Metropoltheater Abgesoffen von Carlos Eugenio López


 

Nicht hilfreich

Welche Wirkung haben angeschwemmte Leichen von Flüchtlingen? In jedem Fall doch eine abschreckende, sollte man glauben. Ist aber nicht so, wie die Realität zeigt. Als der 1954 geborene Spanier Carlos Eugenio López im Jahr 2000 seinen in Dialogform verfassten 180seitigen Roman herausbrachte, mag das noch anders gewesen sein. Heute sind die Flüchtlingsströme dergestalt, dass ein paar hundert Tote, die im Mittelmeer treiben, „vernachlässigbar“ und kaum mehr als eine dreizeilige Nachricht „wert“ sind. Das nennt sich Inflation und findet nicht nur in der Ökonomie statt. Für López sind tote Maghrebiner, damit sind vor allem die Bewohner der drei nordafrikanischen Staaten Tunesien, Algerien und Marokko sowie Libyen und Mauretanien gemeint, feste Größen eines Geschäftsmodells. Tot im Meer bedeuten die „Moros“, lasst ab von der gefährlichen Flucht, aber auch, Spanien (oder inzwischen die europäische Union) ist nicht euer Land. Arbeitnehmer sind zwei namenlose Killer, die die „Moros“, wie sie sie nennen, einfangen, in der Badewanne mit Salzwasser ertränken und anschließend in die Meerenge von Gibraltar werfen, wo die Polizei die Leichen dann findet.

Den 29sten toten „Moro“ im Kofferraum, fahren sie in Richtung Süden, um ihr Geschäft zu Ende zu bringen. Dabei entspinnt sich zwischen den beiden ein Gespräch, das im Grunde nur ein Ziel hat: Rechtfertigung. Ausgehend von der Gewissheit, dass Spanien den Spaniern gehört, spulen sie das ganze Repertoire nationalistischer und rassistischer Plattitüden ab. „Wenn man in ein anderes Land will, muss man erst einmal um Erlaubnis bitten. Und wenn man es nicht tut, muss man die Konsequenzen tragen.“ So einfach ist das. Und weiter: „Schuld an unserer Misere sind die achthundert Jahre, in denen die verdammten Moros hier waren.“ Dabei wird durchaus eine gewisse Selbstkritik deutlich, dass ihr Tun nicht unbedingt moralisch ist. Unter den Toten waren auch „Moros“ mit blauen oder grünen Augen. Diese Feststellung erzeugt tiefes Unbehagen. „Das sind Menschen“, gibt einer zu bedenken. „Wie man´s nimmt“, entgegnet der andere. „Sind Moros etwa keine Menschen?“ – „Schon, aber nicht Menschen wie du und ich.“ Die Argumentation: „Das ist so, als würde man sagen, Getafe ist ein Fußballclub. Das kann schon sein. Aber sind Madrid und Barcelona das deshalb auch? Nein, Madrid und Barcelona sind Madrid und Barcelona, und Getafe ist ein Haufen Hühnerkacke.“ Nein, von Schuld kann keine Rede sein, denn es ist ein Job, möglicherweise sogar vom Staat bestellt, und wenn sie es nicht machen, machen es andere.

Unaufgeregt ging es zu, wenn Christian Baumann und Thomas Meinhardt während der Fahrt vor sich hin schwätzten, sich zwischen Geschichte, die sie nicht kennen, über Politik, zu der sie sich nicht bekennen, bis hin zur Literatur, die sie nicht gelesen haben, mit Phrasen, dünner als die Abgase ihres Autos, durch die Zeit hangelten. Dennoch kamen sie sich irgendwie näher, denn sie hatten, wie sie sich selbst eingestehen mussten, keinen anderen Menschen. Killer A (Christian Baumann) war von seiner Freundin verlassen worden und Killer B (Thomas Meinhardt) hatte seine Mutter, die einzige Verwandte, seit Jahren nicht mehr gesehen. Irgendwie fühlte sich vieles nach Albert Camus „Der Fremde“ an. Der Tod war allgegenwärtig, praktisch wie hypothetisch. Was wäre, wenn sie durch einen Unfall querschnittsgelähmt wären? Sie schafften es gleichwohl, sich gegenseitig das Versprechen abzuringen, dass einer den anderen mit einer Kugel erlösen würde. Soviel „Menschlichkeit“ war immerhin möglich.

Verhandelt werden im Roman in großer thematischer Breite die Abgründe der Moral. Dabei muss die Fassung von Alia Luque, die das Buch in einer knapp 1 ½ stündigen Inszenierung auf die Bühne des Metropoltheaters brachte, auf eine nicht unerheblich Zahl von Themen verzichten, beispielsweise auf das Thema Flüchtlinge und sexuelle Ausbeutung. Da fällt schon mal so ein sarkastischer Satz wie: „Eine Nutte, die sich nicht spezialisiert, kommt auf keinen grünen Zweig.“ Dennoch berührte und beeindruckte die Textauswahl auch in der vorliegenden Fassung durchaus. Leider konnte das von der szenischen Umsetzung nicht in dem gleichen Maße gesagt werden. Christian Baumann und Thomas Meinhardt gelang es tatsächlich, trotz ausuferndem Sarkasmus und überbordender Ignoranz sehr menschliche Figuren auf die Bühne zu bringen. Trotzdem wollte sich keine szenische und räumliche Magie einstellen, die den Zuschauer in sich aufsog. Obgleich die Männer laut gesprochenem Text in einem Auto saßen, standen sie auf der Bühne weit auseinander an den beiden Seiten einer großen Leinwand. Die eigentlich intime Situation  des Fahrgastraumes eines Autos fand nicht statt. Vielmehr verlangte die räumliche Situation vom Zuschauer, während des Dialogs mit den Augen ständig hin und her zu wandern wie bei einem Tennisspiel. Hier wäre eine andere Lösung wohl effektiver gewesen. So blieb es mehr eine Hörspiel- als eine Schauspielinszenierung.

Die Leinwand kam zwei Mal zum Einsatz. Zu Beginn suggerierte ein vorbeiflitzender Mittelstreifen die Fahrt auf einer Landstraße. Das wies sinnfällig auf die gespielte Situation hin. Am Ende wurde ein Video abgespielt, das mit einer Handycam über weite Strecken aus einem Auto aufgenommen worden war. In diesem Video war die nächtliche Ankunft einer großen Zahl junger Schwarzafrikaner auf dem spanischen Festland zu sehen, die über das Glück, europäischen Boden betreten zu haben, in einen geradezu hysterischen Freudentaumel gerieten. Dieses Video war verwirrend, verstörend und auch durchaus beängstigend. Die explosionsartige Entladung dieser Freude war gewaltig und es drängte sich unweigerlich die Vorstellung auf, was wohl geschehen wird, wenn diese Menschen feststellen müssen, dass diese Gesellschaft sie nicht freundlich empfangen und sie Menschen zweiter Klasse bleiben würden. Wird dann diese ungeheure, unbändige Kraft in Gewalt umschlagen? Neben dem Ruf „FC Barcelona!“ war immer wieder der Satz zu hören: „Mit Afrika bin ich fertig! Nie wieder Afrika!“ Was wird passieren, wenn sie feststellen müssen, dass es eine Illusion ist, dass sie selbst immer Afrika sein werden?

Mit diesem Video ging ein zusätzlicher Riss durch die Inszenierung. Am Ende war man durch die enormen Fliehkräfte der Bilder gänzlich aus der literarischen Geschichte um die beiden Mörder herausgeschleudert worden und verließ das Theater mit einem ziemlich diffusen Gefühl, das kein gutes und wenig hilfreiches war bei der eigenen Orientierung.

Wolf Banitzki

 


Abgesoffen

von Carlos Eugenio López

Christian Baumann und Thomas Meinhardt

Regie: Alia Luque

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