Metropoltheater  Out of the blue von Newton, Schrimm & Sternberg


 

Deja Vu

Neil Young wurde 1945 als Sohn des Sportjournalisten und Autors Scott Young und dessen Ehefrau Rassy Ragland Young in Toronto geboren. Sechsjährig erkrankte er an Polio, wodurch seine linke Körperseite nachhaltig geschädigt wurde. Diese Erkrankung war der Grund für seinen hinkenden Gang. Mitte der 60er Jahre erkrankte er überdies noch an Epilepsie und Diabetes. Als er zwölf Jahre alt war, ließen sich die Eltern scheiden und Neil zog mit der Mutter nach Winnipeg, Manitoba, der ursprünglichen Heimat der Mutter. Seit Anfang der 60er Jahre spielte er in Winnipeg in verschiedenen lokalen Bands. Doch der Erfolg blieb aus und er ging nach einem kurzen Intermezzo in Toronto nach Los Angeles, wo er gemeinsam mit Stephen Still die Band Buffalo Springfield gründete. Schnell avancierten sie zu einer der führenden Folk-Bands Amerikas. 1968 verließ Neil Young die Band wegen andauernder Streitigkeiten und nahm sein erstes Soloalbum auf. Kurz darauf erschien das erste Album mit der Band Crazy Horse. Mit ihnen hatte er seinen erfolgreichsten Hit: „Heart of Gold“. Es war zugleich auch die härteste Zeit in der Musikerkarriere Neil Youngs, denn Drogen, auch harte, gehörten zum Alltag. Nach dem dritten Tod eines Bandmitglieds bemerkte er verzweifelt: „Sie sterben wie die Fliegen.“

Gemeinsame Konzerte mit David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash gipfelten in dem legendären Auftritt vor 250.000 Menschen auf dem Woodstock-Festival. In der Zeit bis 1988 wechselte er mit ebenso wechselndem Erfolg die Stile. In der Zeit von 1988 bis 1997 avancierte er zum „Godfather of Grunge“. Grunge, zu Deutsch „Schmuddel“ oder „Dreck“, hatte seinen Ursprung im Underground und vereinte Elemente des Punkrock und des Heavy Metal. Danach wurde seine Musik ruhiger und verinnerlichter. 1995 begegneten sich Neil Young und der Filmemacher Jim Jarmusch. Für dessen Film „Dead Man“ mit Jonny Depp in der Hauptrolle schuf Young die Filmmusik, die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte. Young und Jarmusch stellten schnell fest, dass sie in künstlerischen Frage kongenial waren und im Jahr 1997 porträtierte Jim Jarmusch Neil Young und die Band Crazy Horse in dem Film „Year of the Horse“. 1995 wurde Neil Young in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Heute ist er ein mit Preisen hoch dekorierter Musiker und das wegen, aber auch trotz seines politischen Engagements. Mit seinem lautstarken Auftreten gegen Krieg und Verlogenheit der Regierung, zog er den Zorn der Nationalisten und Patrioten auf sich.

Als im Mai 1970 während Antivietnamkriegs-Demonstrationen vier Studenten der Kent-State-University von der Nationalgarde erschossen wurden, reagierten Neil Young und seine Band Crosby, Still, Nash & Young (CSNY) mit dem Song „Four Dead in Ohio“. Dieser Song avancierte zur Kent-State-Hymne. Als die Vereinigten Staaten in den Irak einmarschierten, kehrte Young, der nach 9/11 ein hartes Vorgehen gegen den Terrorismus gefordert hatte, zu seiner Antikriegshaltung der 70er Jahre zurück. „Don´t need no shadow man / Running the government / Don´t need no stinkin´ war …“ Er ging mit CSNY auf eine ausgedehnte Tour, die er selbst unter dem Pseudonym Bernard Shakey in dem Film “Crosby, Still, Nash & Young – Deja Vu“ dokumentierte. Neil Young ging so weit, in einem Song die Amtsenthebung G.W. Bushs zu fordern („Let’s Impeach the President“).

  Out of the blue  
 

Thomas Schrimm, James Newton, Andreas Lenz von Ungern-Sternberg

© Jean-Marc Turmes

 

Doch sein politisches Engagement war nur eine Facette seines Charakters und seines Schaffens. Neil Young ist eine so ungeheuer vielschichtige Persönlichkeit, dass es unmöglich scheint, ihn auf irgendeine dominierende Eigenschaft festzulegen. Wenn überhaupt, ist seine permanente Unrast ein tauglicher Begriff für eine Charakteristik. Und die trieb und treibt ihn immer wieder zu Erfahrungen, auf die er dann reagiert, scheinbar planlos und nicht selten chaotisch in seiner Spontanität. Jim Jarmusch gegenüber erklärte er in dessen Film „Year oft he Horse“ von 1997: „Man muss ein inneres Feuer haben, einen Beweggrund. Sonst sollte man nicht da (auf der Bühne – Anm. W.B.) stehen.“ Neil Young ist vor allem äußerst dünnhäutig und verletzlich, wie sein Vater in Jarmuschs Film verriet. Dieser extremen Sensibilität verdanken wir ein gewaltiges Oeuvre, geschmiedet in dem „inneren Feuer“, das bei Neil Young unauslöschlich zu brennen scheint. Dabei ist er selbst von kaum einer Katastrophe verschont geblieben wie Krankheit, zerbrechende Beziehungen, Drogen etc. Doch auch diese Katastrophen konnte er ummünzen in unsterbliche Songs.

Um diesem großen Musiker eine Reverenz zu erweisen, fanden sich die Schauspieler und Musiker Thomas Schrimm und James Newton gemeinsam mit dem Pianisten und Arrangeur Andreas Lenz von Ungern-Sternberg im Metropol zusammen. Etwa 20 Songs verwob der Arrangeur Andreas Lenz von Ungern-Sternberg zu einer Hitliste der Superlative. Gemeinsam griffen sie dann in die Seiten und Tasten und ließen für viele Zuschauer (2. Vorstellung) ihre eigene (meine inbegriffen) Jugend auferstehen wie ein Deja Vu. Thomas Schrimms emotionsgeladener Gesang beförderte das Publikum in die Sphären der Verzückung. Etlichen Zuschauern war an den zaghaften Lippenbewegungen anzusehen, dass sie innerlich mitsangen, so bei Titeln wie „Heart of Gold“ oder „Our House“ (Stephen Still).

Den drei Musikern war deutlich anzuspüren, dass sie hier nicht nur einige Songs performten, sondern dass sie von ihnen beseelt waren und so wurde dieser eineinhalbstündige Theaterabend einer der kurzweiligsten, den man sich vorstellen konnte. Angekündigt war der Abend als „Eine Verneigung vor Neil Young“, bei der auch Biografisches und Anekdotisches gereicht wurde, leider zu wenig, insbesondere von Letzterem. Immerhin gibt es den wunderbaren Film von Jim Jarmusch, der unbedingt empfohlen sein soll, zeigt er doch das Zusammenspiel und –leben der Bandmitglieder von Crazy Horse, allesamt erstaunliche Männer. Sie waren mehr als nur Musikerkollegen und wenn man sie auf der Bühne erlebte, dann begreift man, dass Neil Young großes Glück hatte, denn er wurde von den drei Mitstreitern getragen, inspiriert und zu höchsten Höhen empor gepusht. Wir reden hier von einer Welt, in der es keine aufgeblasene, gigantomanische Bühnenshow gab, sondern ehrliche Musik und ein Neil Young in kurzen Hosen, T-Shirt und gefangen im eigenen Rhythmus, der ihn wie einen Derwisch tanzen ließ.

Alle bahnbrechende Kunst sucht nach dem vollkommenen Werk. Gottfried Benn stellte einmal fest, dass selbst die größten Künstler nur wenige vollkommene und absolute Werke geschaffen haben. Neil Young gehört zu denen, die vielleicht zwei drei mehr geschaffen haben, als die Großen seiner Gilde. Und die erblühten nicht selten nun für den Augenblick auf der Bühne und verlöschten. Geblieben ist die Erinnerung bei denen, die es miterleben durften. Und diejenigen hatten im Metropoltheater ihr ureigenes „Deja Vu“. Dank dafür.

Wolf Banitzki

 


Out of the blue

Von und mit: James Newton, Thomas Schrimm und Andreas Lenz von Ungern-Sternberg

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