Metropoltheater  Das Abschiedsdinner von Matthieu Delaporte & Alexandre de La Patellière


 

Freunde

Was ist ein Abschiedsdinner? Ein Abschiedsdinner ist quasi ein letztes Abendmahl. Danach wird man sich nie wieder begegnen. Boris gilt als der Erfinder dieser Einrichtung und Boris hat auch die Regeln dafür entwickelt. Gekocht wird das Lieblingsessen der Gäste, denn sie sollen sich wohl fühlen. Man kramt die Geschenke hervor, mit denen man von den Abschiedskandidaten beschenkt wurde und kauft einen Wein aus dessen oder deren Geburtsjahr. Die Lieblingsmusik der Freunde wird aufgelegt. Es soll unbedingt ein Highlight in der Geschichte der Freundschaft werden, die mit dieser Veranstaltung ein für allemal endet.  Pierre und Clotilde wollen ein solches Abschiedsdinner für Bea und Antoine geben, die natürlich nicht wissen, dass es ein Abschiedsdinner ist. Pierre hält das Dinner für unumgänglich, denn er hat statistisch errechnet, wie viel Freizeit Freunde oder auch vermeintliche Freunde in Anspruch nehmen oder einem gar rauben. Zu viel! Also muss analysiert und ins Visier genommen werden.

Der Abend ist gekommen. Antoine ist gekommen, Bea nicht. Das ist fatal, denn damit ist es kein echtes Abschiedsdinner. Bea, kreative Theatermacherin ihres Zeichens, hat gerade eine Performance im öffentlichen Raum und ist unabkömmlich, auch wenn sich nur 17 Zuschauer eingefunden haben. Antoine  bedauert nicht, redselig übernimmt er auch Beas Zeit und spricht von seinen Therapien, seiner Dissertation, deren Thema er nach 12 Jahren radikal geändert hat, von seiner Beziehung zu Bea und von dem kleinen farbigen Kind, das beide haben werden, wenn die Adoptionsbehörde mitspielt. Pierre und Clotilde schreiben auch gleich ein Zeugnis. Nebenher berichtet Antoine von Boris und dessen perfider Idee, sich mit „Abschiedsdinnern“ aus Freundschaften zu schleichen. Und da er ein kluger Mann ist, riecht er alsbald den Braten und thematisiert den Verrat ohne Rücksicht auf Verluste. Von nun an läuft nichts mehr nach Plan.

Philipp Moschitz gelang mit dieser Komödie im Metropoltheater ein echter Hit. Er griff bei seiner Inszenierung im neuen gastronomischen Anbau auf drei echte Vollblüter zurück. Judith Toths Clotilde war eine Frau von schneidender Aufrichtigkeit, die auch mal zu explodieren drohte, wenn der sprichwörtliche Teppich, unter den Männer bekanntlich gern kehren, gelüftet wurde. Ihren Mann Pierre spielte Winfried Frey, schlitzohrig und rhetorisch einfallsreich, wenn es ums Retten ging. Doch die Situation war nicht mehr zu retten, denn Antoine war zutiefst verletzt. Den gab mit großem körperlichen, er ist mit Körper gesegnet, und stimmlichen Einsatz, die Stimme steht dem Körper in nichts nach, Dieter Fischer. Diesen Darsteller, den man beispielsweise als etwas spießig-schrulligen Kommissar Stadler aus den „Roseneheim-Cops“ kennt, auf der bescheidenen, weil kleinen Bühne (Sanna Dembowski / Philipp Moschitz) erleben zu dürfen, war ein echtes Ereignis. Das 85-minütige Feuerwerk an Wortwitz, Situations- und Körperkomik ließ kein Auge trocken.

Regisseur Philipp Moschitz hatte die Figuren und die Handlung auf den Punkt inszeniert und ein nahezu perfektes Timing geschafft. Und nichts ist wichtiger in einer Komödie als Timing! Es ging Schlag auf Schlag und es bedurfte äußerster Konzentration, keine Pointe zu versäumen. Moschitz durchbrach zudem die Grenzen der Räumlichkeit und so durfte der Zuschauer sich daran weiden, wie der beleidigte Antoine, also der wohlbeleibte Dieter Fischer, das Theater verließ, trotzig sein Auto bestieg und davonbrauste, um nach wenigen Augenblicken aus anderer Richtung (Das Theater befindet sich in einer Einbahnstraße!) wieder vorzufahren, um noch einige letzte offene Fragen zu klären. Den vielleicht besten Coup landete der junge Regisseur mit dem Einfall, die Darsteller in bayerischer Sprachmelodie und mit Dialektansätzen sprechen zu lassen. Das funktionierte nicht nur prächtig, sondern rückte die französische Komödie direkt in die Münchner Wohnzimmer.

Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière, ihr Erstling „Der Vorname“ erlebte im Dezember 2013 am Residenztheater eine ebenso wundervolle Premiere, haben sich, wie es scheint, auf den Umgang von Paaren miteinander eingeschossen. Eine Konstellation, wie wir sie auch in den Stücken von Jasmin Reza häufig finden. Diese gängige Dramaturgie ist in der Tat bestens geeignet, gesellschaftliche Realität sowohl in ihrer Öffentlichkeit als auch in ihren privaten Bezirken zu durchleuchten und zu entlarven, denn darum geht es in Komödien häufig. Zumindest, was das Verhalten unserer Mitmenschen - es sind ja immer die anderen gemeint - betrifft. Tatsächlich gelang den Autoren mit „Abschiedsdinner“ eine Komödie, die allen Anforderungen des Boulevards gerecht wird, die aber in ihrer Wirkung weit über den Unterhaltungseffekt hinausreicht. Die Frage nach Freundschaft, und was sie wert ist, wurde unmissverständlich gestellt und es war schwer vorstellbar, dass es auch nur einen Zuschauer gab, der sich davon nicht angesprochen fühlte.

Ein wunderbares Stück wurde kongenial auf der Bühne des Metropoltheaters umgesetzt und einmal mehr hat der Spielplan dieses großartigen Theaters einen Dauerbrenner, für den es schwer sein wird, Karten zu bekommen.

Wolf Banitzki

 


Das Abschiedsdinner   

von Matthieu Delaporte & Alexandre de La Patellière
Deutsch von Georg Holzer

 Winfried Frey, Judith Toth, Dieter Fischer

Regie: Philipp Moschitz

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen