Residenz Theater Iwanow von Anton Tschechow


 

Agonie und Tod

Alle Stücke von Anton Tschechow sind Komödien? Bei „Iwanow“ drängen sich ernsthafte Zweifel auf. Vieles ist in diesem Stück anders als bei den übrigen, ernsthafter, existenzieller. Während in den anderen Dramen die erschöpfte dekadente Gesellschaft das Paradies verliert und weiterzieht, manchmal ins Elend, zumeist aber doch in andere dekadente Paradiese, geht Iwanow in den Tod, und zwar ohne zu zögern und unvermittelt. Die knappe Einsicht, die seinem Suizid voran geht, ist keine tiefschürfende Erklärung der Sinnlosigkeit seiner Existenz. Es trifft Iwanow, der eben noch heiraten wollte, wie ein Blitzstrahl: „Lange genug bin ich auf der schiefen Ebene abwärts geglitten, jetzt halt! Man muss wissen, wann man abzutreten hat!“ Iwanow wendet sich ab und erschießt sich.

Bis zu diesem Punkt ist sein Leben geprägt vom Versagen. Er hatte große Pläne, ähnlich wie Oblomow (1859 erschienener Roman von Iwan Gontscharow), doch hat er wie dieser nur darüber geredet, bis das Leben den Punkt setzte. Er hat seine Liebe zu Anna Petrowna verloren, die seinetwegen den Kontakt zu ihren Eltern aufgeben musste und die während der Handlung der Schwindsucht erlag. Er kann seine Schulden nicht bezahlen und er macht der zwanzigjährigen Sascha Hoffnung auf ein erfülltes gemeinsames Leben. Doch unmittelbar vor der Eheschließung ereilt Iwanow die Einsicht und er macht sich davon und aus dem Leben. Der Weg dahin wird begleitet von Müßiggängern und Schmarotzern, die ein ebenso sinnentleertes Leben führen wie Iwanow. Allein, sie haben es sich darin behaglich gemacht. Einziger Reizpunkt ist das Geld, Geld, das man nicht hat, das man verdienen möchte, das man anderen schuldet oder das man von Schuldnern zu bekommen hat. Wann immer Bewegung ins Geschehen kommt, ist zumeist Geld oder die Aussicht darauf der Auslöser.

Nun könnte man Iwanow einen schwachen Menschen nennen, der unter seiner Umgebung litt und der keinen Ausweg fand. Damit würde man Iwanow die Verantwortungslosigkeit sich selbst gegenüber verzeihen. Das wäre dann doch zu viel des Mitgefühls. Iwanow ist am Ende ein hartherziger, liebloser und egomanischer Mensch, der den einzigen Ausweg nimmt, zu dem er noch imstande ist. Es braucht unter derartigen Umständen keinen Mut, sich das Leben zu nehmen, sondern viel Mut bräuchte es, das Leben zu leben. Auch findet sich im ganzen Stück keine Figur, die man als Hoffnungsträger bezeichnen könnte, keinen Utopisten, keinen Umweltschützer oder einen gesunden Menschen, der aufsteht und an die Arbeit geht, wie es die „Drei Schwestern“ tun. Iwanow ist ein illusionsloses Drama, das sich darauf beschränkt eine scheintote Gesellschaft zu beschreiben.

  Iwanow  
 

Sophie von Kessel, Thomas Loibl

© Matthias Horn

 

Martin Kušejs Inszenierung war karg ausgestattet, hatte zwei Spielorte, die identisch sein könnten, wäre Iwanows Wohnsitz nicht vom Verfall gezeichnet. Die Wände waren grauschimmelig und auf den etwa zwanzig Stühlen und dem Boden hat sich Sand angesammelt, als wäre eine Düne hindurch gewandert. Das Gut Lebedews, dessen Tochter Sascha das Objekt Iwanows Begierde ist, war baugleich, allerdings rein, intakt und sauber. (Bühne Annette Murschetz) Wenn überhaupt eine Figur sympatisch war, dann die Lebedews, von Oliver Nägele als ein von den Umständen gehetzter und dabei doch zu Empathie und tiefer Liebe zu seiner Tochter fähiger Familienvater gegeben. An seiner Seite eine megärenhafte Juliane Köhler, deren ausschließliches Interesse auf das Geld reduziert zu sein schien, das sie bewahren wollte vor der Großzügigkeit ihres Mannes oder das ihr Iwanow schuldete. Iwanow als unsympathisch und abstoßend zu empfinden, fiel schwer, denn Thomas Loibl verkauft diese Figur als so gejagt und von den Umständen tyrannisiert, dass Mitleid wider die Vernunft kaum ausbleiben konnte. Zwischendrin irrlichtert Genija Rykovas Sascha, ein bezauberndes und unbedarftes Mädchen, das sich bestens für das Opfer eignet.

Und natürlich gab es auch in diesem Figurenensemble die lächerlichen und komischen Menschen, die Tschechows Dramen so unwiderstehlich machen. So gestaltete René Dumont einen lächerlichen Matwej Semjonowitsch Schabjelski in Unterhosen, Onkel von Iwanow mütterlicherseits, der stets mit seinen Skrupeln kämpfte, den Grafentitel gegen eine gute Mitgift zu tauschen. Paul Wolff-Plottegg spielte den Steuereintreiber Dmitri Nikititsch Kosich, dessen ganzer Part darin bestand, gebetsmühlenartig über ein Kartenspiel zu jammern. Hanna Scheibes reiche Jungwitwe Marfa Jegorowna Babakina im push-up-Kostüm war beängstigend überdimensionierte Weiblichkeit, etwas, was Ulrike Willenbachers alte Awdotja Nasarowna (mit undefinierbarem Beruf – Tschechow) nie gehabt zu haben schien. Alfred Kleinheinzs Dienerrollen Gawrila und Piotr grenzten fast schon an Kabarettnummer, wirkungsvoll eingestreut. Einen echten Kontrast zu diesen Figuren waren der Arzt Jewgeni Konstantinowitsch Lwow, von Till Firit mit echter Sorge und ernster Anteilnahme ausgestattet, und Marcel Heupermans Michail Michailowitsch Borkin dessen zumeist unlautere Ideen, wie man an Geld kommen könnte, die Agonie aufrührte wie einen dicken Brei.

Agonie war auch das Schlüsselwort für das Verständnis von Martin Kušejs Inszenierung. Vielleicht sollte man den Tod noch ins Spiel bringen, denn manchmal ließ sich schwer unterscheiden ob es noch Agonie oder schon Tod war. Martin Kušej legte es darauf an, beide Komponenten der menschlichen Existenz so nah wie möglich aneinander zu rücken. Das führte dazu, dass Sprach- und Spiellosigkeit nicht selten das Zepter zufiel. Dann passierte im wahrsten Sinne des Wortes nichts, lange, sehr lange nichts. Die ganze Vorstellung dauert immerhin drei Stunden und zwanzig Minuten. Das Nichts, oder besser der Ausdruck des Nichts, wurde in der Premiere gelegentlich durch das Publikum lautstark beanstandet, denn die wenigen Sätze, die noch gesprochen wurden, erreichten die Ohren der Zuschauer kaum. Selbst als der Ruf ertönte: „Geht’s noch leiser?“ trat Marcel Heuperman den Beweis an. Es ging noch leiser. So sehr die Empörung im Publikum auch brodelte, war es doch eine radikale künstlerische Idee, die Martin Kušej ästhetisch schlüssig und konsequent umgesetzt hat. Und irgendwie wurde das Publikum durch den Schluss, in dem plötzlich so viel Bewegung aufkam, dass die scheintoten Figuren gerade einmal zu offenen Mündern fähig waren, versöhnt. Der Applaus war mehr als lebhaft. Zu Recht, denn diese Iwanow-Inszenierung hatte couragierte Ansätze, die nicht in Halbherzigkeit versandeten wie das Leben Iwanows, sondern die die Qualen gnadenlos über die Rampe ins Publikum brachten und sie spürbar werden ließen. Ja, Theater kann auch weh tun und es macht trotzdem Sinn. Es gab einmal eine Zeit, da hatte der Theatergänger sein Reclam-Heftchen vorab gelesen und wusste, was geschehen würde. Dergestalt präpariert konnte man sich auf die Ästhetik konzentrieren und musste nicht fürchten, die Handlung nicht zu verstehen.

Wolf Banitzki

 


Iwanow

von Anton Tschechow

Thomas Loibl, Sophie von Kessel, René Dumont, Oliver Nägele, Juliane Köhler, Genija Rykova, Till Firit, Hanna Scheibe, Paul Wolff-Plottegg, Marcel Heuperman, Ulrike Willenbacher, Arnulf Schumacher, Alfred Kleinheinz, Max Koch, Jeff Wilbusch, Pauline Fusban

Regie: Martin Kušej

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