jahre lang erschuf, zuletzt noch nach der Uraufführung einen Prolog verfasste, beweist, dass dieses Thema eine „never ending story“ war und es wohl auch noch ist. Interessant zu wissen wäre, ob die Frau als das obskure Objekt der Begierde des Mannes so überhaupt möglich ist. Unterhaltsam ist das Thema allemal.

Regisseur Bastian Kraft hat die Probe aufs Exempel gemacht und das Drama von Wedekind als kommentierte Ausgabe auf die Bühne des Marstalls gebracht. Das Ergebnis, soviel sei verraten, ist ernüchternd, zumindest für die Männerwelt. Denn tatsächlich entwickelt Lulu, hier von drei wirklich starken Frauen verkörpert, mehr eigenen Willen und mehr analytische Fähigkeiten, als Mann bereit ist zu akzeptieren oder gar zu ertragen. Der wahre Kick für den Mann, sie hat es schlichtweg nicht besser verdient, ist doch das tödliche Schicksal eben jener großen Verführerin, da Mann sich selbst gern nur als schwach, die Verführerin jedoch als abgrundtief verdorben und mit Vorsatz handelnd sieht. Das entschuldigt den Mann vermeintlich ein stückweit, zumindest in seiner eigenen lächerlichen Vorstellung.

Die Geschichte Lulus ist eine Aneinanderreihung von Ehen und Amouren, wobei die Frauenfiguren fleischgewordene Leidenschaften, die Männer hingegen leidenschaftliche Denker sind, denen jedoch ihre zweite Leidenschaft, die Frauen, immer wieder ein Bein stellen, so dass sie mit ihren Gedanken nie zu Ende kommen. Wedekinds Gesellschaft ist mehr ein zirzensisches Panoptikum als eine gute bürgerliche Ordnung. „Was seht ihr in den Lust- und Trauerspielen?! Haustiere, die so gesittet fühlen. (…) Das wahre Tier, das wilde, schöne Tier, das – meine Damen! – sehn Sie nur bei mir.“ Das „Tier“ vorzuführen erbaute seit 120 Jahren vornehmlich die Männer. Was aber, wenn die Lulu in gleich drei Ausführungen die Regie übernimmt? Und nicht nur das! Was, wenn sie dabei selbst auch noch die Rollen der männlichen Protagonisten übernimmt? Da wird einiges geradegerückt!

  Lulu  
 

Charlotte Schwab, Liliane Amuat, Juliane Köhler; Charlotte Schwab (projiziert im Hintergrund)

© Birgit Hupfeld

 

Liliane Amuat, Juliane Köhler und Charlotte Schwab betraten in Frack und Zylinder, also sehr maskulin gewandet, die Bühne und erklärten, dass sie nicht bereit seien, sich zu entkleiden, niederzuknien oder zu sterben. Aber, und hier kam schon die erste Verwirrung auf, dann erklärten, sich vorstellen zu können, wie das Publikum eben dies tun würde. Das Spiel begann und ehe man sich recht vorstellen konnte, wie sich die Szenen gestalten würden, fanden sich die Zuschauer in einem verblüffenden Schattenspiel auf der großen weißen Rückwand der Bühne des Marstalls wieder. (Bühne Peter Baur) Darin wurde die Lulu als die Gattin des Medizinalrates Dr. Goll, ein alter und sehr eifersüchtiger Mann, eingeführt, die gerade beim Kunstmaler Schwarz Modell stand und diesen über die Maßen erregte. Es kam, wie es kommen musste und als Goll die beiden in brünstiger und unzweifelhafter Konstellation ertappte, fiel dieser tot um. Kaum war die Witwe mit einem Erbe von einer halben Million mit dem Kunstmaler Schwarz verheiratet, betrog sie ihn auch schon mit dem Chefredakteur Dr. Schön. Nebenher hielt Lulu den Bettler Schigolch, einen zynischen Gossenphilosophen aus. Bald schon wurde ruchbar, dass der finstere Mann ihr Vater ist und sie Schwarz mit Schön betrog. „Seit ich dich habe, habe ich nichts mehr!“, sprach der Kunstmaler und schnitt sich mit dem Rasiermesser die Kehle durch.

Schön, der sich gerade anschickte, eine ordentliche Ehe mit einem gesellschaftsfähigen Mädchen zu schließen, wurde von Lulu umgestimmt. Also heiratete er Lulu und bald schon wimmelte das Haus voller Liebhaber. Als Dr. Schön erkennen musste, dass sogar sein eigener Sohn ein Nebenbuhler war, kam es zum Äußersten und Lulu erschoss den Gatten. Es folgten Gefängnis und mit Hilfe der lesbischen Verehrerin Gräfin Geschwitz auch die Flucht. Der Plan einer artistischen Supernummer mit dem Artisten Rodrigo Quast scheiterte und mit Schigolchs Hilfe kam Lulu nach Paris, wo sie Alwa Schön, ihren einstigen Stiefsohn heiratete. Der kriminelle Sog verstärkte sich stetig und zuletzt landete Lulu in London auf dem Straßenstrich, wo sie zuletzt dem Lustmörder Jack the Ripper begegnete, mit tödlichen Folgen.

So steht es geschrieben im Stück von Wedekind, doch nicht in der Inszenierung von Bastian Kraft, der seine Ästhetik im Verlauf des Stückes stetig vorantrieb. Die Lulu-Darstellerinnen begegnen den Männern und auch der Gräfin Geschwitz in Persona, eingespielt per Video. (Video Kevin Graber) Faszinierend und häufig in Erstaunen versetzend war die Tatsache, dass sie sich selbst in der Verkleidung der jeweiligen Männer begegneten. An dieser Stelle müssen unbedingt die Maskenbildner Christian Augustin und Lena Kostka erwähnt werden, die eine sensationelle Arbeit ablieferten. Nicht nur, dass es zum Teil sehr schwer auszumachen war, wer sich hinter den Masken verbarg, sie wurden zudem in Übergröße auf die Leinwand projiziert, so dass die Gesichter wie unter einer Lupe erschienen und auch dieser Nahsicht hielten die Masken grandios stand.

Es sei daran erinnert, dass die drei Lulus versprachen, sich nicht auszuziehen, niederzuknien oder sich töten zu lassen. Daran hielten sie sich und stoppten an der entscheidenden Stelle: Bis hier und nicht weiter! Zuletzt erlaubte sich Bastian Kraft noch eine Lulufantasie, die einen Schauder verursachte. Lulu wünschte sich nämlich, in die Rolle von Jack the Ripper zu schlüpfen, um den Männern den Garaus zu machen, sie mit einem Rasiermesser ihrer Genitalien zu berauben, um diese als Trophäen in Formaldehyd in einer Vitrine aufzubewahren. Tatsächlich ist dieses Bild eine logische Konsequenz aus allen vorangegangenen Geschichten, in denen Lulu immer mehr zum männermordenden „Monstrum“ wird. Doch hält die Geschichte Wedekinds nicht stand und verrät sich als das was sie eigentlich ist, eine zirzensische Attraktion, die maßlos übertreibt und sich im erotischen Nervenkitzel gefällt. Die Männer, nun aus der Sicht einer Frau gestaltet, geben lächerliche und peinliche Figuren ab.

Weder den drei wundervollen Darstellerinnen, die einmal mehr demonstrierten, welche Magie dieser Kunst innewohnen kann, noch dem Konzept und der Regie von Bastian Kraft kann widersprochen werden. Die innere Logik, die die Geschichte deutlich glaubhafter machte als die überdrehte „Monstretragödie“ von Wedekind, war stimmig und überzeugend. Dabei kann Bastian Kraft nie vorgeworfen werden, er habe Wedekind umgekrempelt oder gar beschädigt. Er hat ihn kommentiert und auf eine nachvollziehbare weibliche Ebene transponiert.

Diese Inszenierung ist ein Muss, denn selten sah man eine so kluge, gewitzte und ästhetisch aufregende Inszenierung dieses Stückes, das sich auch „Die Büchse der Pandora“ nennt. Diese Pandora, wenn dieser Name überhaupt noch Gültigkeit behält, bekam gleich drei wundervolle Gesichter: das von Liliane Amuat, Juliane Köhler und Charlotte Schwab, die den Männern und natürlich auch den Frauen das Weibliche an sich und im Besonderen nachhaltig erklärten.

Wolf Banitzki

 


Lulu

von Frank Wedekind
in einer Bearbeitung von Bastian Kraft

Mit: Liliane Amuat, Juliane Köhler, Charlotte Schwab

Inszenierung: Bastian Kraft
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