Metropol Theater Die Tage, die ich mit Gott verbrachte von Axel Hacke


 

Kleiner Abriss der Schöpfungsgeschichte

Man stelle sich einmal vor, man fährt mit einem Zug heimwärts durch die Nacht und als man aus dem Fenster schaut, biegt der Zug in die Straße ein, in der man wohnt. Er hält direkt vor der eigenen Haustür, man steigt aus und der Zug fährt wieder davon. In der Straße gibt es indes keine Schienen. Würde man das seinen Angehörigen erzählen? Nicht, wenn einem selbst seine eigene Freiheit lieb und teuer ist. Für jemand, der allerdings mit einem fünfundzwanzig Zentimeter großen Büroelefanten lebt, sind solche Vorgänge zwar beachtlich, doch nicht unbedingt verwunderlich. Diesem Menschen, einen Büroangestellten, widerfährt so manches, zum Beispiel auch die Begegnung mit Gott. Dabei kommt heraus, was einige Mitmenschen schon vermuteten: Gott ist eine Frau. Das ist natürlich eine wunderbare Fügung, denn dabei können gleich einige zähe Vorurteile ausgeräumt werden. Zum Beispiel, dass Gott nicht allwissend und nicht unfehlbar ist. Und genau das ist auch Gottes Problem.

Ihre, also Gottes, Anwesenheit hienieden ist der Tatsache geschuldet, dass die Unendlichkeit, das ewige Schweben im Universum stinklangweilig ist. Also hat sie sich aufgemacht, ihre eigene Schöpfung in Augenschein zu nehmen, quasi forschend in ihr zu wandeln. Wen wundert es, dass Gott einigermaßen enttäuscht ist von dem Ergebnis. Dennoch hält Gott daran fest, dass eine ihrer besten Ideen die Evolution war, impliziert sie doch die Freiheit der Entscheidung. Dabei war es nicht einmal der erste Versuch einer Schöpfung. Zuvor ward bereits der Mensch in der Schublade geschaffen. Ein trauriges Subjekt, doch immerhin kam Gott bei der Betrachtung dieses Individuums zu dem Ergebnis, dass Einsamkeit, dass Alleinsein ein kontraproduktiver Zustand ist. Gut, zugegeben, der Mensch als gesellschaftliches Wesen ist auch ein ziemlicher Flopp, aber er ist immerhin nicht allein…

Axel Hackes kleiner Abriss der Schöpfungsgeschichte, erzählt als eine flüchtige Begegnung zwischen Mensch, hier Mann, und Gott, hält einige Überraschungen zur Person Gottes bereit, zum Beispiel über deren circensische Fähigkeiten. Gott kann sogar einen der steinernen Löwen vor der Münchner Feldherrenhalle durch einen brennenden Reifen springen lassen. Er lässt Sternschnuppen regnen, Schmetterlinge tanzen, den verstorbenen Vater des Mannes den immer gleichen Rasen mähen und eine Schlange rauchen. Die Schlange entzieht sich übrigens von jeher jeder höheren Autorität, wie schon im Buch der Bücher nachzulesen ist.

  Die Tage die ich mit Gott v  
 

 Judith Toth und Dieter Fischer

© Jean-Marc Turmes

 

Doch Gott ist nicht nur Gaukler, sondern auch Philosoph. Sie konfrontiert den Mann, zu dem sie ein geradezu zärtliches Verhältnis pflegt, mit dem großen „Egal“, einem amöbenhaften, ständig „egal“ brabbelnden Wesen im Untergrund. Und an dieser Stelle wird es existenzialistisch. Das Dasein an sich hat keinen tieferen Sinn und der unerschütterliche Glaube an Gott, die sich inzwischen als gescheiterte und melancholische Künstlerin mit Hang zum Alkohol entpuppt hat, spendet keinen Trost und hilft auch sonst nicht wirklich weiter.

Axel Hackes Text ist ein kluger, ein tiefsinniger, ein philosophisch abgeklärter und zugleich ein analytischer, der ganz nebenbei Phänomene wie religiösen Fundamentalismus schlüssig erklärt. Dass er ebenso unterhaltsam ist, steht außer Frage. Und auch die Frage nach der Umsetzung auf der Bühne durch Thomas Flach kann guten Gewissens und freudig bejaht werden. Als Protagonisten des Dialogs konnte Regisseur Flach Dieter Fischer und Judith Toth gewinnen. Eine bessere und trefflichere Besetzung war, nachdem die Inszenierung vom Publikum lautstark bejubelt wurde, auch kaum vorstellbar.

Dieter Fischer, zuletzt im Metropoltheater in „Abschiedsdinner“ zu sehen, gab einen Otto-Normalverbraucher der liebenswertesten Art. Beseelt von der Schönheit der Welt, die es ja unbestritten gibt, beschädigt durch das problematische Verhältnis zu seinem Vater, entsetzt von der Sinnfreiheit der Existenz an sich, lässt er Gott ohne Zögern einfach stehen, wenn er die Stimme seines geliebten Kindes hört. Hier ist ein Sinn der Existenz. Man muss ihn nicht teilen, aber er existiert zumindest für den einen Menschen. Und so gibt es auch für Gott, resolut und doppelbödig gestaltet von Judith Toth, Momente der Heiterkeit, des versöhnt seins mit der Schöpfung, und die tiefe Melancholie weicht einem naiven, aber doch tröstlichen Gefühl.

Thomas Flach inszenierte in bester Metropoltheatertradition. Heraus kam ein sehr persönlicher Theaterabend, in denen die beiden Darsteller beste Schauspielkunst demonstrierten und größtmögliche Eindringlichkeit erzeugten. Es war aber auch ein Abend voller Magie, die nicht selten außerhalb des Cafés des Metropoltheaters, auf der Straße oder an den Wänden der gegenüberliegenden Wohnhäuser (Video Philipp Kolb) stattfand. Damit erzeugt Thomas Flach, dessen Spielfläche im Café kaum mehr als 8 Quadratmeter maß, eine beinahe grenzenlose Spielfläche und trug das Stück hinaus in den städtischen Raum, in dem die vermeintlichen Geschichten stattgefunden hatten. Und sie hatten stattgefunden, so man der nachdrücklichen Versicherung Dieter Fischers Glauben schenken konnte.

Es war ein Abend zwischen Kurzweil und Tiefgang, ohne falsches Pathos und dem mutigen Versuch, die grundsätzlichen Fragen zu stellen. Hackes Antworten sind, soweit überhaupt möglich, zutiefst menschlich, ideologiefrei und intelligent. Die Mischung aus allem verbreitet weder Optimismus, noch beschwor sie einen in der Realität beinahe schon allgegenwärtigen Pessimismus. Selbst das Thema Flüchtlinge kam vor, denn Gott selbst, sie hat einen eigenwilligen Geschmack, was Kleidung anbelangt (Kostüme Cornelia Petz), war auf der Flucht aus dem Universum. Wer kann es ihr verdenken. Am Ende sind naturgemäß einige Fragen offen geblieben, die selbst Gott nicht beantworten konnte, zum Beispiel: Kann sich ein Vegetarier wurstig fühlen? Ein wenig Zeit ist ja noch, ehe die Sonne erkaltet und die letzten Hominiden, die es nie geschafft haben Homo sapiens zu werden, endgültig verschwunden sind. Bis dahin wird es vielleicht gelingen, auch diese letzten Fragen zu beantworten.

Wolf Banitzki

 


Die Tage, die ich mit Gott verbrachte
von Axel Hacke

Mit Dieter Fischer und Judith Toth

Regie: Thomas Flach
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